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Was Deutschland lernen kann

2. Januar 2008

Kein Land hat so sehr in die musikalische Bildung investiert wie Venezuela. Die Musikschulen des „Sistema” sind überall: in Nobelvierteln, Ghettos und im Regenwald. Und überall werden Beethoven und Mahler gespielt. Der Dirigent Gustavo Dudamel ist in seiner Heimat zur Ikone geworden. Und er versteht nicht, warum Europa seine Klassik-Tradition vernachlässigt.

Herr Dudamel, Deutschland ist die Heimat von Bach und Beethoven. Trotzdem fällt fast die Hälfte des Musikunterrichts aus. Das „Sistema” in Venezuela ist zum Vorbild der musikalischen Jugendbildung geworden. Warum vertraut ein Südamerikanisches Land ausgerechnet der klassischen Musik?

Es gibt kaum eine Kunst, die den Menschen so sehr fordert wie die Musik – und besonders die Klassik. Sie setzt ein Hochmaß an Disziplin voraus, und sie fordert von ihren Interpreten und von ihrem Publikum absolute Hingabe. In der Musik stehen der Einzelne und die Gruppe im Einklang miteinander. Und ehrlich gesagt: Mich schockiert es, dass sich die Klassik in Europa allmählich in eine elitäre Nische verabschiedet, dass sie so gut wie gar nicht mehr gelehrt wird – und wenn, dann oft mit dem Anspruch, besonders klug oder kompliziert zu sein.

Idee des „Systema” ist die flächendeckende Förderung der Musik. Die Schulen stehen fast überall, in Nobelvierteln wie in Slums.

Der Traum des Gründers José Antonio Aberu war eigentlich eine aberwitzige Phantasie. Er wollte, dass die Klassik zu einer Massenkultur wird. Und das in Venezuela! Die Leute haben ihn ausgelacht, versucht seinen Plan zu verhindern. Jetzt, über 30 Jahre später, ist sein Traum in Erfüllung gegangen. Während die Klassik in ihrer Heimat, in Europa, aus dem allgemeinen Bewusstsein verschwindet, wächst ihre Bedeutung bei uns. Das hat natürlich auch etwas damit zu tun, dass sie in Venezuela nicht als elitäre Kunst gefeiert wird, sondern im Gegenteil. Die Klassik ist gerade für Menschen eine Hoffnung und Möglichkeit, Ziele zu verfolgen, denen es finanziell und sozial nicht so gut geht. Fahren Sie in den tiefsten Regenwald meiner Heimat, und Sie werden ein Konservatorium des „Systema” finden, in dem junge Leute Beethoven einstudieren.

Aber die Omnipräsenz der Musikschulen kann nicht alles sein. Was unterscheidet die Pädagogik des „Systema” von der in Europa?

Der größte Unterschied ist, dass bei uns am Anfang die Begeisterung und die Praxis stehen. Um die Kinder zu begeistern, sollte man ihnen nicht allein mit der Technik, mit Harmonielehre und Kontrapunkt kommen, sondern ihnen den Spaß am Spielen lehren. Die Grundidee des „Sistemas” ist, dass jeder, der Musik machen will, sofort in einem Orchester spielen muss. Das Orchester ist der Ort, in dem die Musik zu leben beginnt, in dem sie anfängt, Spaß zu machen. Aber um diesen Spaß erfahren zu können, muss man zu Hause lernen: Harmonie, Technik und Kontrapunkt.

Werden wir doch einmal konkret. Wie funktioniert das genau?

Wenn ein Kind zum ersten Mal in eine Schule des „Systemas” kommt, weil ein Freund Musik macht, weil er von uns gehört hat, oder weil sein Lehrer das vorgeschlagen hat, werden ihm zunächst einige Videos über die unterschiedlichen Instrumente des Orchesters vorgespielt. Die Lehrer des „Systemas” helfen ihm, das richtige Instrument zu finden – sie schauen seine Fähigkeiten an. Dann kann es sich für eines der Instrumente entscheiden und bekommt es sofort mit nach Hause. Das ist sehr wichtig, denn für viele Kinder, die zu Hause nichts haben, ist das Instrument der einzige Besitz, der einzige Wertgegenstand, der ihnen je anvertraut wurde – ein Gegenstand, auf das sie besonders acht geben.

Sie meinen, die Musik ist eine Kunst der Aufsteiger?

Das kann man so sehen. Aber richtiger wäre, zu sagen: die Musik ist eine Kunst für Bedingungslose. Wir sagen unseren Schülern, dass Geigespielen kein Hobby gegen die Langeweile ist oder eine Abwechslung neben vielen anderen Dingen. Sie ist auch nicht, wie das oft in Europa gesehen wird, ein Luxus des Bürgertums. Musik ist eine Lebenseinstellung. Das ist vielleicht der größte Unterschied – die Bedingungslosigkeit des Musizierens. Wer zum „Sistema” kommt, weil es schick ist, oder weil er nebenbei ein bisschen Musik machen will, den schicken wir wieder nach Hause.

Wie sieht der Unterricht für die, die bleiben aus?

In dem Moment, in dem die Kinder ein Instrument bekommen, haben Sie eine andere Beziehung zu ihm. Es geht darum, die Musik als Teil des eigenen Lebens zu begreifen. Auf diese Beziehung baut der Unterricht auf. Er findet vor allen Dingen im Orchester statt. Hier geht es darum, dass sofort und unmittelbar mit der Praxis begonnen wird, damit Notenlesen und Harmonielehre einen direkten Sinn bekommen. Wir gehen davon aus, dass Musik kein Einzelsport für höhere Töchter ist, sondern ein Teamsport. Und auch darin liegt ein Unterschied zu Europa: Bei Ihnen ist es so, dass vernünftiger Musikunterricht meist nur privat gegeben wird, und dass man erst einmal die Theorie kennen muß, die Technik, um später in einem Orchester zu spielen. Bei uns ist das Orchester die Grundvoraussetzung, um Unterricht zu bekommen.

Ist das auch der Grund, warum Ihr Ensemble so anders klingt als europäische Orchester?

Beethoven ist bei uns kein Abgott, an den man sich nicht herantrauen darf, bevor man nicht Furtwängler, Karajan und Barenboim gehört hat. Beethoven steht bei uns für sich selbst. Vielleicht spielen wir ihn deshalb unverkrampfter, weil uns die Tradition nicht von der Klassik trennt, weil sie für uns eine Musik der Gegenwart ist. Das heißt aber nicht, dass wir uns nicht tiefgreifend mit der Architektur und dem Aufbau der Werke beschäftigen.

Dafür ist dann der Dirigent verantwortlich?

Man kann den Unterschied gut an der Rolle der Dirigenten deutlich machen. Bei uns sind sie dazu da, dem Enthusiasmus eine Richtung zu geben, das ungestüme, archaische musikalische Wollen in Bahnen zu lenken. In Europa ist es eher so, dass die Orchester bereits alle technischen Raffinessen kennen, und dass sie vom Dirigenten erwarten, ihnen eine Idee der Emotion zu geben. Das ist auch ein Grund, warum Meister wie Claudio Abbado immer wieder zu uns kommen.

Wie sieht der Lehrplan aus, was machen die Kinder, wenn sie in ein Orchester kommen?

Die erste Phase, in der sie die Grundkenntnisse ihres Instruments lernen, dauert nicht lange. Wir glauben, dass es sehr wichtig ist, die Kinder gleich zu fordern. Deshalb werden sie ziemlich schnell an ziemlich schwierige Werke herangeführt.

In Deutschland beginnt Musik in der Schule meist mit dem Schütteln einer Streichholzschachtel, dann geht es weiter mit dem Glockenspiel und der Blockflöte…

Um wie viel größer ist die Begeisterung, wenn damit anfangen wird, den tieferen Grund der Musik zu erfahren, wenn man gleich an einem eigenen Erfolgserlebnis mit anderen arbeiten kann. Wenn das Lernen einen konkreten, hörbaren Sinn hat…

Südamerika wird in Europa immer noch als „Dritte Welt” gesehen: Bananenrepubliken, die nichts mit unserer Kultur und unseren Werten zu tun haben…

… Unser Land hat mit dem alltäglichen Chaos einen großen Nachteil, der aber auch ein großer Vorteil sein kann. Man kann einen Traum haben, in die Welt gehen und ihn auf kurzen Wegen umsetzen. Eine neue Schule des „Sistema” muss keine endlosen bürokratischen Prüfungen absolvieren. Alles was wir brauchen ist ein Ort und ein Lehrer, der Lust hat. Dann kann am nächsten Tag der Unterricht anfangen. Ich habe die Befürchtung, dass diese große idealistische Komponente in Europa durch überdimensionale Administration oft ausgebremst wird. Der gesamte Aufschwung Südamerikas ist ein Aufschwung, der durch die Begeisterung und die Hingabe lebt. Deshalb hat er so viel Kraft.

Interessant ist, dass das „Sistema” nicht im Kultur- oder Bildungsministerium angesiedelt ist, sondern im Sozialministerium.

Das ist ursprünglich ein Zufall gewesen, weil das Geld für ein derart großes Projekt den Kulturetat gesprengt hätte. Aber dadurch, dass das „Systema” kein Musik-Projekt, sondern ein „Sozialprojekt” ist, konnte es erst zu dem werden, was es heute ist. Musik wird in einem Kontext gesehen, in dem sie immer gestanden hat: sie ist keine Kunst, die einfach nur schön sein soll, sondern sie eine Kunst, mit der man die Welt verändern kann, grundsätzliche Dinge in Frage stellt, und letztlich eine Form der Kommunikation schafft. Musik ist vielleicht Kunst, aber am Ende ist sie eine treibende gesellschaftliche Kraft.

Wie steht die Regierung Chavez zum „Sistema”?

Das „Sistema” wurde ja schon vor Chavez gegründet, und es hat sich in den letzten Jahren so weit von der Politik emanzipiert, dass es für sich steht. Gleichzeitig ist es natürlich auf die staatliche Förderung angewiesen. Aber es ist längst zu einem Grundpfeiler unseres Landes geworden, an dem niemand mehr rüttelt.

Das „Systema” wurde durch die Rücklagen aus dem Erdölhandel finanziert. Andere Länder, wie Bolivien haben mit dem „Baton” ähnliche Projekte versucht -sind aber gescheitert.

Wesentlich ist, dass ein Staat die Investition in Bildung ernst nimmt und keine Kompromisse macht. In Bolivien wurde viel zu wenig Geld ausgegeben, und außerdem konnten sich die Organisatoren nicht gegen die vielen zum Teil kriminellen Interessensgruppen des Landes durchsetzen. Ich halte es auch für einen Grundfehler, ein solches Projekt wie in Bolivien im Kultuministerium zu verankern – der Weg in Venezuela hat gezeigt, dass das „Sistema” gerade dadurch erfolgreich war, dass sie die Kultur in einen anderen Kontext und in ein anderen Verantwortungsbereich gestellt hat.

Ihr Orchester ist für viele zum Sinnbild des Aufbruches in Südamerika geworden…

… unser Land ist sehr jung. Wir haben viele Teenager. Das ist ein bisschen so, als würden wir eine Nation von Schillers sein, alle wollen stürmen und drängen. Diese Stimmung merkt man unserer Nation auch an.

AB

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3 Kommentare zu “Was Deutschland lernen kann”

Maria de los Angeles Torras Piqué

27. Januar 2008 um 10:21 Uhr

Die Übertragung “Neujahrskonzert 2008 Arte” hat gezeigt,
dass die Musik nur mit dem Herzen lebt
und nicht aus dem Verstand.
Der Genie Gustavo Dudamel hat es verstanden,
die Herzen der Musiker zu öffnen. Hiermit hat er die Liebe
zum Fliessen gebracht. Die Liebe ist die höchste Schwingung und somit ist Sie, die Salbe der Seele, die Wahre Kunst.

Das ist eine Gabe, dieses kann man nicht studieren.

Der ganze Saal hat gebebt und die Kinder waren glücklich und
stolz auf Ihre Musikschule “Sistema”.

Ein Land was Kinder liebt.
Ich wünsche mir, dass ich vor Ort ein Konzert mit
Gutstavo Dudamel erleben darf.

Erika Griesmayr

11. Juni 2008 um 18:02 Uhr

Ich finde, dass dieses Projekt großartig ist. Ist der Unterricht für die vielen Kinder gratis? Wer unterrichtet die Kinder?
Wäre es möglich im Rahmen eines Sozialen Jahres gegen Kost und Logis bei diesem Projekt mitzuarbeiten?
Meine Tochter ist 18 Jahre und hat in der Musikschule 10 Jahre Violine gelernt und mit einer Absolventenprüfung abgeschlossen. Sollte es eine Möglichkeit geben, dieses Projek zu unterstützen, bitte ich um eine Nachricht.

Redaktion

11. Juni 2008 um 18:41 Uhr

Sehr geehrte Frau Griesmayr,
die offizielle Homepage von el Sistema lautet http://www.fesnojiv.org.
Allerdings ist die Homepage auf Spanisch.
Mit besten Grüßen,
Ihre crescendo-Redaktion

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