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Und jetzt: Adoro?

5. Februar 2010
Adoro; (c) Foto: Ben Wolf/Montage: crescendo

Adoro; Foto: Ben Wolf/Montage: Port Media GmbH

Fünf Beaus füllen seit Monaten Konzerthallen mit Schmusedecken-Musik. Ist das die Zukunft der klassischen Musik? Wir haben vorsichts-halber einen Autoren zu einem Konzert in Berlin geschickt.

Von Kai Schächtele

Es ist 20 Uhr und sieben Minuten, als die erste Wohlfühlwelle durch die Berliner Max-Schmeling-Halle schwappt. Der gold-ockerfarbene Samtvorhang, dessen geschwungene Ziehharmonika-Falten die Atmosphäre eines Opernhauses verbreiten sollen, ist kurz vorher nach oben gezogen worden. Dahinter sind erschienen: ein Orchester zur Linken, das ausnahmslos aus Frauen mit schulterfreien Kleidern und einer Pianistin am weißen Flügel zusammengesetzt ist, und einer Band mit Schlagzeug und Gitarre zur Rechten. Dazwischen liegt eine geschwungene Showtreppe mit blinkenden Stufenkanten. Der Reihe nach erscheinen darauf fünf Männer und singen “Wenn ein Lied meine Lippen verlässt / dann nur, damit du Liebe empfängst.” Die Ballade, die ursprünglich von der Hip-Hop-Band “Söhne Mannheims” stammt, erzählt von großen Gefühlen. In umso kleineren, genau aufeinander abgestimmten Schritten bewegen sich die Sänger von Adoro dazu über die Bühne. Setzen sich auf die Treppe: “Dieses Lied ist nur für dich / schön, wenn es dir gefällt.” Stehen wieder auf: “Denn es kam über mich / wie die Nacht über die Welt.” Und stellen sich pünktlich zum Refrain breitbeinig nebeneinander: “Wenn ein Lied meine Lippen verlässt / dann nur, damit du Liebe empfängst. / Durch die Nacht und das dichteste Geäst / damit du keine Ängste mehr kennst.”

Die Männer, die die Liebe mit einer Verve in die Halle tragen, als lasse sich deren Intensität in Dezibel messen, tragen schwarze Anzüge mit weißen Einstecktüchern, drei haben sich eine Krawatte umgebunden, einer eine Fliege, das Hemd des Fünften steht zwei Knöpfe weit offen. Jeder im Publikum soll die Amore offenbar von demjenigen empfangen, der am besten zu ihm passt. Wenige Minuten später ist das Lied zu Ende, Applaus brandet auf. Laszlo Maleczky, der Frauenschwarm mit dem offenen Hemdkragen, sagt in dezentem Wienerisch: “Wie schön, dass Sie alle gekommen sind. Singen Sie mit, darüber freuen wir uns sehr.” Das Publikum lässt keinen Zweifel daran, dass es den Fünfen diese Freude nicht versagen wird. Die Welle des guten Gefühls vermengt sich mit dem Duft von Bratwurst und Pommes Frites, der unter dem Hallendach hängt. Willkommen bei Adoro, der Popcorn-Oper am Freitag Abend.

Das Konzert ist für das Quintett ein Heimspiel. Es war ein Tonstudio in Berlin, in dem sich die Baritone Peter Dasch, Jandy Ganguly und Nico Müller sowie die Tenöre Laszlo Maleczky und Assaf Kacholi zweieinhalb Jahre zuvor zum ersten Mal trafen. Sie waren aus über hundert Bewerbern ausgewählt worden mit dem Auftrag, mit den Mitteln der klassischen Musik moderne Popsongs so zu interpretieren, dass die Songs von Rio Reiser, Marius Müller-Westernhagen oder Udo Jürgens klingen wie die große Oper. Alle fünf hatten an renommierten Musikhochschulen studiert, in Berlin, Dresden, Leipzig, Weimar, Wien und Tel Aviv, und bereits Auftritte auf Opernbühnen, bei Festspielen und im Rundfunk hinter sich. Jetzt wurden sie zu Popstars umgeschult. Am 21. November erschien ein Album, das so hieß wie die Band. “Adoro” ist Italienisch und heißt “Ich bete an.” Einen Tag später waren sie zu Gast beim Hohepriester des telegenen Glücks, Kai Pflaume. Ihr Auftritt mit dem Hit für das jüngere Publikum “Liebe ist alles” traf das Fernsehpublikums offenbar genau ins Herz: Noch vor Weihnachten stand das Album in den Top Ten. Der Plan ihres Produzenten war aufgegangen: Die fünf Sänger hatten sich Zugang zu einer Klientel verschafft, die sich bis dahin nur für Oper interessiert hatte, wenn sie in Verbindung stand mit Seife.

Mit ehrlichem Bemühen versuchen Adoro deshalb in Berlin, ihre Zuhörer für ihre Herkunft zu interessieren. Sie singen “Irgendwie, irgendwo, irgendwann” von Nena oder “Dieser Weg wird kein leichter sein” von Xavier Naidoo, als wäre es die Pamino-Arie aus der Zauberflöte. Etwa zur Mitte der ersten Hälfte fragt Dasch: “Wer von Ihnen war in den letzten Monaten in der Oper?” Der Spot richtet sich in die Halle. Zaghaft strecken sich ein paar Arme nach oben. Maleczky sagt: “So viele wenige Hände haben wir noch nie gesehen. Sie können doch bestimmt die 50 bekanntesten Opern und ihre Ouvertüren aufzählen.” Ein Raunen geht durch die Halle. Nach wenigen Sekunden beendet er das Leiden. “Vielen Dank, dass Sie heute Abend gekommen sind, um uns zu sehen.” Es folgt erleichterter Applaus, so, als sei eine Schulklasse nur knapp einer unangenehmen Prüfung entkommen. Jetzt gilt es, sich wieder zu entspannen zu einem Lied, das im Original von Udo Jürgens stammt: “Ich glaube, dieses Leben ist schön genug, bunt genug, Grund genug, sich daran zu erfreuen.”

In der Pause stehen die Adoro-Fans an runden Tischen, essen Nüsschen und trinken ein Glas Sekt und erzählen sich davon, wie sie auf die Gruppe aufmerksam wurden. “Ich habe sie im Sat.1-Frühstücksfernsehen gesehen”, sagt eine Frau mit blondiertem Haar. “Ich war aber noch nicht ganz wach.” Eine andere erzählt von einem Auftritt bei Carmen Nebel. Nein, in der Oper sei von ihnen noch niemand gewesen, sagen alle zusammen. Adoro ist das Mensch gewordene Klassik-Radio: leicht konsumierbare Musik, die einem keine Auseinandersetzung mit ihr abverlangt, aber trotzdem das gute Gefühl gibt, ein Stück Hochkultur erlebt zu haben. Damit füllen die Musiker nicht nur die Hallen von Kiel bis Freiburg. Sie verkaufen auch so viele Alben, dass ihr Debüt zu den zehn meistverkauften Alben im Jahr 2009 gehörte. Und für das zweite, “Für immer und dich”, erschienen im November 2009 und benannt nach einem Song von Rio Reiser, erhielt die Gruppe bereits eine Platin-Auszeichnung.

Der Erfolg aber war genau vorbereitet. Das gilt nicht nur für die Zusammensetzung, sondern auch für jeden Auftritt. So gut wie nichts passiert bei Adoro, was sich nicht vorher jemand überlegt hat. Jede Bewegung auf der Bühne, jede Pointe der fünf, die in den Liedpausen erklären, wie man einen Bariton von einem Tenor unterscheidet und wer in der Gruppe Marzipan mag und wer nicht, folgen einem Plan. Nur in ganz wenigen Momenten versagt die Choreographie, etwa, als ein Kellner Champagner auf die Bühne bringt und jedem Sänger genauso ein Glas überreicht wie dem Dirigenten, der im Frack vor seinem Damenorchester steht. Es geht gerade um Enrico Caruso, der nicht nur ein großer Sänger gewesen sei, sondern auch ein ordentlicher Trinker. Dasselbe gilt wohl für den Dirigenten, der sein Glas in einem Rutsch leer trinkt. Ein Adorer lacht und sagt: “Das war jetzt nicht einstudiert.” Was nichts anderes heißt als: alles andere dagegen schon.

Und so folgt an dem Freitagabend in Berlin eine gefällige Nummer auf die nächste. Gelegentlich machen die Sänger die Bühne frei für eine Geigerin oder die Pianistin, deren Finger bei einem Stück Filmmusik aus “Der Pianist” über die Tasten fliegen, als würde sie sie bloß streicheln, verfolgt von einer Kamera, die den schwebenden Fingertanz auf die Leinwand wirft. Gelegentlich lodern kleine Flammen aus den Feuertöpfen, die auf der Bühne verteilt sind, auf die ersten Zuschauerreihen regnen künstliche Rosenblätter. Und zum Finale darf das Publikum noch einmal laut mitsingen, zu “Freiheit” von Marius Müller-Westernhagen. Es folgen die Dankesworte “an alle, die dafür gesorgt haben, dass wir heute Abend hier stehen” und das obligatorische Feuerwerk. Das Hallenlicht geht an, und auf die Frage, ob sie jetzt auch einen der fünf auch einmal auf einer Opernbühne erleben wolle, antwortet eine Dame: “Ja, kann ich mir schon – wenn ich dafür Zeit hätte.”

Sollte also Adoro mit dem Ziel angetreten sein, die Zuhörer allmählich für das zu öffnen, was sie einst gelernt haben: Sie werden damit leben müssen, dass sie daran scheitern werden. Sie erreichen ein Publikum, das sich ohne einen solchen Rahmen nie für ihre Kunst interessieren würde. Und dieses Publikum geht zufrieden nach Hause, weil es ein Konzert erlebt hat, das alle Sinne anspricht, ohne den Kopf zu sehr zu bemühen.

Doch wenn alle glücklich sind nach einem solchen Abend – was sollte man dagegen sagen? Eigentlich nur dies: Adoro ist keine Kunst, sondern ein Kunstprodukt. Es geht zum einen Ohr leicht hinein, zum anderen aber auch hinaus.

Das ist Adoro
Die jungen Opernsänger Peter Dasch, Laszlo Maleczky, Nico Müller, Jandy Ganguly und Assaf Kacholi wurden Ende 2007 von SODA MUSIC in Berlin als Klassik-/Pop-Crossover-Projekt gecastet, und werden von Universal Music unter dem Label We Love Music vermarktet. Im Jahr 2008 erschien das Album „Adoro„, 2009 dann „Für immer und Dich„. Die Alben landeten in den Charts auf Platz eins und zwei. Termine unter www.adoromusic.de.

5 Kommentare zu “Und jetzt: Adoro?”

Nina

7. Februar 2010 um 20:26 Uhr

Ich finde diesen Bericht ganz okay,aber teilweise doch recht blöd kritisiert.Adoro bewegt viele Menschen in Richtung Oper…und es gibt so viele lustige,nicht einstudierte Sachen,die man allerdings nur als richtiger Adoro-Fan oder -Liebhaber bemerkt und erkennt.

Margarete

9. Februar 2010 um 18:45 Uhr

Ich finde diesen Bericht nicht okay.Adoro wird nicht Scheitern, davon sind wir Fan`s überzeugt. Was ist den schon schlimmes dabei,wen Sie uns ihrer Musik näher bringen wollen. Es sind ganz faszinierende Stimmen, wo sich manch anderer eine Scheibe dran abschneiden könnte. Also nur kein NEID .
PS.Bin kein Tenager sondern 54.

Rita

9. Februar 2010 um 22:53 Uhr

Wenn jemand – so wie der Artikelschreiber – mit einer Erwartungshaltung an einen klassischen Abend in ein Adoro-Konzert geht, wird er sicher enttäuscht sein, denn das Quintett interpretiert keine klassischen Titel, sondern deutsche Popsongs mit ihren klassisch ausgebildeten Stimmen. Die Gruppe ist eine Klassik-Pop-Crossover-Formation. Durch Casting, wie die Gruppenmitglieder zusammenkamen, ist auch im Musiktheater ein ganz normaler Vorgang. Also, was ist daran schlimm?
Ich sehen keinen Widerspruch, als Oper- und Klassikliebhaberin auch ein Adoro-Konzert zu besuchen; ebenso sind mir Rockkonzerte nicht fremd und zu den Teenagern gehöre ich mit meinen 49 Jahren auch nicht mehr. Ich mache auch keinen Unterschied zwischen U- und E-Musik; für mich gibt es nur Musik, die mir gefällt oder nicht gefällt. Musik muss berühren, mich emotional ansprechen, dann ist sie richtig. Dieser Effekt tritt bei mir bei Arien, aber auch bei Popsongs u.v.a. auf! Bemerkenswert finde ich bei Adoro, dass sie es durch ihre Interpretationen schaffen bei Menschen das Interesse an klassischer Musik zu wecken, die ein Opern- oder Konzerthaus nur von außen kannten. Kunst, ein weiter Begriff. Menschen den Zugang auch zu klassischer Musik aufzuzeigen, ich nenne das auch Kunst.

Nadine

10. Februar 2010 um 13:42 Uhr

Ich bin ein ganz großer Adoro Fan (und auch kein Teenager mehr)
Ich finde den Bericht OK, denn es ist ja die Wahrheit, dass die Show einstudiert ist und die Romantik eine Inszenierung. Ich liebe Adoro trotzdem, weil auch eine Inszenierung das Leben bunter machen kann. Es gibt wohl kaum Künstler die Ihre Show nicht einstudiert haben, von daher ist das ja nichts schlimmes.
Übrigens ich bin tatsächlich 2 Monate nach dem Konzert das erste Mal in einer Oper gewesen und fands hervorragend.Das hätte ich ohne Adoro nie gemacht!

Sabrina Ohligs

20. März 2010 um 15:15 Uhr

Ich finde den Bericht nicht gut geschrieben da es ja offensichtlich is was der Autor von Adoro hält. Genau sowas darf icht passieren als Autor, man muss sachlich über etwas berichten und nicht nur alles ins negative ziehen weil man es selbst nicht gut findet … Ansonsten finde ich manche Zeilen richtig, andere nicht … und natürlich ist bei einem Konzert alles geprobt und eingespielt, wie soll das denn auch sonst funktionieren?! Aber ich war ebenso auf einem Konzert und auch dort wurde das mit dem Dirigenten gemacht, von daher, aber das dachte ich mir eh schon, ist auch dies einstudiert^^ das ist doch en Lacher bei jedem Konzert deswegen wird dann auch noch hinzugefügt es sei nicht einstudiert. Naja, jedem das seine sag ich mir immer, Musik ist etwas sehr intimes, etwas sehr eigenes, jeder Mensch hat einen anderen Geschmack und darüber lässt sich streiten, wäre aber unnötig. Ich kann nur noch hinzufügen, Adoro machen auch für junge Leute das Gehör offen für die Oper … und jaaa, durch die Jungs geht man dann auch schonmal zur Oper, ist der Autor also mal wieder überstimmt. Ich muss auch noch abschließend sagen, es bringt nichts an eine Sache heranzugehen wenn man nicht objektiv ist, das nochmal zum Autor und an die Redaktion und an das ganze Team … vielleicht überdenkt ihr solche Sachen zuerst nochmal.

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