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Bayreuth: Von Ratten und Menschen im
Versuchslabor

26. Juli 2010
Bayreuther Festspiele 2010: "Lohengrin" mit Annette Dasch, Georg Zeppenfeld, Festspielchor

Bayreuther Festspiele 2010: "Lohengrin" mit Annette Dasch, Georg Zeppenfeld, Festspielchor; Foto: Bayreuther Festspiele GmbH/Enrico Nawrath

Hans Neuenfels inszeniert einen hoch intelligenten neuen „Lohengrin“ zur Bay-reuther Festspieleröffnung 2010 / Musikalisch höchstes Niveau mit vielen Hügel-Debütanten

Von Barbara Angerer-Winterstetter

Alain Resnais‘ Spielfilm von 1980 „Mein Onkel aus Amerika“ nimmt das Motiv vorweg: Laborratten-Experimente werden menschlichen Verhaltens-weisen gegenübergestellt. Die Idee, mit der Regisseur Hans Neuenfels in seiner neuen „Lohengrin“-Inszenierung auf dem Bayreuther Grünen Hügel arbeitet, ist also keine Neuerfindung, aber neu bei den Festspielen. Verstörend sicher für so manchen, der die romantische Oper ebenso auf der Bühne erleben möchte, ein höchst intelligenter Coup aber für denjenigen, der lieber eine glasklare, schlüssige Regie erlebt. Denn das ist Neuenfels‘ Deutung, trotz der vielen Buhs für die Premiere zur Festspieleröffnung am Sonntag.

Bleiben wir bei den Ratten: Hans Neuenfels und sein kongenialer Ausstatter Reinhard von der Thannen machen die hochintelligenten Nager zum Leitmotiv – aber das Rattenkostüm wirkt in seinem Neopren-Material nicht nur tierisch-possierlich, sondern auch wie hochwertige Sportbekleidung; und durch den Rattenkopf, der ebenso Röntgenaufnahme wie Schutzhelm sein könnte, schimmert immer der menschliche Kopf durch. In einer Labor-Situation durchleben diese Ratten denn auch einige Mutationen hin zur Spezies Mensch, werden zu Hütchen schwingenden Gelbfrackträgern und zu Rittern mit Schwanenemblem und Tonsur am Kopf (zu viele Hirnstudien bzw. -manipulationen?). Gefährlich auffallend ist die Bereitschaft dieser opportunistischen Überlebenskünstler, sich anzupassen – putzig bis liebevoll, wenngleich manchmal zu nah am Comic die tierischen Darstellungen inklusive rosafarbener Babyratten. Tatsache ist: Als Zuschauer macht man sich an diesem Abend (und danach) viele Gedanken übers Menschliche im Rattigen und das Rattige im Menschlichen.

Aber diese Idee ist beileibe nicht alles. Im glasklar ausgeleuchteten, geschmackvoll designten Versuchs-Raum des „Lohengrin“-Labors bleibt keine Emotion unanalysiert, kehrt sich das Innerste nach außen. Es ist Lohengrin, der die Dimension der Liebe ins Spiel bringt – er ruft mit seinem „Nie sollst du mich befragen“ dazu auf, Vertrauen ins Gefühl zu haben. Das eigentliche Wunder in dieser Inszenierung wäre, wenn dieser Wunsch, dessen Sinnbild der Schwan ist, Wirklichkeit würde: als Schwanen-Designobjekt ist er für Elsa noch anstaunbar, als übergroßes Schwanenfedern-Hochzeitskleid aber schon zu erdrückend. Denn schlussendlich kann man im Versuchslabor das ständige Hinterfragen und Nachforschen nicht lassen: Schwebt schon am Schluss des ersten Aufzugs ein gerupfter Schwan aus dem Bühnenhimmel herab, so schlüpft im verstörenden Schlussbild aus einem übergroßen Schwanenei (stückkonform viel zu früh) der noch unfertige Gottfried. Ein missgebildetes Embryo, die deformierte Kopfgeburt zu vieler Gen-Experimente, die sich die Nabelschnur vom Leib reißt. Am Schluss stirbt mit der Liebe und dem Vertrauen alles Lebendige – nur nicht Lohengrin, der tieftraurig aufs Publikum zugeht, als wolle er sagen: Hört wieder mehr auf euer Herz und nicht nur auf euren Verstand!

Die Musik findet in all diesen glasklaren Räumen mit ihrem gleißenden Licht einen wunderbaren Raum zur Entfaltung. Am intensivsten gelingen dabei die intimen, die Paar-Szenen. Hier erreicht das Zusammenspiel aus hoch emotionaler Personenführung, dem Charisma der Sängerdarsteller und der lyrisch aufblühenden Musik aus dem Graben seltene Momente der Intimität und des Gefühls. So etwa in der ersten, vorsichtigen Begegnung zwischen Elsa und Lohengrin, aber auch in der Brautgemach-Szene und in der des „bösen Paares“ Ortrud und Telramund.

Andris Nelsons, der gerade mal 31-jährige Dirigent begreift das Werk des jungen Wagner ebenso leidenschaftlich und emotional, lässt schon im Vorspiel viel Lyrik schweben und Klangfarben glitzern, hütet sich aber vor zu viel Süße und wählt manchmal überraschend langsame Tempi, um wichtige Momente verständlich zu machen. Aber auch das junge „Lohengrin“-Team leistet Großartiges: Allen voran Jonas Kaufmann, der mit viel Ausdruck spielt und mit seiner leicht baritonalen Färbung dem Lohengrin Tiefe und Wärme verleiht. Mit Feinheiten, die er im Mezzavoce und in den Pianostellen herausarbeitet, gewinnt er der Partie Facetten ab, die neu und stimmig sind. Seine Partnerin als Elsa ist Annette Dasch: ihre Entwicklung von der (mit Pfeilen durchbohrten) Märtyrerin zur verzweifelt liebenden Frau reißt mit, schön ist die Klangfarbe ihres temperamentvollen Sopran, der allerdings manch dramatischen Ausbruch (noch) nicht ganz stand hält. Voll dramatischer Wucht gestaltet Einspringer Hans-Joachim Ketelsen den Telramund; seine Ortrud ist mit der großen Bayreuther Ex-Brünnhilde und -Kundry Evelyn Herlitzius zwar stimmgewaltig, aber auch unangenehm Vibrato-verzerrt. Faszinierend nicht zuletzt Georg Zeppenfeld als König Heinrich, der bei Neuenfels Shakespear’sche Züge etwa eines geknickten King Lear trägt. Fabelhaft auch der Chor der Bayreuther Festspiele. Kurzum: Eine der inspirierendsten Festspielproduktionen auf dem Grünen Hügel!

6 Kommentare zu “Bayreuth: Von Ratten und Menschen im
Versuchslabor”

Heide-Lore Schaefer

27. Juli 2010 um 14:11 Uhr

Und hier klingt es dann schon wieder ganz anders. Ich verlasse mich mehr und mehr auf mein eigenes Hirn und meine Laien-Ohren.
Viele Grüsse
Heide

Jan

28. Juli 2010 um 21:55 Uhr

Endlich man jemand der weiß wovon sie schreibt. Eine, die nicht in Hormonschübe gerät wenn der Name Kaufmann fällt. Ein guter Sänger-Schauspieler, der auch noch gut aussieht. Mehr nicht.Leider zeigt die Stimme Registerbrüche die sich wohl auch nicht beheben lassen. Die Tendenz guttural-baritonal einzufärben wenns ums Dramatische geht ist unüberhörbar. Das Lyrische wird oft überhöht aufgehellt und ist bei starkem Orchester und Partnern wie Zeppenfeld gelegentlich nicht zu hören. Eine hohe Tessitura ist für Kaufmann problematisch, obwohl wie er in Werther bewies er diese mit Intelligenz bedienen kann. Leider klingt sein Deutsches Fach oft zu italienisch und das italienische zu deutsch. Sein Cavaradossi war gut, aber hier gehört er, wie im Lohengrin nicht zur absoluten Weltklasse.
Jan de Turovski (opera voice agent)

Eric

29. Juli 2010 um 16:24 Uhr

@ Jan de Turovski: Wer zählt denn Ihrer Meinung nach in der Rolle des Cavaradossi (oder Lohengrin) derzeit zur absoluten Weltklasse?

jan

29. Juli 2010 um 20:09 Uhr

Hallo Eric, die absolute Weltklasse ist derzeit schwer zu besetzen, gleichwohl gibt es sie im Anspruch. Weltklasse wäre in beiden Rollen Johan Botha (Südafrika), wobei hier immer ein optisches und schauspielerisches, jedoch kein stimmliches Problem herrscht. Weltklasse auch in beiden Rollen Simon O’Neill aus Neuseeland.
Jeffrey Dowd, Robert Dean Smith sowie Timothy Richards und Klaus Florian Vogt wären grosse Klasse als Lohengrin, wobei Vogt allein das Lyrische bedient.
Cavaradossi: auch da gibt es den Anspruch, ich denke an Franco Corelli, den ich live als Cavaradossi hörte. Weltklasse sind Roberto Aronico (sehr lyrisch) und Thiago Arancam ein wahrer Spinto, der von sich reden machen wird. Sehr gut sind Fabio Sartori und Vittorio Grigolo, wobei Grigolo ein ähnliches Problem hat wie Kaufmann denn auch er kämpft mit allerdings kleineren Registerbrüchen, nicht aber wenn er im lyrischen bleibt. Der Cavaradossi erfordert eigentlich drei Stimmen, jedoch nicht in der Art wie Kaufmann die als Manko vorweist. Bei ihm scheint immer die Angst durch zu den Problemen seiner Anfangszeit zurückzukehren, dabei verfremdet er die Stimme und ist immer Kaufmann aber nicht Lohengrin oder Cavaradossi. Für den Cavaradossi sind Hector Sandoval, Luis Chapa, Diego Torre, Gustavo Porta, Massimo Giordano auf einem sehr guten Weg. Auch Marco Berti und Carlo Ventre, schon länger im Geschäft, sind gute Cavaradossis.
Vielleicht konnte ich Ihre kurze Frage ja lang dennoch gut beantworten.
Cordialmente Jan de Turovski derzeit Bologna

Eric

29. Juli 2010 um 21:51 Uhr

Ja, das mit Johan Botha sehe ich ähnlich. Konzertant mag das ja noch gehen, aber szenisch…
Thiago Arancam war für mich als Cavaradossi eine ziemliche Enttäuschung, habe ihn aber auch nur 1x gesehen. Sandoval kenne ich aus “Un ballo…”, da gefiel er mir sehr gut. Von den oben genannten Sängern gefällt mir Ventre als Cavaradossi mit Abstand am Besten – aber dennoch würde ich Kaufmann vorziehen, wenn ich die Wahl hätte.

franco

30. Juli 2010 um 12:06 Uhr

In Ermangelung einer großen Zahl guter Tenöre werden die die da sind oftmals maßlos überbewertet. Kaufmann ist deutlich über dem Durchschnitt, jedoch hat er auch eine Reihe deutlicher Probleme, die mit 40 nicht mehr zu beheben sind. Sein gutes Aussehen verführt dazu, die Stimme besser zu beurteilen als sie ist. Weltklasse ist sie jedenfalls nicht.

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