crescendo Premium
Sofort bestellen:

7 Ausgaben mit Festspielguide + 6 Abo-CDs+Prämie Ihrer Wahl + Geschenk CD

crescendo Premium
Erst Testen:

1 Ausgabe gratis + 1 Abo-CD + Geschenk CD bei Abo-Bestellung

René Jacobs: “Singen war meine große Liebe”

12. Oktober 2009

René Jacobs; (c) Innsbrucker Festwochen/N. Vandory… verrät der Dirigent René Jacobs, und überrascht mit einer geheimen Sammelleidenschaft

Von Richard Eckstein

Frühherbst in Wien: Über die alte k. und k.-Metropole spannt sich “strahlend” genau der “Himmel von blauer Seide”, den Thomas Mann nur für München in Anspruch nehmen wollte. Die barocken Gartenanlagen des Belvedere prunken schöner denn je, und den bei der letzten Restaurierung lieb gewonnenen Fahrstuhl ins Kuppeljuchee der Karlskirche gibt’s auch noch. Fernsicht ohne Ende.

Dann – ganz in der Nähe – ein Hotel, das nicht zu den historistischen Prachtpalästen zählt, wie sie sonst die Ringstraße und deren Umfeld prägen, dessen (modern gestaltete) Suiten sich nach Ansicht seines derzeit wohl prominentesten Bewohners jedoch “anfühlen wie Appartements”. Stimmt: Nach einem kleinen Vorgarten betritt man den mit einer imposanten Gewölbedecke versehenen Wohnraum. Der Maestro wartet schon.

crescendo: Wenn Sie eine große Opernproduktion betreuen wie hier Rossinis “Tancredi” am Theater an der Wien, sind Sie für mehrere Wochen nicht in Paris, sondern müssen in einer fremden Stadt leben. Was machen Sie außerhalb der Probenzeiten?

René Jacobs: Meine Frau ist fast immer bei mir. Deswegen fühle ich mich nie allein. Einsamkeit kann furchtbar sein – besonders dann, wenn bei der Arbeit nicht alles nach Plan läuft. Ein leidenschaftlicher Büchersammler wie ich hat beim Heimflug stets mit Gewichtsproblemen zu kämpfen. Zu Hause bräuchte ich dringend eine ganze Woche für die Neuordnung meiner Bibliothek. Es wird zunehmend schwieriger, etwas wieder zu finden.

crescendo: Als Sie begonnen haben, Gesang zu studieren, galt das Fach des Countertenors – gelinde gesagt – als recht exotisch. Hätten Sie sich damals träumen lassen, dass Alte Musik im Ganzen und die hohe männliche Stimmlage im Besonderen einmal so etabliert sein würden wie jetzt?

Jacobs: Ich wollte einfach singen. Singen war meine große Liebe. Relativ lang konnte ich dies mit meinem Knaben-Mezzo, und als es nicht mehr klappte – ich aber trotzdem eine hohe Sprechstimme behielt -, dachte ich natürlich, ich wäre Tenor. Immerhin gab es bereits einen Pionier auf dem Gebiet des Counters: Alfred Deller. Er wurde zu meinem Vorbild. Dass ich mich in Dellers Lage wohl fühlte, machte mich froh.Erst durch das Umtrainieren zum Countertenor bin ich mit Alte Musik-Spezialisten in Kontakt gekommen – zuerst in Belgien und Holland. Freilich habe ich später wahrgenommen, dass es sich um eine Bewegung handelte, die florierte. Darüber aber, ob es eine Mode oder etwas Bleibendes wäre, habe ich seinerzeit überhaupt nicht nachgedacht.
Heute weiß ich, dass daraus eine neue Mentalität der “historischen Informiertheit” in der musikalischen Praxis entstanden ist: Man muss zwar nicht auf alten Instrumenten spielen, sich allerdings damit beschäftigen, wie es früher geklungen hat, welches die Beschränkungen und Vorteile des damaligen Instrumentariums waren usw. Die Gruppe von Dirigenten, die sich nach wie vor nicht für solche Fragestellungen interessiert, wird glücklicherweise immer kleiner.

crescendo: Welches sind die größeren Stars: Sänger oder Dirigenten? Sie sind ja beides …

Jacobs: Eigentlich existiert diese Zweiteilung für mich gar nicht. Für mich gibt es nur Musiker. Bei denen unterscheide ich aber sehr wohl: Zum einen sehe ich Stars, die durch die Allmacht der Medien zu solchen gemacht werden, zum anderen haben manche Künstler durch lange, harte Arbeit etwas erreicht und somit eine Autorität gewonnen, die sie zum Star werden lässt, ohne dass sie selber darauf erpicht waren.

crescendo: Kollegen von ihnen, die sonst im klassisch-romantischen Repertoire verharrt hätten, machen Ausflüge in die Barockoper. Und ehemals reine Alte Musik-Experten wie Sie sind bereits im Belcanto oder darüber hinaus angelangt. Hat sich ein Aufeinander-Zu-Bewegen ereignet?

Jacobs: Der generelle Unterschied ist, dass ich mit dem Dirigieren eher nebenbei begonnen habe, als ich noch als Sänger tätig war. Ich musste nicht die klassische Korrepetitor-/Kapellmeister-Laufbahn einschlagen. Wenn man ständig das Repertoire des 19. Jahrhunderts einzustudieren hat, aus dem ein Großteil des Spielplans besteht, bleibt man dort natürlich irgendwie hängen. Der Schwerpunkt von Alte Musik-Spezialisten – übrigens ein schrecklicher Begriff, den ich gar nicht mag – war dagegen traditionell das 17. Jahrhundert. Die einen bewegen sich in der Zeit nach vorn, die anderen nach hinten. Im besten Fall trifft man sich in der Mitte. (lacht)

crescendo: Wie viel Zeit nehmen Sie sich für die Beschäftigung mit einem neuen Stück?

Jacobs: Das hängt vom jeweiligen Werk ab. Ich habe viel länger gebraucht, mich auf Mozarts “Idomeneo” vorzubereiten als auf Haydns “Jahreszeiten” und seine “Schöpfung”. Für mich sind diese beiden Oratorien völlig evident. Das heißt, ich weiß, was der Komponist da will. Allen Orchestermusikern, die ich kenne, geht es genauso. Sie lieben es, diese Stücke zu spielen.

crescendo: Was zeichnet Haydns Stil aus?

Jacobs: Niemals kommen irgendwelche Tempofragen auf. Das ergibt sich alles ganz organisch. Außerdem staunt man immer wieder über Haydns absolute Formbeherrschung. Das reicht so weit, dass es ihm am Anfang der “Schöpfung” mit einer so klaren Struktur wie dem Prinzip des Sonatensatzes gelingt, das genaue Gegenteil – nämlich das Chaos, sozusagen die Ursuppe, die am Beginn allen Lebens stand – zu charakterisieren.

CD-Cover: “Die Schöpfung”, Jacobs; (c) harmonia mundiJoseph Haydn: Die Schöpfung
Freiburger Barockorchester, RIAS Kammerchor, René Jacobs
harmonia mundi

Share

Einen Kommentar schreiben

 

Kommentar
Name
Email