Über den Antrieb eines Unentschlossenen
Eva Gesine Baur hat zum 200. Geburtstag ein Buch über Frédéric Chopin geschrieben und sehr aufschlussreiche Thesen über dessen sensibles Wesen recherchiert.
Von Christoph Schlüren
Als Autorin ist sie ein Allrounder der Kultur des Sinnlichen: Eva Gesine Baur - auch bekannt unter dem Pseudonym Lea Singer (etwa mit dem brillanten Paul Wittgenstein-Roman “Konzert für die linke Hand”) - ist Kochkünstlerin, Chronistin, Schriftstellerin und populäre Geisteswissen-schaftlerin in Personalunion. Nun hat sie pünktlich zum 200. Geburtstag eine Biographie von Frédéric Chopin vorgelegt - jenes Komponisten, der wie kein anderer für die Klaviermusik der Romantik steht. “Chopin oder die Sehnsucht” ist nicht irgendeine weitere Biographie geworden, sondern ein so umfangreiches wie kurzweilig zu lesendes Seismogramm eines Künstlerlebens, das mit einer Fülle neuer Erkenntnisse und umfassender Horizonterweiterung hinsichtlich der Lebensumstände, des persönlichen Umfelds überrascht.
Neben der faktischen Genauigkeit überzeugt das im historischen Präsens geschriebene Buch durch einen durchgehenden dramatischen Sog. Eva Gesine Baur ging es vor allem darum, Chopin verstehen zu lernen, “aus seinen Räumen heraus, aus seiner politischen, sozialen Umgebung. Das zu erforschen war die Hauptarbeit; ein Dreivierteljahr intensives Lesen und Exzerpieren, um herauszufinden, welche Begegnungen, Erfahrungen und Ereignisse für ihn prägend waren.” Und sie habe versucht, das masowische Land, das Warschau seiner Kindheit und Jugend, sein Dresden, sein Berlin, vor allem das Paris seiner Zeit so präzise in allen sinnlichen Details zu schildern, dass der Leser darin spazieren gehen könne.
crescendo: Man spricht gerne vom “Spiegel der Seele” in Chopins Musik. Zurecht?
Eva Gesine Baur: Ich glaube, das lässt sich nicht verhindern. Er hat immer gesagt: “j’indique” - “ich deute an”. Seine Werke suggerieren formale Offenheit, obwohl sie äußerst determiniert sind. Dem Hörer kann es wie aus dem Moment entstanden erscheinen, wie eine Improvisation. Das Schicksal von Chopins Musik ist daher, dass jeder seine Projektionen darin aufgehen sieht. Zugleich ist das der Grund dafür, dass sie so zahlreiche Menschen erreicht und berührt.
crescendo: Viele Absätze enden in dieser Biographie mit einer Frage. Warum?
Baur: Weil ich damit eine Analogie zu diesem Andeuten Chopins finden wollte, das den Hörer mit einbezieht, weil es Spielraum lässt. Mir ging es auch darum, “ohne Demontage die Versiegelung des Idols aufzubrechen. Wenn Sie heute eine musikbegeisterte Frau fragen: ‚Hättest du dich in Beethoven verliebt?’, sagten die meisten Ja. Bei Chopin ist es genauso. Deshalb fragen sich viele, wie George Sand nur so grausam sein konnte, den armen Kerl zu verlassen.
crescendo: Das ist Folge der Verklärung. Wie kam es denn zu dem Untertitel “Die Sehnsucht”?
Baur: Die Nicht-Erfüllung seiner Wünsche, das ewige Heimweh, ist für Chopin die größte schöpferische Antriebskraft gewesen. Vielleicht ist er deshalb nie nach Polen zurückgekehrt, auch als es politisch und wirtschaftlich möglich gewesen wäre.
crescendo: Der Trieb, der Erfüllung findet, wird nicht mehr sublimiert, das kreative Interesse erlischt.
Baur: 1831 bezeichnete Chopin sich selbst als “das unentschlossenste Geschöpf der Welt”. Jahre später gestand er, sich nur allzugerne “am Gängelband” führen zu lassen.
crescendo: Seine äußerste Form des Protestes war Rückzug. Sie sehen den Grund dafür in seinem introvertierten Naturell.
Baur: Die Tatsache, dass er bis auf wenige Ausnahmen nur fürs Klavier komponierte, scheint mir Ausdruck dieser Haltung zu sein: “ich will nicht expandieren!” Vielleicht hat diese bewusste Einschränkung auch mit einer depressiven Anlage Chopins zu tun, die sich in seinen Briefen immer wieder zeigt.
crescendo: Chopins Neigung, sich zurückzuziehen, abzukapseln, große öffentliche Auftritte so weit nur irgend möglich zu meiden, hatte für Sie auch die Funktion eines Selbstschutzes.
Baur: Ich habe mich bemüht, zu erzählen, in welchen dramatischen Zeiten des Umbruchs Chopin lebte, wie viele Revolutionen, Demonstrationen, Aufstände, Neuerungen, Einbrüche um ihn her stattfanden. Vielleicht war der Rückzug seine einzige Möglichkeit, daran nicht zu zerbrechen.
crescendo: Das erste und letzte Kapitel Ihres Buches bilden einen dramaturgischen Rahmen.
Baur: Es geht in beiden Fällen um einen konkreten Gegenstand, der pars pro toto ist, der stellvertretend für eine Gefühlswelt Chopins steht. Das erste Kapitel dreht sich um einen weißen Kragen, den seine Mutter ihm für den ersten Auftritt bestickt hat. Heimgekehrt erklärt der Kleine, alle hätten nur den weißen Kragen bewundert. Er steht für seine Mutterliebe, sein Bedürfnis nach Geborgenheit und das Versorgtwerden, die ihn lebenslang prägten. Und im letzten Kapitel geht es um sein Herz, das die Schwester nach Polen zurückbringt, weil er verfügt hatte, sein Körper solle in Paris, sein Herz aber in der Heimat beerdigt werden. Das ist für mich Sinnbild seiner Sehnsucht. Diese Sehnsucht zu stillen, hat Chopin sich selbst erst mit dem Tode gewährt.
Pünktlich zu Chopins 200. Geburtstag überschlagen sich die Plattenfirmen mit Neuerscheinungen, Erst- und Wiederveröffentlichungen von Frédéric Chopins Werken:
Anna Gourari: Frédéric Chopin. The Mazurka Diary. BERLIN Classics.
Chopin. 200th Anniversary Edition: The Complete Works. Claudio Arrau, Daniel Barenboim, Garrick Ohlsson, Leif Ove Ansdnes, Alexis Weissenberg, Vilde Frang, Tzimon Barto, Andrei Gavrilov, Cécile Ousset u.a., 16 CDs, EMI Classics.
Martha Argerich: Argerich plays Chopin. Die Rundfunkaufnahmen, Deutsche Grammophon. Friedrich Gulda: Chopin. Deutsche Grammophon.
Rafał Blechacz: Chopin. The Piano Concertos. Royal Concertgebouw Orchestra, Jerzy Semkow, Deutsche Grammophon.
The Art of Chopin: Maurizio Pollini, Vladimir Ashkenazy, Hélène Grimaud, Vladimir Horowitz, Emil Gilels, Alice Sara Ott, Zoltán Kocsis, Nelson Freire, Daniel Barenboim, Arturo Benedetti Michelangeli, Ivo Pogorelich, Maria João Pirez, Sviatoslav Richter, Mikhail Pletnev, u.a., 2 CDs, Deutsche Grammophon.
Roger Woodward, Alexander String Quartet: Frédéric Chopin. Klavierkonzert Nr. 2 für Klavierquintett. Celestial Harmonies.
Olga Scheps: Chopin. RCA. Alexandre Tharaud: Chopin. Journal Intime. Virgin Classics.



















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