Sol Gabetta: Wenn man oft umzieht, lernt man, die Dinge zu relativieren.
Sie ist 27 Jahre jung, hat Preise bei internationalen Wettbewerben in Hülle und Fülle abgeräumt und spielt weit über 200 Konzerte pro Jahr. Für uns lüftet die Cellistin Sol Gabetta ihr Erfolgsgeheimnis: die richtige Einstellung – darauf kommt es an.
crescendo: Was bedeutet für Sie ein Auftakt?
Gabetta: Der Beginn, der erste Schritt und damit auch ein Risiko, weil man nicht weiß, was passiert. Wie es weitergeht.
crescendo: Auftakt zum Leben: Sol (Spanisch für Sonne) nannte man Sie.
Gabetta: (Lachen) Ach, wissen Sie, meine Eltern nannten mich so, weil sie vor meiner Geburt eine schwere Zeit hatten. Und auch ich hatte bei der Geburt die Nabelschnur um den Hals. Doch als ich nach Hause kam, ging die Sonne auf…
crescendo: … im argentinischen Córdoba, wo Sie 1981 geboren wurden.
Gabetta: Ich habe einen argentinischen und einen französischen Pass. Eigentlich wurde ich auch sehr von den russischen Großeltern mütterlicherseits geprägt. Die Eltern meiner Mutter emigrierten in der Zeit der Weltkriege nach Frankreich; ich kann sogar Russisch sprechen. Mein Vater aber ist Argentinier und Katholik. Meine Mutter ist Musikerin, Pianistin, und hat die Laufbahn von mir und meinem Bruder, der Geiger ist, immer vorangetrieben.
crescendo: Auftakt in ein neues Leben mit zehn Jahren: Sie verließen Argentinien und gingen mit ihrer Familie nach Europa.
Gabetta: Ja, zunächst nach Madrid, wo ich ein Stipendium an der Musikhochschule erhielt, danach nach Basel, da mein Lehrer Ivan Monighetti, ein Schüler von Mstislaw Rostropowitsch, nur noch dort lehrte. Mein Vater, von Beruf Volkswirtschaftler, gab alles auf und war immer bereit, jede Entscheidung mitzutragen. Das hat er alles für uns gemacht und ich bin ihm sehr dankbar, für diese Liebe und dieses Vertrauen und den Glauben an unser Talent. Es gibt nicht viele Eltern, die dies für ihr Kind machen. Heute lebt die Familie im elsässischen St. Louis. Man kann also sagen: Ich schlafe in Frankreich, aber mein Leben findet in der Schweiz statt.
crescendo: Hatten Sie je Angst vor einem Neubeginn?
Gabetta: Nein, aber Respekt. Wenn man oft umzieht, lernt man, die Dinge zu relativieren. Man kann nicht allem das gleiche Gewicht einräumen, auch wenn man wollte. Irgendwann nimmt man Gewohnheiten an, hat wichtige Bezugspersonen, und es wäre schwierig, dies alles noch einmal aufzugeben, weil man wieder umziehen muss. Dennoch muss man in sich flexibel bleiben, braucht zugleich aber auch eine Heimat. Das ist komplex.
crescendo: Auftakt zur Arbeit: das Partiturstudium.
Gabetta: Ich habe mir mittlerweile angewöhnt Partituren im Zug zu studieren. Früher konnte ich das nicht, ich habe ja mit der Zuzuki-Methode angefangen: Man kopiert erst einmal alles, was die Lehrerin vorspielt. Erst dann habe ich meine Persönlichkeit mit dem Stück entwickelt. Heute bin ich keine Studentin mehr, kann mich selbstständig mit der Partitur auseinandersetzen.
crescendo: Auftakt zu einem Konzert: Lampenfieber?
Gabetta: Ich bin jetzt in einer neuen Phase, habe etwa 235 Konzerte pro Jahr. Das Lampenfieber hat sich verändert. Früher, als ich vielleicht 20 Konzerte pro Jahr hatte, war jedes Konzert wie eine einzelne Perle. Heutzutage kann ich viel mehr planen, die Stücke auswählen, die ich spielen will, es gibt eine Breite im Repertoire, viel Sicherheit.
crescendo: Auftakt zu einer Karriere: Gibt es ein System?
Gabetta: Ich weiß es nicht. Ich habe an vielen Wettbewerben teilgenommen. Unter anderen an dem (Anmerkung der Redaktion: mit 75 000 Franken dotierten) Credit Suisse Group Young Artist Award, den ich 2004 gewann und der viele Türen geöffnet hat. So durfte ich beim Lucerne Festival mit den Wiener Philharmonikern auftreten unter Valéry Gergiev. Es gibt keine Regel, kein System, es ist vielmehr der Umstand, dass man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Aber wer kann das schon vorherbestimmen?
crescendo: Schostakowitschs „1. Cellokonzert”, das Sie jetzt auf einer neuen CD präsentieren, spielte dabei eine sehr große Rolle.
Gabetta: Durch den Credit Suisse-Preis durfte ich mit den Wiener Philharmonikern ein Werk aufführen und ich wählte dieses Stück. Ich war erst 22 Jahre alt. Gibt es einen schöneren Auftakt?
Das Gespräch führte Teresa Pieschacón Raphael.

Neue CDs von Sol Gabetta:Cello-Werke von Dmitri Schostakowitsch, Marc Albrecht, Münchner Philharmoniker und cantabile, Charles Olivieri-Munroe, Prager Philharmoniker (beide RCA).













Maier Bertl
Ich habe heute abend ein Konzert mit Sol Gabetta in Friedrichshafen erleben dürfen. Haben Sie schon einmal einen Engel gesehen und gehört der ein singendes Cello spielt ???
Diese Schönheit und Reinheit von Person und Klang empfinde ich
als wahnsinniges Erlebnis.
Peora
Ja, habe ich. Er heißt Thomas Beckmann und ist in den nächsten Wochen mit seinem Cello auf seiner Tournee zugunsten obdachloser und bedürftiger Menschen zu hören. Am Freitag geht’s los und ich bin froh, dabei sein zu können. Ein ganz großer Künstler, und ein großer Mensch.
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