Wo mein Wähnen Wagner fand
Warum die Initialzündung fürs Wagner-Jahr 2013 in Bayreuth von der Umgestaltung des Wagner-Museums Villa Wahnfried aus gehen kann
Von Barbara Angerer-Winterstetter
Meine erste Liebe in Bayreuth war nicht das Festspielhaus, sondern die Villa Wahnfried, das Richard-Wagner-Museum. Wo Wagners Wähnen Frieden fand, hat mich selbst der Wagner-Virus infiziert und bis zum heutigen Tag nicht mehr losgelassen. Ich war damals zwölf. Im Saal von Wahnfried geschah es: Nichtsahnend stand ich da und bestaunte die Bibliothek Wagners, als mich plötzlich Töne umspülten, die mich einhüllten, fesselten, packten und mir direkt ins Herz gingen. Ertrinken, versinken – es mag Isoldes Liebestod gewesen sein. Oder der Trauermarsch aus der „Götterdämmerung“. Ich habe diese Musik damals nicht intellektuell erfasst wie heute, sondern sie nur gefühlt. Das aber mit Haut und Haar.
Weil man eine erste Liebe nie vergisst, bin ich in den 19 Jahren, die ich nun beinahe regelmäßig den Grünen Hügel besuche, immer wieder dorthin gegangen, wo alles begann. Dass seit 1976, dem Jahr der Wiedereröffnung des 1945 zerstörten und wieder aufgebauten Wagner-Museums nun 34 Jahre ins Land gegangen sind, war in den letzten Jahren bei aller emotionalen Bindung an diesen Ort leider nicht mehr zu übersehen. Die Hitze des unklimatisierten Gebäudes im Zwischen- und Obergeschoss finden Museumsbesucher unerträglich, die stillen Örtlichkeiten im fühlbar feuchten Untergeschoss bescheren dem allermenschlichsten Wähnen keinen Frieden mehr, der viel zu kleine Eingangsbereich ist vor allem vor Konzerten hoffnungslos überfüllt und lässt wartende Besucher auch mal ganz ungastlich im Regen stehen. Ein mehrsprachiger Audioguide für die vielen ausländischen Besucher und das Thema Barrierefreiheit sind Fremdworte in Wahnfried.
Gut, dass dem Richard-Wagner-Museum mit Dr. Sven Friedrich ein so tatkräftiger Museumsdirektor zur Verfügung steht, der deutlich Missstände aufzeigt und ganz ohne falsche Ehrfurcht (die es in Bayreuth und rund um Wagner ohnehin viel zu viel gibt) kein Blatt vor den Mund nimmt. Denn wenn Bayreuth im Jahr des Wagnerschen Doppeljubiläums 2013 (200. Geburtstag und 130. Todestag) als Zentrum der Wagner-Welt wahrgenommen werden will, ist nicht nur die Festspiel-Qualität ausschlaggebend, sondern auch ein zeitgemäßes Museum von europäischem Rang notwendiger denn je. Ein Museum, dass Gäste vielleicht auch außerhalb der Festspielzeit nach Bayreuth pilgern lässt, wie man nach Salzburg um Mozarts willen und nach Weimar um Goethes Willen fährt.
Dazu aber muss Bayreuth noch mehr mit Wagner leben, sich mehr mit ihm identifizieren. Die Ergebnisse einer Umfrage des Nordbayerischen Kuriers in der Bayreuther Innenstadt bezüglich Wagner-Grundwissens fielen mehr als beschämend aus. Aber auch das Sortiment rings um Richard lässt zu wünschen übrig: Neben der immerhin deutschlandweit besten Profi-Auswahl in Sachen Wagner-Literatur und vereinzelten Wagner-Pralinen sowie -Tees ist nicht viel geboten. Auch der kleine Bayreuth-Laden mit nettem Wagner-Sortiment tarnt sich unscheinbar in der Kanzleistraße und schämt sich für seinen provisorischen Charakter. Das muss bis 2013 anders werden. Bayreuth hat so viel zu bieten: mit dem Fichtelgebirge und der Fränkischen Schweiz eine schöne Wander-Umgebung, herrliches Bier, fränkische Küche, Thermen fürs Wohlbefinden – und Kultur ohne gleichen, auch barocke aus markgräflicher Zeit. Was fehlt, ist ein grundlegender Stolz der Bayreuther auf ihren Richard und viel mehr Sehens- und Erlebenswertes rund um Wagner. Gelingt es, das bis zum Jahr 2013 in der Stadt zu etablieren, ist viel gewonnen.
Die Initialzündung dafür könnte die Neugestaltung Wahnfrieds und die Achse von Wahnfried zum zentralen Sternplatz geben, die wohl als Kultur- und Bildungsmeile angedacht ist. So ist auch die als Gegeninitiative gegründete „Interessengemeinschaft Wahnfried“ wertvoll, um das Thema ins öffentliche Bewusstsein dringen zu lassen. Auch wenn die Nachbarn des Wagner-Museums auf ihrer Internetseite offen zugeben, „sowohl aus ästhetischen Gründen (Sichtachse Grab-Brunnen-Villa) als auch aus baurechtlichen Gründen (Abstand zu Nachbargrundstücken)“ und somit nicht uneigennützig gegen einen Neubau im Wahnfried-Park zu wettern.
Wahnfried muss mehr denn je ein Zentrum der Wagner-Vermittlung werden. Ein Neubau wird auch die Darstellung der bislang ausgesparten Wirkungsgeschichte aufnehmen können – und endlich Platz für ein ausreichend großes Archiv schaffen. Denn nirgendwo lagert mehr kostbares Archiv-Material über Wagner als hier als an diesem Originalort. Dass dieser bei aller Umgestaltung seinen speziellen Charme nicht verliert und Richard mit Cosima und den Vierbeinern Russ und Marke an seiner Seite im Park weiter in Frieden ruhen kann, darauf sollte man freilich achten. Die erste Liga der Architekten ist da gefragt. Auf dass hier beim „Klingenden Museum“ im Wahnfried-Saal oder mithilfe zeitgemäßer Museumspädagogik auch in Zukunft der Funke auf den Wagner-Nachwuchs überspringen und der Wagner-Virus sich verbreiten möge.









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