Zu neuem Leben erweckt

Live-Übertragung aus dem Sendesaal der Mitteldeutschen Rundfunk AG, ca. 1929; Foto: MDR Triangel
Die „Goldenen Zwanziger Jahre“ waren in ihrer kreativen Rastlosigkeit auch die Zeit des Aufstiegs der Rundfunkanstalten zu allgemeiner Bedeutung. Die Redakteure hatten der inflationär steigenden Nachfrage nachzukommen, und dies nicht nur mit den immens beliebten Liveübertragungen von Konzerten. Sie wollten Musik auf den Weg bringen, die zugleich das gesamte breit gefächerte Panorama der zeitgenössischen Stile umfassen und ganz spezifisch den akustischen und sozialen Bedingungen des Mediums entsprechen sollte.
Nun hat das Osnabrücker Raritätenlabel cpo in Zusammenarbeit mit der Staatsoperette Dresden, dem MDR, DeutschlandRadio Kultur und der Berliner Akademie der Künste eine CD-Reihe mit dem Titel „Edition RadioMusiken“ gestartet, in welcher die Vielfalt und Eigenart der damals schnell populären und heute vergessenen musikalischen Produkte aus den Radiowerkstätten zu neuem Leben erweckt werden soll.
Was längst vergessen ist: die Crème der deutschsprachigen Komponisten widmete sich leidenschaftlich dem neuen Medium, Namen wie Paul Hindemith, Hanns Eisler, Franz Schreker, Kurt Weill, Max Butting, Ernst Toch, Ernst Pepping, Viktor Ullmann zählen zu den Schöpfern von Werken in der Absicht, so Butting, auf die Menschen zu wirken, „auf möglichst viele, von denen jeder einzeln zuhört“.
So entwickelte sich rasant ein neues experimentelles Forum spezifischer Rundfunkkompositionen, das mit der Machtübernahme der Nazis wenige Jahre später ein jähes Ende nahm. Butting, der sich wie kein anderer auf das neue Medium stürzte, berichtete später Dietrich Brennecke, dass sich aus dem Umstand, dass das große Orchester nur sehr unzureichend akustisch wiedergegeben werden konnte, eine neue klangliche Ästhetik entwickelte, in der „z.B. jegliche Verdopplungen und Pedaltöne entbehrlich wurden“, wodurch ein „Minimalorchester“ entstand, das „nur so viele Instrumente umfasste, wie gerade notwendig seien, um noch eine orchestrale Wirkung zu erzielen“.
Hinzu kamen Geräuscheffekte, die Möglichkeit der künstlichen Ausbalancierung starker und schwacher Instrumente, das Hörspiel und die Forderung nach gehobener Unterhaltung sowie die Freude an satirischer Gesellschaftskritik in den zunehmend schwierigeren Zeiten im Vorfeld der nahenden Katastrophe. Den Anfang macht eine der damals erfolgreichsten Produktionen, nachgespielt 2008 in Dresden unter Ernst Theis: die Satire „Leben in dieser Zeit“ von 1929 auf einen Text von Erich Kästner mit flotter leichter Musik von Edmund Nick: eine bissige Botschaft, verpackt in musikalischer Sorglosigkeit.
Von Christoph Schlüren
RadioMusiken 1925-1935, Edmund Nick: Lyrische Suite „Leben in dieser Zeit“, Staatsoperette Dresden, Deutschlandradio Kultur, MDR (cpo)









Martin Dauther
Danke für den Hinweis auf dieses Projekt und diese fantastische CD von “Leben in dieser Zeit”. Was für ein ungewöhnliches, starkes Werk. So etwas fesselndes habe ich lange nicht gehört. Einmal mehr muss man sich fragen, wie sowas vergessen werden konnte? Die Interpreten sind erstklassig, wow! Das Orchester klingt absolut stilsicher. Ich kann das nur jedem empfehlen, der neugierig ist und nicht die x-te Neuaufnahme irgendeiner Beethovensinfonie oder Chopinballade hören möchte. Hoffentlich gibts bald die nächste CD dieser Reihe!
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