Soll der Storch doch nach Ibiza fliegen!

Sohn und Pianist Paul Gulda; Foto: Bob Coat
Das Leben des Friedrich Gulda aus Sicht von Sohn Paul und Lebensgefährtin Ursula Anders
Von Ralf Dombrowski
Friedrich Gulda gibt noch immer Rätsel auf. Zu vieldeutig sind die Signale, die von ihm ausgingen, um ihn als Teil einer einzelnen Szene sehen zu können. Für den Pianisten selbst war das kein Widerspruch, denn er suchte nach dem Kern der Musik unter der Oberfläche der Erscheinung. Ob er ihn bei Mozart, Jazz oder Paradise Island fand, war nur ein gradueller Unterschied innerhalb des Systems. Am 16. Mai wäre der im Jahr 2000 verstorbene Pianist und Pionier der Grenzüberschreitung 80 Jahre alt geworden. Die Fachwelt ehrt ihn mit einem Bildband, herausgegeben von seiner Ehefrau Ursula Anders, einer Veröffentlichung mit Kompositionen von Richard Strauss und einem zunächst nur in Österreich erhältlichen Big Band Album. Im Münchner Hofgarten trafen wir Friedrich Guldas Lebensgefährtin und Nachlassverwalterin Ursula Anders und seinen Sohn Paul Gulda und sprachen mit den beiden über Archivschätze, Richard Strauss und die Kunst der Zufriedenheit.
crescendo: Wie verwaltet man ein Erbe wie das von Friedrich Gulda?
Paul Gulda: Zunächst einmal mit Fleiß. Es ist sehr groß, sehr vielfältig …
Ursula Anders: Und es ist manchmal schwierig, weil viele Leute noch immer Scheuklappen haben. Die einen wollen den Klassiker, die anderen nur Jazz. Und das, was er auf Ibiza gearbeitet hat, so etwas geht ja überhaupt nicht.
crescendo: Es scheint ein ganzes Füllhorn unveröffentlichter Aufnahmen auf eine Bearbeitung zu warten …
Gulda: Es gibt noch ziemlich viel. Wir stehen vor Rundfunkarchiven, vor einer begrenzten Anzahl von verwertbaren und von Friedrich Gulda selbst erstellen Mitschnitten, die bei den Bach- und Chopin-Veröffentlichungen bereits eine gewisse Rolle gespielt haben. Dann gibt es private Archive wie in München von Loft Productions. Unser Hauptanliegen ist es, den produktiven und bis in die letzten Jahre kontroversen Friedrich Gulda in der ganzen Breite zu präsentieren. Es kann keine Option sein, nur alles Klassische heraus zu kramen und zu verhökern. Manchmal wird uns vorgeworfen, dass wir einfach Kasse machen wollen, aber genau das Gegenteil ist der Fall.
crescendo: Was fasziniert besonders an den Fundstücken?
Gulda: Mein Vater war ein Live-Spieler. Im Studio war er zwar Top-Klasse und irrsinnig verlässlich, was für Aufnahmeleiter sehr bequem war. Aber live war er um Längen besser. Es betonte immer, er besäße ein Sensorium für die Vibes des Publikums.
crescendo: Warum eigentlich Richard Strauss? Er ist ja weniger als Komponist für Klavier bekannt …
Gulda: Der Ball kam von Universal Deutschland. Sie hatten eine Aufnahme der Lieder mit Hilde Güden, außerdem eine alte „Burleske„ von 1954 von der Decca mit Anthony Collins. Ich meinte dann: Es gibt als lustige und ungewöhnliche Ergänzung noch den „Bürger als Edelmann„ aus Wien mit Maazel. Die ‚Burleske‘ habe ich mir dann angehört und fand sie sehr studiolastig. Ich wusste aber, dass sie zu seinen Glanzstücken dieser Zeit gehörte. Also machte ich mich auf die Socken und habe eine lebhaftere Aufnahme bei Radio Suisse Romande gefunden, mit Ernest Ansermet, der bereits Guldas Wettbewerbskonzert 1946 dirigiert hatte und ihn zu Höchstleistungen anspornen konnte.
crescendo: Was war Show bei Friedrich Gulda?
Gulda: Es war meistens echt. Ich habe ihn als ambivalent, bipolar in Erinnerung. Er hatte einen sehr ernsten, strengen, unbedingten Zug in sich. Das aber war die Vorbedingung für sein unbändiges Freiheitsstreben. Sich aus seinen eigenen strengen Vorgaben mit Mühe und Lust zu befreien – das ist ein Januskopf. Deswegen wirkt es so, als könne das nicht derselbe Mensch sein. Gespielt war allenfalls manchmal eine gewisse Harmlosigkeit. Wenn er in Ruhe gelassen werden wollte, hat er sich in das Unverbindliche geflüchtet, in die flotte Ansage für zwischendurch. Das war eine Schutzhaltung, um mit manchen Leuten nicht wirklich ernsthaft reden zu müssen.

Lebensgefährtin Ursula Anders; Foto: Bob Coat
Anders: Das Publikum war manchmal sehr unsensibel. Wenn er etwas Schönes improvisiert hatte, dann kamen die Menschen hinterher, um Fragen zu stellen oder Autogramme zu bekommen. Gulda sagte immer: Wartet, ich muss mich erst kurz frisch machen und fuhr die Mauer hoch. Er hätte es nicht ertragen, wenn jemand zu ihm gekommen wäre und gemeint hätte: Damals, die Beethoven-Sonaten, die haben sie so schön gespielt – wo er doch eben auch so etwas Großartiges präsentiert hatte.
crescendo: Wie macht man aus einem derart bunten Leben ein Buch?
Anders: Ich habe mich gefragt, was wirklich wichtig in seinem Leben war und danach das Buch aufgebaut. Gulda fand die größte Befriedigung in seiner Musik. Ich erinnere mich da an einen Winterabend in Weißenbach in meiner Wohnung. Er spielte einen Bach, himmlisch, überirdisch. Hinterher meinte er dann: Ach, und nun sitze ich wieder hier! Da war ich fast ein wenig beleidigt.
crescendo: Als junger Mann meinte Friedrich Gulda, er sei als Pianist schon fertig …
Gulda: Wenn man mit der Mechanik und dem Ergründen der technischen Geheimnisse des Klaviers beschäftigt ist, nimmt das sehr viel Raum ein. Dann hat man den Blick nicht ganz so frei für das, was als Nächstes ansteht. Wenn man diese Voraussetzungen aber im kleinen Finger hat, dann kann man den Geist schweifen lassen. Manche haben sich damals über die Frühvollendung Sorgen gemacht, aber das war aus der Froschperspektive gedacht. Wenn man im Tümpel schwimmt, hat man Ängste, was passieren könnte, wenn man auf dem Hügel sitzt. Der Frosch macht sich da Gedanken um die Probleme des Storchs. Das klingt jetzt polemischer als es gemeint ist. Soll der Storch doch nach Ägypten fliegen, ist ihm eh lieber. Oder nach Ibiza.
crescendo: Gab es für Friedrich Gulda eine Trennung zwischen Kunst und Leben?
Gulda: Ich habe ihn als jemanden erlebt, der zu 95 Prozent seiner Existenz Musiker war. Das sogenannte Leben fand zwischendurch statt, hier mal Tischtennis spielen, da mal Zeitung lesen. Aber das waren kurze Atempausen in einer sich ständig mit der Kunst befassenden Existenz. Wenn er am Ende des Lebens sagte, dass er zwischen Techno und Mozart tiefe Gemeinsamkeiten fand, dann war das auf den ersten Blick vielleicht eine irritierende Ansage. Aber seine Fragen handelten vom Gegenwärtigen, Vitalen, Tänzerischen, Mitreißenden, nicht vom Historischen, wo man die Haltung des Rezeptiven einnehmen konnte. Es ging um das: Wow! Da will ich mit!

CD "Friedrich Gulda spielt Richard Strauss"; Decca

CD "Piano Recital", Friedrich Gulda; HaensslerClassic
Friedrich Gulda: spielt Richard Strauss. Burleske – 13 Lieder – Suite. Mit Hilde Güden (Decca/Universal);
Friedrich Gulda: Klavierabend (hänssler CLASSIC)









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