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Zerstörung des Schönen, Guten und Hehren?
Katharina Wagner über das Regietheater

21. Juni 2007

Katharina WagnerDie Urenkelin des Komponisten steht für die Oper einer neuen Generation. Warum ist die alte Kunst so modern? Wie halten wir sie am Leben? Und ist das Verhältnis von Regie und Publikum noch zu retten?

Überlegungen von Katharina Wagner

Vor etwas mehr als 400 Jahren kam die Oper als seltsam neue Kunstform auf die Welt. Seither behauptet sie sich in erstaunlicher Vitalität und ist einfach nicht totzukriegen. Warum es sie noch immer gibt, ist eigentlich rätselhaft, denn nichts weniger als ausgerechnet die Oper scheint unserer durchrationalisierten Zeit adäquat und angemessen zu sein. Hier die nüchterne Sachlichkeit – da poetischer Gefühlsüberschwang, hier die kühle Ekstase der Globalisierung – dort die dunkle Leidenschaft, der mythische Dämmer und der Hang zu Weltflucht und Vergessen, manchmal unbewusst als höchste Lust.

Unser Alltag, trocken und flüchtig und von langweiligster Klarheit, bisweilen in seiner tiefsten, weisesten Einsicht am besten erkennbar im Fokus eines geleerten Cocktailglases am Ende der Happy Hour – demgegenüber das herausfordernde Ornament einer pathetischen Gebärde, die die Welt im sterbenden Licht zitternd umarmt. Abgründige Fragwürdigkeit! Wo wäre da eine Brücke, durch die Verbindung geschaffen würde? Wo überhaupt ein Bezug vorhanden? Ist es vielleicht die unbestimmte Sehnsucht nach Größe, das Begehren nach Affekten, derer wir gar nicht (mehr) mächtig sind, die uns Opern noch immer unbeschwert ertragen lassen und in uns kein Widerwort hervorrufen, wenn zum Beispiel vorgeblich Tote oder – besonders anmutig – letal Lungenkranke mit beeindruckender Kraft in wohlgesetzten Melodien und Worten, eben höchst artifiziell, ihr Dasein aushauchen (immerhin haben einige der schönsten Opern ausgerechnet Figuren zu Helden, die an Tbc leiden, “schwindsüchtig” sind)?

Die Historie der Oper begann mit der Story einer misslungenen Vergewaltigung (Daphne). Sex & Crime aller Art, Notzucht, Ehebruch, Mord und Totschlag, selbst Inzest prägen die Oper seit Anbeginn. Warum lassen wir uns wider alle Vernunft auf derlei Possen ein und unterhalten landauf, landab aufwändige Institute, deren unnützer Zweck es ist, Musik-Theater zu machen? Was die Oper einst konnte und bot, die lärmende Haupt- und Staatsaktion, verpackt in Glanz und Glamour aus Pauken und Trompeten und Zimbeln und Harfen, die Zaubereien und Menagerien (Schlangen, Sphinxe, Löwen und Lindwürmer etwa), kann Hollywood allemal besser und perfekter, und es klingt in Dolby Surround nicht mal mickriger. Wieso also wirkt Oper noch immer? Was macht das heute wahrscheinlich unglaubwürdigste Kunstwerk unter allen, eine Oper, dennoch so überzeugend und anziehend?

Metamorphosen der Verjüngung – Regisseur und Dämon

Mit der Geburt der Oper begannen ihre kompliziert-faszinierenden und mirakulös verjüngenden Metamorphosen, von Jüngern und Aposteln der strikt strengen Observanz bis auf den heutigen Tag stets als Verfall beklagt und entsprechend eher als Niedergang und fortschreitendes Absterben abqualifiziert. Als die Oper aus dem Schatten der florentinischen Palazzi ins Licht der Theaterbühnen trat, verlor sie einen Großteil ihrer exklusiven Abgeschiedenheit und wurde mehr und mehr Teil des öffentlichen Lebens. Das machte sie zwar nicht von vornherein besser, jedoch entschieden wirksamer.

Den Verlust ihrer ursprünglichen Unschuld wog bei weitem jener komplexe und im Laufe der Zeit immer intensivere Prozess auf, den wir als “Inszenieren” bezeichnen. Fortan wurden Prospekte nicht und nicht Maschinen geschont. Und nachdem die harmlos-gefälligen Arrangements allein nicht mehr genügten, bedurfte es folgerichtig derjenigen Person, die für die einen Demiurg, für die anderen nachmals Dämon wurde: der Regisseur.

An ihm, seinen Obsessionen, seiner Funktion zwischen Priester und Prophet schieden und scheiden sich die Geister, mehr denn je. Heute kämpft er beständig gegen den bösen Vorwurf, das Theater, auch das der Oper, sei ausschließlich das des Regisseurs geworden, der damit umgehe wie etwa ein besessener und verbiesterter Heimwerker. Die Stücke oder Werke nutze er, natürlich in Unkenntnis von deren wahren Gehalten, als Material-sammlung oder gleichsam als Steinbruch, er schlachte und beute sie hemmungslos aus oder vergehe sich bis hin zur Obszönität an ihnen. Sei es aus Lust am Zerstören des Schönen & Edlen & Guten, sei es, um seine psychischen Defizite, Störungen und/oder Minderwertigkeitsgefühle auf der Basis öffentlicher Mittelzuwendungen zu therapieren.

Die Resultate davon heißt man gemeinhin “Regietheater”, ein Begriff, angesiedelt im Zwischenreich von Schmuddelkram, Chaos und intellektueller Überforderung argloser Besucher, die das alles auch noch subventionieren. Das Regietheater – der Sündenfall insbesondere in der Oper, dem Hort der Verheißung größtmöglicher Wirklichkeitsferne und Garant der idealen Illusion. Woher rührt all diese Wut und Abwehr? Wir waren doch schließlich mal alle zusammen ein Volk der Dichter und Denker, eine Kulturnation sogar, die ihre Klassiker kannte und beherrschte. Und darum geht’s um den ganzen Schiller, damit das Goethe-Wort Recht behalte: Denn er war unser. – Und überhaupt!

Zwei Pole: Regietheater und Publikum

Der Regisseur – als Interpret ist er wie ein Fährmann zwischen einander fremden Ufern, eine Art Charon zwischen den Fronten von Auffassungen, die weit über Ästhetisches hinausgehen. Denn das so gescholtene Regietheater ist für den aufrechten, den redlichen und echten Opernliebhaber die Inkarnation des Schrecklichen, der Regisseur demnach der natürliche Feind schlechthin. Darum wird er regelmäßig ausgebuht. Weil er, wenn er seinerseits ehrlich und aufrichtig arbeitet, die allzu einfachen Antworten scheut, auf scheinbar simple Fragen, obwohl das Verlangen des Publikums eines ist nach Schlichtheit, auch nach ewigem lieto fine, ach, und natürlich nach Halt und Erlösung.

Nicht zuletzt in Zeitläufen, die in zahlreichen Nebelbänken liegen, unüberschaubar und vertrackt widersprüchlich sind. Wem würde denn etwa bei den Harfen-Arpeggien gegen Ende des “Rheingolds” nicht leicht und regenbogenbunt ums Herz? Etwas von Frühlingsfrische und Riesenwaschkraft mengt sich da hinein. Und etwas Feierliches, was man nicht näher bezeichnen kann: Stolz ohne Anlass, Zufriedenheit ohne Grund. – Selig das Publikum, welches aus der gravitätischen Melange von Feierlichkeit auf der Bühne und Selbstfeier im Zuschauerraum das geistige Elixier destilliert, welches die “deutsche Kunst” in nuce beinhaltet. Wenn das Regietheater nicht selbstgenügsam und solipsistisch in sich verharrt und gelegentlich nur um die eigene Achse rotiert, so hat es die Chance, die Oper aus dem Joch der Konventionen zu befreien und zu sich selbst zu bringen.

Von der ursprünglichen Würde und Natur der Oper

“Prima la musica e poi le parole.” Die alte Leier, die falschen Alternativen, der alte Streit um des Kaisers Bart, niemand mag’s mehr hören. Die Musik – ist ein Weib, postulierte mein Ahn; der Text wäre dann womöglich ein Mann. Gehen beide eine Ehe ein oder ist es, um im Bild zu bleiben, nur eine “Lebensabschnittsgemeinschaft” oder bloß eine zwielichtige Mesalliance?

Ein Regisseur, der eine Oper ausschließlich mit Hilfe der kleinen gelben Heftchen aus Stuttgart inszeniert (solche Figuren soll es geben), wird alle Musik nur mehr als Untermalung und affektgeladenes Stimmungsbild begreifen, nicht aber als ein Stück, das von allen Seiten betrachtet werden muss, das man befragt und durchleuchtet, das man auch entstaubt und auslüftet gegebenenfalls. Inszenieren heißt Interpretieren, und dies wiederum verweist aufs Deuten – und zwar aufgrund von Text und Musik in ihrer unteilbaren Zusammengehörigkeit.

Dass es immer mehr Schauspielregisseure zur Oper zieht, manche mit großem Erfolg, führt der Kunstgattung natürlich Kräfte in Fülle und wesentliche Impulse zu. Es gibt mittlerweile Standards, an denen keiner vorbei kann, sofern er Anspruch auf Ernsthaftigkeit anmeldet. Regietheater, wohl verstanden, sollte der Regelfall, nicht die besondere Ausnahme sein, denn es heißt ja letztlich nichts weiter, als dass ein Opernbesuch eben nicht damit beginnt, seinen Verstand zusammen mit dem Mantel an der Garderobe abzugeben, um sich sodann einen schwelgerischen und sinnfreien Abend puren akustischen Lustgewinns mit Spitzentönen reinzuziehen. Sondern das Gegenteil. Die vielgeschmähte (“Quatsch keine Opern!”) und belächelte und voller Geringschätzung behandelte, missbrauchte Oper kehrt zur eigenen Würde zurück und findet zu ihrer Natur.

Warum Werktreue keine Nibelungentreue ist

Die “Gretchenfrage” im Musiktheater ist alleweil die nach der so genannten Werktreue. Ha, jetzt ist es heraus, das gefürchtete Wort! Wie für manche der Begriff “Regietheater” so etwas wie für fromme Katholiken der Gottseibeiuns ist, bei dessen Anblick und Spuren sie das Kreuz schlagen, so dürfte dies im Gegenzug für jeden tapferen Regisseur die “Werktreue” sein, jenes Ominöse, wovon niemand ganz genau weiß, was es bedeutet und worauf es abzielt.

Beruft sich einer darauf, redet er im Grunde der umfassendsten Faulheit das Wort. Treue zum Werk – das kann doch übersetzt allein heißen, dieses zu verstehen, zu begreifen in seinen Facetten, es auszuloten nach allen Richtungen. – Meint “Werktreue” eine Zielvorstellung oder den Weg dorthin, also eine Methode, oder ist es ein Gebot, ein Befehl? Wer dürfte den erteilen? Vielleicht ist es ja ein Wunsch. Aber wie sollte man den Begriff sinnvoll und erschöpfend definieren? So ziemlich jeder versteht darunter etwas anderes.

Werktreue ist mitnichten Nibelungentreue, erfordert auch keinen Treueid, es ist kein Gelübde, kein Versprechen. Wie das Wort landläufig überwiegend gebraucht wird, definiert es den ängstlichen Alptraum ästhetisch eng begrenzten Spießertums weitaus mehr, als die völlig richtige Forderung, einem Kunstwerk auf künstlerisch souveräne Weise beizukommen, es in diesem Prozess zu verstehen und die Resultate der Reflektionen auf die Bühne zu stellen. – Ansonsten: pereat!

         

Katharina Wagner: Erbin und Debütantin

Am 25. Juli ist es so weit: Katharina Wagner, Urenkelin des Komponisten und Tochter des Bayreuther Festspielleiters, wird ihr Regiedebüt auf dem Grünen Hügel mit den “Meistersingern” geben. Katharina Wagner hat bereits mit verschiedenen Inszenierungen für Aufsehen gesorgt, die besonders von ihrer frischen Herangehensweise leben.

Der Ur-Großvater

Richard Wagner ist der Urvater des noch immer in Bayreuth amtierenden Clans. Ein Meister der großen Opernform. Und kein ganz leichter Charakter: Er hat sich an der Revolution von 1848/49 beteiligt, floh ins Schweizer Exil, trennte sich von seiner Frau und heiratete die Liszt-Tochter Cosima. Sie wurde sein strenger Sachwalter. Nachdem Hitler das Festspielhaus als nationalsozialistisches Wohnzimmer besetzt hatte, wagten die Wagner-Enkel Wieland und Wolfgang den Neuanfang. Seither floriert das Familienunternehmen. Richard Wagners Oper “Die Meistersinger von Nürnberg” ist dabei stets das schwierigste Werk geblieben, da es im Schlussmonolog des Hans Sachs das Deutsche Reich feiert und Frankreich angreift. Viele Regisseure – unter ihnen Katharinas Vater Wolfgang – haben sich um diese Stelle herumgeschlichen. Katharina Wagner verspricht nun, sich nicht vor der Geschichtseinordnung zu drücken.

Der Vater

Wolfgang Wagner und sein Bruder Wieland haben schon bei Hitler auf dem Schoß gesessen. Das Festspielhaus war ihr Kinderzimmer. Aber nach dem Krieg machten sie den Neuanfang und luden eine beachtliche Reihe von neudeutenden Regisseuren ein, das Werk ihres Großvaters in die Gegenwart zu holen. Wolfgangs ältere Tochter Eva arbeitet bei den Musikfestspielen in Aix en Provence. Als er vor einigen Jahren seinen Rücktritt ankündigte, bewarb sich seine Nichte Nike. Das wollte er verhindern und blieb im Amt. Nun hat Katharina, seine zweite Tochter erstmals Ambitionen angekündigt, ihn zu beerben.

6 Kommentare zu “Zerstörung des Schönen, Guten und Hehren?
Katharina Wagner über das Regietheater”

Cavaradossi

28. Juni 2007 um 11:52 Uhr

Sie, Herr Brüggemann, haben wieder einmal ein Thema neu ins Gespräch gebracht, und die Trittbrettfahrer sind schon wieder unterwegs…

Diesmal macht auch Claus Spahn in der Folge Ihre Fragen zum großen Aufmacher in der “ZEIT”, ohne Ihren Namen zu nennen. Die nächsten Berichte in der FAZ und der Süddeutschen werden vermutlich grad geschrieben.
Wie so oft gelingt Ihnen auch hier wieder, ein Thema im Gespräch zu plazieren! Danke, Axel Brüggemann! Ihre Rolle im deutschen Klassik-Feuilleton ist unverwechselbar. (…und ich bin, weiß Gott, oft so gar nicht Ihrer Meinung!)
Aber so gehts im Journalisten-Milieu zu, keiner gibt zu, woher er seine Anregungen nimmt. Der ach so seriösen ZEIT stünde es allerdings nicht schlecht an, einfach ihre Quellen zu zitieren, von denen sie abkupfert.

Bayreutherin

8. Juli 2007 um 21:14 Uhr

“Darum wird er regelmäßig ausgebuht”

Man sollte nicht von sich auf andere schließen—schon gleich nicht mir “regelmäßig”

Mit lächelndem und wissendem Gruß aus Bayreuth

Hermann Frei

21. Juli 2007 um 21:03 Uhr

Einen Kommentar abgeben, ist sinnvoll, wer mit andern Bayreuther Meistersinger-Inszenierungen vergleichen kann. Theater machen und Theater spielen, soll für den Besucher anregend sein, um sich mit dem Dargebotenen, eingehender auseinandersetzen zu können, sofern die Aussage nicht verwirrend wirkt! Versucht sich Katharina Wagner vom Regietheater zu lösen und zu distanzieren? Wenn es ihr gelingt ein grosses Dankeschön.

Sigrun Wagner

22. Juli 2007 um 19:57 Uhr

Vom Meisterschwafeln zum Meistersingen? Hoffentlich! Die Spannung steigt und der KW-Kommentar war dazu ein Crescendo-Clou –> Lob auf Platzierung des Artikels zur richtigen Zeit (am richtigen Ort – wo sonst!) Auch die Artikelschreiberin kann man zumindest eines Kriteriums wegen loben: Es wurde kaum ein Reizwort verschwiegen…”altbacken” könnte man vielleicht noch vermisst haben:-) Aber sonst: Kein weiterer Kommentar zum Kommentar!

Heinz Gaffron

29. Juli 2007 um 11:53 Uhr

Werktreue ??? Was wohl “Richard” aus dem Komponisten-himmel dazu meint ? Ich denke er grollt.
Schäm Dich, Kathi.

Peter Schnur

15. August 2009 um 02:18 Uhr

Im Bonusmaterial der “Meistersinger”-DVD unterscheidet Beckmesser-Darsteller Michael Volle recht aufschlussreich zwischen “dem Stück” und “unserer Produktion” – offenbar hat beides nicht viel miteinander zu tun.
Wenn ein Stück nicht genüg Substanz hat, um aus sich selbst heraus zeitlos zu sein, so ist es auch nicht wert, noch gespielt zu werden. Die ärmsten “bedrängten” Geister von allen sind solche, die künstlerisch zu schwach sind, um ein eigenes Werk zu schaffen, und stattdessen ein Meisterwerk nehmen und so verunstalten, dass es fast als eigenes Werk durchgeht. Wenn man dann noch mit dieser “Leistung” einen bedeutenden Posten erben kann – um so besser! Glückwunsch, Kathi!

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