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Zarte Versuchung

1. Februar 2010

M. Brueggergosman in der ARTE Lounge; (c) Antje DittmannDie Kanadierin Measha Brueggergosman über-rascht nicht nur mit einer neuen sanften CD, sondern auch als Moderatorin der ARTE Lounge.

Von Christa Hasselhorst

crescendo: Sie bevorzugen immer noch das Lied und den Auftritt als Solistin. Dulden Sie keine anderen Menschen neben sich?

Brueggergosman: Das Piano und ich - da weiß ich, dass ich den Abend bestimme! Man hat eine große Verantwortung als Solistin, aber wenn es funktioniert - also, es gibt nichts Besseres!

crescendo: Und die Oper? Bislang hatten Sie nur in Ihrer Heimat Kanada, in Toronto, einen Auftritt als Elettra in Mozarts “Idomeneo”. Warum machen Sie einen Bogen um die Oper? Weil Sie da nicht, wie bei Ihren Recitals, barfuss auftreten können?

Brueggergosman: Sie werden es nicht glauben, aber ausgerechnet in diesem “Idomeneo” gehörte es zum Regie-Konzept, dass ALLE barfuß auftreten mussten! Aber das war nicht der Grund, warum ich zugesagt habe. Ich habe sogar schon einmal in Deutschland in einer Oper gesungen. Dazu sage ich aber mal nichts (sie rollt vielsagend mit ihren großen braunen Augen und grinst) …

crescendo: … das berüchtigte ‘german regie theater’?

Brueggergosman: Keine Details! Wissen Sie, wenn man Pech hat, ist man drei, vier Wochen gefangen in einer schrecklichen Produktion! Aber jetzt habe ich doch etliche Zusagen gemacht. Das ist vor allem Gérard Mortier zu verdanken. Ich liebe ihn! Er hat mich dazu gebracht, dass ich in diesem Jahr in Madrid die Jenny in Kurt Weills “Mahagonny” singen werde. Ich mag Weill sehr, seine Musik ist so unglaublich beschwörend und gleichzeitig sehr cool! Und in 2011/12 werde ich in Texas am Opernhaus Houston in Verdis “Don Carlos” und in “Dead Man Walking” von Jake Heggie singen. Und die Vitellia in Mozarts “La Clemenza di Tito” in meiner Heimat Kanada.

crescendo: Sie sagen Heimat. Ist Kanada Ihr Zuhause?

Brueggergosman: Meine Heimat ist Toronto! Aber meine Familie lebt 18 Autostunden entfernt, in der Provinz New Brunswick. In einem kleinen Städtchen, alles dort ist sehr konservativ, sehr religiös, auch meine Familie. Ich telefoniere zweimal täglich mit meiner Mutter (auch während des Interviews geht kurz Meashas Mobiltelefon und ihre Mutter ruft an). Sie will immer wissen, um was sie jetzt für mich beten muss!

crescendo: Vielleicht, dass Sie so berühmt werden wie Ihre Kollegin Jessye Norman, zu deren Nachfolgerin Sie schon mancher Kritiker gekürt hat? Nervt Sie dieser Vergleich?

Brueggergosman: Ehrlich gesagt: Ich nehme ihn an! Aber es ist nicht der gleiche Markt, auf dem ich mich bewege und ich möchte nicht wie sie sein, sie kopieren oder ähnliches. Ihre Technik ist so stark und sie ist so wandelbar, beweglich und vielseitig.

crescendo: Sie scheinen aber auch noch weitere Talente zu besitzen. Wie kam es zum Engagement als Moderatorin der ARTE Lounge?

Brueggergosman: Nach dem Erfolg der “Yellow Lounge” in Deutschland, haben mich meine Freunde von Universal in Berlin mit ARTE zusammengebracht, da sie der Meinung waren, diese Show sei irgendwie auf mich zugeschnitten. Die Tatsache, dass ich englisch, deutsch und französisch spreche, war für die Produzenten - glaube ich - ein gutes Argument.

crescendo: Und? Macht es nun Spaß?

Brueggergosman: Oh, es macht verdammt viel Spaß! Ich treffe so viele interessante Menschen durch diese Sendung und ich hoffe, dass ich in Zukunft diese Kontakte weiter nutzen kann. Es ist harte Arbeit, aber es macht Spaß.

crescendo: Bleibt Ihnen noch Zeit für andere Dinge? Was machen Sie, wenn Sie nicht singen oder proben?

Brueggergosman: Ich gehe wahnsinnig gerne tanzen! Übrigens nicht barfuss wie auf der Bühne, sondern mit High-Heels! Gar nicht so einfach, ich habe nämlich, obwohl ich nur 1,75 Meter groß bin, riesige Füße! Schauen Sie mal: Größe 43! (Sie steht auf und zeigt lachend auf ihre Füße in spitzen hohen Stiefeln).

crescendo: Vielleicht sprechen wir doch lieber wieder über Musik. Ich finde, die 21 Stücke auf Ihrer neuen CD “Night and Dreams” sind wie Petit Fours, kleine süße Törtchen mit Tiefgang, eine opulente Verführung …

M. Brueggergosman; (c) Richard Lehun/DGBrueggergosman: Welch schöner Vergleich! Ja, jedes ist individuell, völlig unterschiedlich und jedes inspiriert und stimuliert anders.

crescendo: Allen gemeinsam ist das Thema ‚Nacht’. Was fasziniert Sie so daran?

Brueggergosman: Die Nacht, das ist doch Symbol für sehr viel Wunderbares: Rätsel, Geheimnis, Sinnlichkeit, Verführung, Schlaf, die Nacht steht für das Mysteriöse schlechthin!

crescendo: Das Repertoire zu diesem Thema ist groß. Sie machen eine Tour d’horizon mit unterschiedlichsten Komponisten, durch drei Jahrhunderte in vier Sprachen. Was waren die Kriterien Ihrer Auswahl?

Brueggergosman: Diesmal hat mich die Poesie der Texte fast mehr interessiert und berührt als die Musik. Deswegen waren Schuberts “An den Mond” und von Strauss “Die Nacht” und “Wiegenlied” ein unbedingtes Muss! Und Mozarts “Abendempfindung” schätze ich schon, seit ich 17 Jahre alt bin …

crescendo: … ein eigentlich sehr melancholisches Stück …

Brueggergosman: Ach, ich denke, es ist ein Liebeslied und zur Liebe gehört doch auch die Melancholie.

crescendo: Also Musik für Liebespaare vorm Kamin?

Brueggergosman: (lacht) Rotwein, Kaminfeuer, Lammfell - ja, doch, ein Liebespaar könnte da gut sitzen! Aber es ist nicht strikt für Paare, ebenso gut für Singles! Vielleicht solche mit ein wenig Liebeskummer? Ich glaube, jeder wird vom sublimen Feuer dieser Melodien instinktiv gefangen genommen. Sie verbreiten eine spezielle Aura, es ist wie eine hübsche gemütliche Decke, in die man sich einhüllt. Letztlich spiegeln diese Nachtstücke den ganzen verrückten Zirkel des Lebens, es geht um Sehnsucht, Liebe, Abschied, auch Tod.

crescendo: … das passt aber nicht mehr vor den Kamin und wieso denkt man mit 32 Jahren an den Tod?

Brueggergosman: Aber der Tod ist ein Teil des Lebens! Wissen Sie, ich bin Zwilling, also sehr ambivalent. Ich hatte voriges Jahr eine schwere Operation und das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. Der Tod ist seitdem für mich ein willkommener Gast, ich bin religiös und habe keine Angst vor dem Tod - wie zum Beispiel Mozart!

crescendo: Apropos Mozart: Sie singen seine “Abendandacht” in deutscher Sprache mit perfekter Betonung und Artikulation! Hat Ihnen da Ihre Ausbildung in Deutschland bei der Liederspezialistin Edith Wiens geholfen?

Brueggergosman: Ja, bestimmt! Die deutsche Sprache ist sehr genau und das gibt einem Sicherheit. Deutsch bedeutet Disziplin, die Freiheit hat man in der Struktur. Das Französische dagegen ist wie Parfüm, oder (sie überlegt kurz und lacht dann) eher wie eine Weinprobe. Es gibt keine Grenzen und man kann sich dabei auch verlieren. Also, ich brauche den ‚french spirit’, um deutsch singen zu können!

CD-Cover Brueggergosman: “Night and Dreams”; (c) DGCD:
“Night and Dreams”
erscheint im Februar 2010 bei Deutsche Grammophon.

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