gratis probelesen!

2 crescendo-Ausgaben und 2 Premium-CDs gratis

 gleich bestellen

Aktuelle CD

Hier erhalten Sie gratis die CD zur aktuellen crescendo-Ausgabe.

Ich bin kein Sänger und auch kein Tenor

20. Mai 2007

Rolando VillazónEr ist vielleicht der beste lebende Sänger. Und trotzdem: Tenor nennt sich Rolando Villazón nicht gern. Er versteht sich eher als Darsteller, dem es um die Belebung seiner Charaktere auf der Bühne geht.

Von Rolando Villazón

Ich habe mir lange überlegt, was ich bin. Und ich glaube, ich bin kein Sänger und auch kein Tenor – ich bin ein Darsteller. Tenor – das war viel zu lange aufgeteilt in die einzelnen Fächer, in lyrische, dramatische oder Spinto-Tenöre. Dieses Kästchendenken ist eine Art der Verdinglichung.

Ich will mich all das gar nicht fragen. Ich singe nicht deshalb den Herzog in “Rigoletto” nicht, weil ich ihn nicht singen könnte, sondern weil ich mit dieser Rolle momentan nur wenig anfangen kann. Ich singe den Bajazzo nicht, weil ich das Gefühl habe, dass diese Rolle bei mir nicht zu ihrem Recht kommt. Ich lasse Rolando Villazón in der Garderobe, wenn ich singe. So wie ich die Charaktere auf der Bühne lasse, wenn ich fertig bin. Ich habe nichts mit Don José zu tun, aber ich muss mich mit seiner Leidenschaft auseinandersetzen, die dazu führt, dass er Carmen tötet.

Auf der Bühne muss man zwar singen, sollte aber kein Sänger sein – ich meine, mit all dem Wissen, das dazugehört. Klar, ich liebe die Bravos, die Aufmerksamkeit. Jeder Künstler ist schließlich Narziss. Und ich brauche das Publikum. Gleichzeitig singe ich aber nicht für das Publikum. Sobald man Erwartungen befriedigen oder geliebt werden will, ist man zum Scheitern am eigenen Empfinden verurteilt.
Ich erwarte schon ein aktives Publikum. Letztlich findet ein metaphysischer Austausch zwischen Publikum und Sängern statt. Natürlich merkt man, ob die Leute schlafen oder ob sie konzentriert sind, ob Montag ist oder Samstag. Auf der anderen Seite darf sich ein Künstler nicht beklagen, wenn jemand hustet. Unterbewusst wird jede Regung in das eigene Spiel integriert.

Man darf nur nicht den Fehler machen, das Verhalten im Auditorium auf sich selbst zu beziehen, denn dann ist man nicht mehr Don José, sondern wieder der Sänger Rolando Villazón. Es ist fürchterlich, aus der Oper in den profanen Zustand der Wirklichkeit des Opernhauses zu fallen. Es geht also um die Balance aus Distanz und Nähe, zu sich und der Rolle, zum Innen und Außen.

Wenn wir die Oper ernsthaft als Teil unserer Wirklichkeit begreifen, dürfen wir uns nicht wundern, dass sie sich den Gesetzen der Gegenwart anpasst: Sänger sitzen heute mehr Zeit im Flugzeug, als dass sie auf der Bühne stehen. Immer mehr Interviews halten uns von der Vorbereitung ab. Aber während das Geschäft um die Oper schneller wird, bleibt die Oper selbst ein herrlicher Anachronismus. Sie ist einer der wenigen Orte, an denen die Zeit noch ausgehebelt wird, an dem selbst der geschäftigste Manager sein Mobiltelefon für einige Stunden ausschalten muss. Ich suche natürlich auch die Momente der Stille, aber ich liebe das Drumherum genauso. Manchmal frage ich mich, ob das an meinem Geltungsdrang liegt. Aber dann antworte ich mir klar und deutlich: “Nein!” Ich liebe den Kontakt mit Menschen, die Situationen, die Spontaneität. Und ja, da bin ich auch mal Clown. Ich verkörpere privat sicherlich mehr Rollen als auf der Bühne.
Die Gefahr besteht darin, dass Stimmen über den Starkult zu Produkten gemacht werden sollen. Denn das ist die andere Seite der Gegenwart: eine kontinuierliche Verdinglichung.

Sänger haben es mit der eifersüchtigsten aller Göttinnen zu tun, mit der Göttin der Oper. Sie vergibt Schwächen, Fehler, aber keine Leidenschaftslosigkeit. Die Kunst der Oper ist die Kunst des Unterbewusstseins. Sie erzählt Geschichten, die in unserer verdinglichten Welt nur selten thematisiert werden. Stinknormales wird mit einem Orchester, mit einer Seele, mit Musik und Leben aufgeladen. Wir lernen, dass leben bedeutet, die Lust und das Leid gleichermaßen zu akzeptieren.

Der Text ist Teil eines Interviews, das Axel Brüggemann mit Rolando Villazón geführt hat.

10 Kommentare zu “Ich bin kein Sänger und auch kein Tenor”

Elfi Zeilmeir

28. Mai 2007 um 17:07 Uhr

Erneut ein sehr interessantes Interview mit diesem wunderbaren Künstler. Danke Axel Brüggemann.
Besteht die Möglichkeit, das Interview vollständig zu erhalten? Der Ausdruck aus dem Internet ist leider unvollständig. Die rechte Hälfte ist nur zum Teil lesbar.
Ich würde ich sehr über eine Antwort freuen.

axel

28. Mai 2007 um 17:24 Uhr

Liebe Frau Zeilmeir,

vielen Dank für die Blumen. Wir arbeiten gerade an einer Druck-Version der Artikel. Derzeit empfiehlt sich noch, den Text zu markieren, in Word zu kopieren und auszudrucken. Abgesdruckt ist der Text natürlich auch im letzten “crescendo”.
Liebe Grüße
Axel Brüggemann

Maik Dahlhaus tenor

12. Juni 2007 um 12:08 Uhr

Rolando ist ein Sänger aus Leidenschaft.
Es sollte keine Rolle spielen welcher Stimmgattung man angehört.

Applaus Rolando

Elfi Zeilmeir

14. Juni 2007 um 22:36 Uhr

Lieber Axel Brüggemann,
nach längerer Abwesenheit habe ich erst heute Ihre Anwort “entdeckt”. Leider bin ich alles andere als ein Internetprofi und war deshalb erstaunt und happy, dass ich ein Echo bekam. Ihre Kopierempfehlung habe ich versucht, hat aber nicht geklappt. Das erwähnte “crescendo” würde ich gerne gegen Rechnung bestellen. Ist dies auf diesem Wege möglich?
Höre ich wieder von Ihnen?
Danke und liebe Grüße
Elfi Zeilmeir

Elfi Zeilmeir

15. Juni 2007 um 07:16 Uhr

Ich habe einen Kommentar geschrieben und mein Laptop sagt: Achtung: Der Kommentar muss erst noch freigegeben werden…
Was bedeutet das?
Elfi Zeilmeir

axel

15. Juni 2007 um 13:00 Uhr

Liebe Frau Zeilmeir, ich habe Ihre Anfrage weitergegeben – das mit den Kommentaren ist so: Wir lesen erst, ob keine Inhalte drin sind, die rechtlich schwierig sind, und geben die Texte dann frei.
Viel Freude mit Ihrem crescendo – und schauen Sie auch weiterhin hier vorbei.
Liebe Grüße
Axel Brüggemann

M. Pohl

21. Juni 2007 um 14:38 Uhr

Weiß jemand, wa mit ihm los ist? Man hört nur noch von Absagen.
Muß man sich Sorgen machen um diese wunderbare Stimme und diesen symphatischen Künstler?
Martina Pohl

Inge Bertram

5. Juli 2007 um 10:06 Uhr

Guten Tag,
ich bin per Zufall auf Ihre Site gestoßen und finde das Interview mit Rolando Villazon sehr interessant. Leider habe ich ihn noch nicht live gesehen und gehört.
Da ich in Frankreich wohne, hätte ich gerne gewusst, ob es möglich ist, das Interview als Druck gegen Bezahlung zu erhalten (oder auch das ganze Heft). Über eine Antwort würde ich mich freuen.
Viele Grüße aus der sonnigen Provence

axel

5. Juli 2007 um 14:28 Uhr

Liebe Frau Bertram,

ich leite Ihre Anfrage gern weiter und freue mich über Ihr Lob.

Liebe Grüße
Axel Brüggemann

Gisela Lombert

16. Juli 2007 um 17:41 Uhr

Lieber Herr Brüggemann,
darf ich mich anschließen? Das Heft, in dem dieses Interview ist, hätte ich sehr gern auch. Selbstverständlich gegen Bezahlung.
Um die “Verdinglichung” und die Gesundheit des großen Sängers Rolando Villazón mache ich mir inzwischen wirklich auch Gedanken, wie Frau Pohl. Wissen Sie, wie es ihm geht?
Herzliche Grüße: G. Lombert

Einen Kommentar schreiben

 

Kommentar
Name
Email