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Wahnfrieds Zukunft: Wagner privat trifft Wagner öffentlich

25. August 2010

Die Sanierung, ein Neubau und das neue Kapitel Wirkungsgeschichte: Ein Interview mit Dr. Sven Friedrich, dem Museumsdirektor und Leiter des Nationalarchivs der Richard-Wagner-Stiftung.

Von Barbara Angerer-Winterstetter

 
Die Umgestaltung des Richard-Wagner-Museums in Wagners einstigem Bayreuther Wohnhaus bzw. in dessen Rekonstruktion von 1976 ist derzeit in aller Munde (s. Kommentar). Hier befindet sich auch das Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung. Träger beider Institutionen ist die Richard-Wagner-Stiftung, als Museums- und Archiv-Leiter fungiert Dr. Sven Friedrich, mit dem Barbara Angerer-Winterstetter in Bayreuth sprach.

crescendo: Herr Dr. Friedrich – wie lange kämpfen Sie schon für einen Umbau von Wahnfried?

 
Dr. Sven Friedrich: Das sind mittlerweile neun Jahre, denn die Mühlen von Verwaltungen und Gremien mahlen nun mal langsam. Das Haus an sich ist schon seit längerem dringend sanierungsbedürftig. Ein Grundproblem ist dabei, dass man das Rekonstrukt an die Reste des Altbaus quasi „drangeklebt“ hat – nur hatte sich der Altbau schon gesetzt und der Neubau setzte sich später. Was das für die ganze Statik des Hauses bedeutet, darüber möchte ich gar nicht allzu genau nachdenken. Zudem haben wir ein Feuchtigkeitsproblem, eine absurde Elektroinstallation, Lampen, die mehr Wärme als Licht produzieren und keinerlei Möglichkeit, das Haus zu klimatisieren – von einem barrierefreien Zugang ganz zu schweigen.

crescendo: Ist nur die Sanierung ein Thema oder geht es auch um die Veränderung der Dauerausstellung?

 
Dr. Friedrich: Wenn ich ganz ehrlich bin, geht die Ausstellung derzeit am Auftrag eines Museums vorbei. Sie ist völlig überfrachtet, wenig instruktiv und beschränkt sich im wesentlichen auf eine positivistische Dokumentation der Biographie Wagners und der Aufführungsgeschichte der Festspiele. Seit jeher ausgespart ist aus Platzmangel die gesamte Wirkungsgeschichte, darunter natürlich auch und vor allem die Wagner-Rezeption im Dritten Reich und die Beziehung zwischen dem Wagnerianer Hitler, Bayreuth und der Familie Wagner. Das kann so nicht bleiben.

crescendo: Zudem beherbergen Sie ein großes und kostbares Archiv…

Dr. Friedrich: …das uns vor zwei Jahren bei einem Wassereinbruch im Keller des Siegfried-Hauses fast verloren gegangen wäre, wenn meine Leute nicht noch schnell alles in Sicherheit gebracht hätten. So kann und darf kein professionelles Kunstdepot aussehen, von klimatischen und Sicherheits-Kriterien ganz zu schweigen. Zudem gibt es im Festspielhaus noch das gesamte Archiv ab 1945 – das nimmt dort Platz weg und gehört eigentlich zu uns. Ein neues Depot mit angemessener Größe, Ausstattung und Technik ist daher unabweisbar.

crescendo: Ein Neubau ist also unumgänglich?

Dr. Friedrich: So ist es. Und der soll dann bitte schön auch noch einen zeitgemäßen Museumsbetrieb ermöglichen – mit einem Shop, mit Gastronomie und einem angemessen großen Eingangsbereich. Das Projekt Um- und Neubau ist bereits auch vom Stiftungsrat der Richard-Wagner-Stiftung einstimmig und vom Stadtrat immerhin mit großer Mehrheit beschlossen worden. Das Gesamtvolumen für das Projekt wird auf 12 Millionen Euro geschätzt, gut die Hälfte davon darf der Neubau kosten. Für diesen läuft ein Architektenwettbewerb, in dem die erste Liga der Zunft vertreten ist. Der schlüssigste Entwurf soll am 8. Oktober vom Preisgericht gekürt und dem Stadtrat vorgelegt werden, der dann hoffentlich zustimmt. Sonst fangen wir wieder von vorne an und können unser Ziel, bis zum Wagner-Jahr 2013 fertig zu sein, gleich vergessen.

crescendo: Muss es denn als Ort für den Neubau unbedingt der Park von Wahnfried sein, der seine eigene Romantik hat?

Dr. Friedrich: Zum einen ist der Park selbst nicht in die Landesdenkmalliste aufgenommen worden, weil er nicht mehr in seiner Originalgestalt existiert. Den westlichen Teil des rückwärtigen Parks etwa hat Winifred Wagner erst in den 30er Jahren hinzugekauft. Auch die Bepflanzung vor allem mit den pflegeleichten Rhododendren ist nicht original. Somit ist der Park durchaus eine Option – natürlich muss da architektonisches Fingerspitzengefühl her. Es gibt aber auch noch andere Möglichkeiten. Etwa die Grundstücke auf der anderen Seite der Richard-Wagner-Straße, auf denen zum Beispiel die alte Musikschule steht. Auch sie sind städtisches Eigentum und stehen für einen Neubau zur Verfügung.

crescendo: Wie soll sich denn die Villa Wahnfried selbst in diesem neuen Komplex in Zukunft positionieren?

Dr. Friedrich: Wahnfried soll selbst zum Exponat werden. Ich möchte aber keine Puppenstube daraus machen, die man nicht mehr betreten darf, weil zu viel kostbares Originalinterieur oder kostspielige Nachbauten von Möbelstücken dort stehen, die man mit einer Kordel vor dem Besucher schützen muss. Ich will Leben in der Bude haben und auch weiterhin den Saal für unsere beliebten Festspiel-Soireen und andere Veranstaltungen nutzen dürfen. Es geht mir darum, in Wahnfried mit modernen Mitteln der Museumstechnik die Lebens- und Schaffenswelt Richard Wagners vermitteln zu können, wie das beispielsweise sehr schön auch in Mozarts Wiener Wohnhaus gelungen ist.

crescendo: Wird es in diesem Kontext auch Sonderausstellungen geben – wie etwa die wunderbaren Ausstellungen zu „Parsifal“ und dem „Ring“, die in den letzten Jahren auf der Bühne des Markgräflichen Opernhaus vom Richard-Wagner-Museum gestaltet wurden?

Dr. Friedrich: Aber ja – für solche Ausstellungen brauchen wir dringend Flächen, zumal das Opernhaus seit diesem Jahr und auch künftig wegen der dort geplanten Sanierung nicht mehr zur Verfügung steht. Solche Projekte werden wir daher nur im geplanten Neubau realisieren können. Für Wahnfried selbst kann ich mir eine Art „Schatzkammer“ vorstellen, in der wir aus unserem Archiv auch mal Originalpartituren zeigen können. Um es zusammen zu fassen: Wahnfried soll den Bereich „Wagner privat“ und alles rund um Werk und Lebenswelt vermitteln, der Neubau den Bereich „Wagner öffentlich“ mit Exponaten zur Aufführungs- und Festspielgeschichte, aber auch zur Rezeptionsgeschichte in Politik wie Kunst.

crescendo: Und was sagt die Festspielleitung zu dieser Ausrichtung?

Dr. Friedrich: Ich freue mich, dass Eva und Katharina Wagner – auch in ihrer Eigenschaft als Vorstandsmitglieder der Richard-Wagner-Stiftung – hinter uns und unserem Konzept stehen. Sie mischen sich jedoch nicht persönlich ein, da Wahnfried nicht mehr Sache der Familie Wagner, sondern der Stadt Bayreuth und der Richard-Wagner-Stiftung ist.

crescendo: Wird ein erweitertes Wahnfried weiterhin mit einem so kleinen Team wie bislang betrieben werden können?

Dr. Friedrich: Das wird niemals gehen. Ich arbeite derzeit mit vier festen Mitarbeitern. Wenn ich das mit dem Bacharchiv in Leipzig vergleiche, dem ein rund fünffacher Etat und 30 Stellen zur Verfügung stehen, kann man die Schieflage hier vielleicht am besten erkennen. In Zukunft werde ich auf jeden Fall mindestens zwei zusätzliche Leute im Team brauchen – unter anderem einen Museumspädagogen, denn die Vermittlung wird immer wichtiger.

crescendo: Könnte man denn nicht auch private Sponsoren mit ins Boot nehmen?

Dr. Friedrich: In Sachen Sponsoring stehen wir definitiv im Schatten des Festspielhauses. Private Mittel sind natürlich auch für uns wichtig und willkommen. Es gibt bei uns so viele Potenziale, die brach liegen. Aus diesem Grund bereiten wir derzeit auch eine Marketing- und Fundraising-Kampagne vor. Da aber der Bund neben dem Freistaat Bayern die stärkste Kraft in der Träger-Stiftung Wahnfrieds ist, jedoch bislang keinerlei Zuschüsse zum laufenden Haushalt leistet, wird auch noch zu verhandeln sein, inwiefern der Bund sich hier noch stärker engagieren kann.

crescendo: Was wünschen Sie sich selbst für die Zukunft des Richard-Wagner-Museums?

Dr. Friedrich: Dass wir den Charme Wahnfrieds als authentisch-auratischen Ort erhalten und stärken können und auf diese Weise der „genius loci“ spürbar wird. Drüber hinaus ist mir persönlich wichtig, dass wir unseren Bildungs- und Vermittlungsauftrag wahrnehmen und die beträchtlichste Rezeptions- und Wirkungsgeschichte, die ein deutscher Künstler jemals ausgelöst hat, in angemessener Weise darstellen können. In Verbindung mit einem serviceorientierten Museumsbetrieb, zu dem Veranstaltungen ebenso gehören wie Museumsshop und -gastronomie, erhoffe ich mir so die Schaffung einer ihrem Gegenstand würdigen, zeitgemäßen Kultur-Institution von europäischem Rang.

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