Unsere Stars? Hier, bitte.
Die crescendo Redaktion ist in medias res gegangen und verrät ihre ganz persönlichen Ausnahmekünstler.
1
Die Assoluta: Maria Callas
Das Callas-Virus erwischte mich vor 22 Jahren. Ein Klassik-Sender feierte gerade den zehnten Todestag der Primadonna assoluta und ich lauschte jedem Beitrag voller Bewunderung. Der klangliche Reichtum ihres Singens, ihr dramatischer Instinkt und die Fähigkeit ihres drei(!) Oktaven umfassenden Soprans, über alle Fachgrenzen zu triumphieren, waren einfach überwältigend. Selbst wenn man Superlative scheut: Maria Callas ist für mich der größte Opernstar.
Von Richard Eckstein
2
Die Jet Setterin: Diana Damrau
Pferdestehlen mit einem Star? Komische Vorstellung, aber mit Diana Damrau durchaus denkbar. Trotz stimmlicher Höhenflüge liebt die Schwäbin Bodenhaftung – einerseits als Königin der Klänge und kristallklarer Koloratur-Sopran, andererseits Powerfrau voller Lebenslust und mit sonnig-unkompliziertem Wesen. Privat bleibt sie daher “immer Diana”, auf der Bühne hat sie einen “Riesenspaß, andere Rollen auszuprobieren”. Reiten liebt sie übrigens auch – wenn die Nonstop-Jetsetterin dazu nur ein wenig mehr Zeit finden würde.
Von Antoinette Schmelter de Escobar
3
Der Anti-Star: Grigory Sokolov
Ein “russischer Bär” am Klavier? Nein, einer der technisch makellosesten und zugleich sensitivsten Pianisten unserer Zeit. Bislang hat sich Grigory Sokolov konsequent jeglicher PR-Strategie verweigert. Ist der 1950 in St. Petersburg geborene Künstler also eine Art “Anti-Star”? Vielleicht. Enthusiasmus und Jubel, die er bei seinem Publikum stets zu erzeugen vermag, haben ihn – trotz ungewöhnlicher Konzertprogramme – vom Geheimtipp zur Kultfigur werden lassen. Welch ein Sieg des Geistes über Marketing und bloßen Starrummel!
Von Richard Eckstein
4
Der Deutsche: Fritz Wunderlich
Seine Stimme berührt mich immer wieder auf´s Neue. Von heiter und leicht bis melancholisch und schwermütig, aber immer authentisch. Die Krönung seines Werks ist für mich persönlich “Der letzte Liederabend”, der Mitschnitt seines letzten Auftritts am 4. September 1966 in Edinburgh, zwei Wochen vor seinem Tod mit nur 35 Jahren.
Von Winfried Hanuschick
5
Der Mutige: Pablo Casals
Er war eine moralische Institution. Der spanische Cellist Pablo Casals sagte einmal: “Die einzigen Waffen, die ich hatte, waren mein Cello und mein Taktstock”.
Mit ihnen bekämpfte er kompromisslos den Totalitarismus. Die opportunistische “political correctness” heutiger Künstler hätte er nur verachtet. Ein mutiger Mensch in Zeiten mörderischer Diktaturen. (www.paucasals.org/en/home)
Von Teresa Pieschacón Raphael
6
Der Exzentrische: Herbert von Karajan
Seine Markenzeichen waren schwarze Rollkragen-Pullover, in die Stirn fallendes Grauhaar und jugendlich wirkende Sportwagen. Herbert von Karajan war weit mehr als ein Dirigent. Look und Lebensweise machten den Maestro über das musikalische Ausnahme-Talent hinaus zur Ikone. Kein Wunder, dass zum 100. Geburtstag des populären Perfektionisten, der mehr als 300 Millionen Platten verkaufte, zahllose Bilder seines bewegten Lebens erschienen, genauso wie Biographien und Best-of-Compilations. Eine Taktstock-Koryphäe mit Popstar-Potenzial – brillant, unvergessen, unkopierbar.
Von Antoinette Schmelter de Escobar
7
Die Makellose: Simone Kermes
“Lava” heißt ihre jüngste CD mit neapolitanischen Arien aus dem 18. Jahrhundert. Doch ihr Naturell mit einem Vulkan zu vergleichen wäre etwas billig. Auch “crazy Queen of Baroque” passt nicht, trotz Kermes’ roter Mähne und dramatischem Make-up. Ihre Gesangskunst ist mit äußerlichen Parametern nicht fassbar, appelliert sie doch in ihrer Tiefe und Empfindsamkeit an unser Innerstes. Warum nicht jeder Simone Kermes kennt? Sie hasst jede Art von Anbiederung; auch deshalb ist sie ein Star!
Von Teresa Pieschacón Raphael
8
Der Feurige: Rolando Villazón
Echo Klassik 2005: Ganz unprätentiös kommt er auf die Bühne, wirkt fast unbeholfen. Dann singt er einfach los. Leicht und unbeschwert, kraftvoll und leidenschaftlich füllt seine Stimme die Münchner Philharmonie. 2.500 Gäste hängen gebannt an seinen Lippen. In diesem Moment war klar: Von diesem Mexikaner werden wir noch viel hören. Aber: Wer so viel gibt, ist irgendwann leer. Villazon musste eine Auszeit nehmen. Hoffentlich kommt er bald gestärkt zurück!
Von Winfried Hanuschik
9
Der Hartnäckige: Christian Thielemann
Gegen alle niederträchtige Kolportage ist er ein Star geworden, gegen mieseste Gerüchte und gegen Kübel voller Dreck, die über ihm ausgeschüttet wurden, weil es lange Zeit stets “schick” war, schlecht über ihn zu reden. Ohne PR, ohne Interesse an political correctness, ohne Partygängerei – einzig aus genialischem musikalischem Können geht dieser Künstler seinen Weg. Mir gibt Thielemann den Glauben zurück, dass sich im medialen Klassikzirkus dirigierender PR-Marionetten doch noch Qualität und Können durchsetzen.
Von Pascal Morché
10
Der Bescheidene: Wolfgang Sawallisch
Wolfgang Sawallisch ist “mein” Star, weil ich in München so ziemlich alle Werke von Mozart, Strauss oder Wagner von ihm dirigiert kennenlernte. Das große, souverän und uneitel vermittelte Können dieses Dirigenten, seine unglaubliche Repertoirekenntnis und seine Bescheidenheit sich der Partitur unterzuordnen; ja, der Musik zu “dienen”, sind Tugenden, die im heutigen Klassikbetrieb verloren gehen und die doch eigentlich einen “eigentlichen” Star ausmachen sollten.
Von Pascal Morché









Einen Kommentar schreiben