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Salzburg und Bayreuth

7. Juli 2008

Schaulustigevon Pascal Morché.

Das Volk, von Politikern auch “der Souverän” genannt, steht wo es hingehört: Hinter der Polizeiabsperrung. Den im Juli und August meist herrschenden Tagestemperaturen angemessen, trägt der Souverän Shorts, Sandalen, Söckchen, kurzärmelige Hemden oder billige Flatterkleider.

So manches Kleinkind reitet auf den Schultern eines Souveräns, was diesem erschwert, die Digicam in der Balance zu halten. Festspiele in Salzburg und Bayreuth degradieren ihn vor den Festspielhäusern zum Dackel vor der Metzgerei. Fleischbeschau: erleben, wie die Großen teilhaben werden am Großen. Wie sie sich für‘s Große aufgerüscht und aufgerüstet, wie sie sich eben aufgestylt haben. Menschen, oder doch eher Kultur-VIPisten, von denen der Souverän hinter der Absperrung vermutet, dass sie sich mit ihrem Geist und ihrer Seele verbinden wollen, mit den Werken, die “da drinnen” gespielt, viel mehr noch, die dort “gegeben” werden. Sind das nun Seelenverwandte von Wagner und Mozart? Sind sie, diese illustren Festspielbesucher, der Seele der Musik nun wirklich näher? Das fragt sich der Souverän zwar ungläubig und doch hoffnungsvoll. Denn, so sagt er sich: Es muss doch eine Seele geben! Muss, muss, muss! Sucht sie in klassischer Musik – sonst würde diese ja auch nicht immer gespielt, wenn‘s fest- und feierlich wird: an Gedenktagen und in Aussegnungshallen.

Nur, oh weh: Das mit der Seele in der Musik, das ist so eine Sache. Die musikalische Vortragsbezeichnung “con anima” oder “animato” meint, dass ein Stück, oder die Passage eines Stücks “mit Seele” oder auch “beseelt” gespielt oder gesungen wird. Schon das ist entlarvend. Hätte die Musik nämlich Seele, müsste es diese Gebrauchsanweisung für Interpreten ja nicht geben. (Der “Soul”, der Musik gleich als Seele etikettiert, kennt solch italienische Bezeichnungen zwecks musikalischen Feintunings übrigens nicht.) Und wer hätte Opernintendanten und Festspieldirektoren schon jemals “Seelenverkäufer” genannt? Selbst wenn sie ihre eigene Seele längst verkauft haben; die Seele der Musik gibt‘s nicht an der Abendkasse. Für niemanden.

Es ist nämlich tatsächlich so: Die Musik hat keine Seele, sie “ist” Seele – und diese ist nicht billig zu haben. “Musik zu hören, ist zweifellos eine der extravagantesten Arten, sein Geld auszugeben”, befand der Komponist Mauricio Kagel. In der Festspielzeit hat der Mann doppelt recht.

Weil wir nun aber das “weite” Land der Seele in der Musik vergeblich suchen, meinen wir ihre Seele unbedingt in der Aura jenes “engen” Ortes finden zu müssen, an dem wir diese Musik hören, sie (er-)leben. Das ist purer Selbstbetrug! Gottlob bleibt nämlich ein Parsifal (inkl. Seele) auch im Opernhaus von Manaus ein “Parsifal” und ein “Don Giovanni” auch in Duisburg ein “Don Giovanni”. Wir meinen natürlich, dass “Es” dort ein anderer “Don Giovanni” als in Salzburg und vor allem ein anderer “Parsifal” in Bayreuth sei; und wir versichern uns dieser Chimäre auch noch, indem wir mit bebender Stimme “für dieses Haus geschrieben” flüstern. Und dennoch ist‘s Quatsch. Schlimmer noch: Es ist gefühlter Mystizismus. Dass dieser “gefühlte Mystizismus” einem im Bayreuther Festspielhaus präsenter scheint als anderswo, das leuchtet ein. Schließlich wird hier Mythos und mit ihm so gern die letzten Dinge der Menschheit verhandelt. Da bleibt es nicht aus, dass der Ort des Geschehens selbst mit den Jahrzehnten ganz weihlich wird, dass er eine Art “seelische Patina” ansetzt. Zumal das weihliche Publikum, das zu seinem Götterdienst im despektierlich “Scheune” genannten Bayreuther Festspielhaus antritt, dieses Hochamt zur Erbauung braucht, wie Titurel den Blick auf den Gralskelch. Deshalb “pilgert” der Mensch nach Bayreuth, während er nach Salzburg fährt.

Bayreuth: Ein Wallfahrtsort mit Walhall. Deshalb liegt ebenso eine spürbare Aura von Oberammergau über dem Grünen Hügel, diesem hehrsten “Ort suggestiven Schwindels” (Thomas Mann), wie man in den Blumenrabatten vor dem Festspielhaus einen wertekonservativen Hauch von Bad Pyrmont atmen kann. Kurpark-Muschel meets mystischen Abgrund – und aus dem steigen ja keine profanen Opern empor, sondern Bühnenweihfestspiele. Der Souverän da draußen in Shorts und Flatterkleid ahnt von der Wandlung drinnen, in dieser seelischen Wellnessoase des oberfränkischen Fun-Palasts, wenig. Seine Frage kann nur lauten: Wo sieht Thomas Gottschalk besser aus? In Bayreuth oder in Salzburg? Die Antwort ist eindeutig: In Salzburg! Denn Bayreuth ist strenges Hochamt und Salzburg eine von Barock und Rokoko zauberhaft verschnörkelte Schiessbude. Ein Gottschalk passt besser ins aufgemaschelte Bild dieser vor katholischer Sinnlichkeit überbordenden Stadt.

Doch, bleiben wir noch kurz im protestantischen Bayreuth. Bleiben wir dort, “wo Wagnerland beginnt” (Theodor Fontane, 1894 in der New York Times). Die Seele dieses von Richard Wagner intendierten Hortus conclusus findet man nicht im Festspielhaus, nicht in Wahnfried, nicht am Grab des Meisters oder an den Gräbern seiner Hunde (neben Wauwau”Russ” liegt auch, wenig beachtet unter einer Hecke, Wagners Kläffer “König Marke” begraben). Der Seele Richard Wagners begegnet man viel profaner und banaler. Zum Beispiel oberhalb des Festspielhauses, wo sich angrenzend an den Parkplatz der Eingang zum Kleingartenverein Bayreuths befindet. Vor dieser gepflegten, sich in die schöne, fränkisch hügelige Landschaft ergießenden, sprießenden Schrebergarten-Siedlung parken die Wohnmobile der ganz harten Wagnerfans. Und wenn diese weißen Wohnmobile ab 15 Uhr leicht zu wackeln beginnen, so nur deshalb, weil Mann und Frau darin zu Wagner-Klängen aus dem CD-Player nichts Schlimmeres tun als Smoking und Abendkleid anzuziehen. Unterhalb des Festspielhauses, wo es zur Porzellanmanufaktur “Walküre” geht (wie soll eine Tellerfirma hier auch sonst heißen?), dort in der Tristanstraße 8 ist wohl auch jener Ort, an dem man zerklüfteter Wagnerscher Seele am nächsten ist: Der Gasthof Kropf. Wer hier nach einer Tristan-Vorstellung im kalten Neonlicht vor einer Klinkertapete sitzt und seinen Toast-Hawai mit Cocktailkirsche verzehrt – der ist nicht nur Wagners, sondern auch der Seele einer Marthalerschen Regiearbeit näher, als ihm vielleicht lieb ist.

Seele! Hier und in den anderen Wirtshäusern findet sie sich auf dem Kalender, der über der Bierzapfanlage hängt, und auf dem Tag für Tag jene Kürzel stehen, die sich Wagnerianern sofort entschlüsseln: Tri., Par., Rhg. oder Gödä. Bayreuth ist als Ort – im Gegensatz zu Salzburg – nicht schön und mit Wagners wonnig wogender Musik absolut nicht kompatibel. Wer sich von Christian Thielemanns Wagner-Klängen berauschen lässt, wer diesen quasi religiösen Akt von Kunstanbetung erlebt, der hat in Bayreuth später auch die Möglichkeit, aus dem Restaurant Weihenstephan zu treten und: Seinem Blick wird der Supermarkt eines Billig-Discounters auf der gegenüberliegenden Straßenseite nicht entgehen. So schnell kann‘s gehen am hehrsten Ort mit der Seelenzergliederung: Nach der Teilnahme am Gesamtkunstwerk wird man in Bayreuth seelisch ganz schnell wieder auf normal Null, also auf sich zurückgeschmissen. Ein traumatisierendes Erlebnis, dass einem in Salzburgs hübschen Gasserln nicht passieren kann.

In Bayreuth, wo Devotionalien und postalische Sonderstempel am Kiosk neben dem Festspielhaus verkauft und mancher “hot stuff” unter dem Ladentisch gehandelt wird, ist Musik Gottesdienst am Wallfahrtsort. Richard Wagners Traum vom “demokratischen Fest” konnte hier auch nach über einem Jahrhundert nicht verwirklicht werden. In der Kurparkatmosphäre vorm Festspielhaus findet sich alles andere als die von Nietzsche visionär beschworene “Gemeinschaft der Unzeitgemäßen” zusammen; hier triumphiert jene Gemeinschaft höchst zeitgemäßer Bürgerlichkeit und Biederkeit, der Wagner genau das bietet, was kein anderer Komponist seinem Publikum jemals in diesem Maße anzubieten verstand: Kompensation und Sublimation. Und weil gerade verkrampfte und verklemmte Seelen Kompensation und Sublimation suchen, ist Wagner für den bürgerlichen Menschen so faszinierend. Bayreuth und Wagners Seele, das sind “Zwa in an Weckla” (fränkisch: “zwei Rostbratwürste in einer Semmel”), und das ist Bier nebst zugehöriger Seligkeit. “What I like most about Wagner are the intervals” – so vor einiger Zeit die Werbung einer amerikanischen (!) Brauerei. Nun: Es ist ja durchaus möglich, in diesem Wagnerschen Dunst(kreis) die eigene Seele baumeln zu lassen; mehr noch: Dass kann ein wahrhaft großes Vergnügen sein.

Das karge, protestantische oberfränkische Städtchen, in das es aus Zufall (!) Richard Wagners Werk verschlug, ist aber so ganz und gar nicht mit dem katholischen, südlichen Salzburg zu vergleichen. Salzburg hat es ganz einfach nicht nötig, zur kollektiven Seelenerbauung seiner Besucher als Pilgerstätte zu firmieren, denn Salzburg bietet so unendlich mehr seelische Sättigungsbeilagen als Bayreuth.

In Salzburg wird nicht sublimiert; da wird sich nicht selbstgegeisselt; da entspricht eine Opernvorstellung nicht der Lustbarkeit einer Flagellantenprozession. In Salzburg lebt der Hedonismus, der Genuss. Es ist buchstäblich nicht so klein und so bürgerlich zwischen Salzach und Mönchsberg. In diesem Zusammenhang wollen wir nicht unerwähnt lassen, dass eine Bianca Jagger wahrhaftig in anderer gesellschaftlicher und sinnlicher Liga spielt als eine Margot Werner. Die Seele der Musik, sie fällt an der Salzach nicht in sich zusammen wie Salzburger Nockerln – sogar, wenn es hier “keine” Musik, keine Festspiele gibt, scheint sie zu klingen. Salzburg ist das ganze Jahr über schön. Vergleichen wir hier nur den niedrigsten Ort des musikalischen Seelenhandels: die Kasse. Die Existenz des Wortes “Abendkasse” ist in Bayreuth ja ähnlich fragwürdig und überflüssig wie das Wort “Wahl” in einem totalitären Staat. Sie gibt es am Grünen Hügel nur pro forma. Aber rufen Sie mal in Salzburg beim Kartenbüro an, und Sie hören im Telefon die wahre Seele der Musik: Die Don Giovanni-Ouvertüre auf der Warteschleife. Diese wunderbaren Achtelläufe im Presto führen den Anrufer zu den reizendsten Kassendamen, die sich der musikalische Seelensuchende überhaupt vorstellen kann. Die Damen verkaufen “Don Giovanni”- oder “Otello”-Karten (inkl. Seele) mit jenem Charme, mit dem sie auch im Peterskeller ein Fiakergulasch, oder auf der Terrasse vom Café Bazar einen Apfelkuchen an den Tisch des Gastes balancieren würden. Man sieht sie geradezu im Salzburger Dirndl hinter den Flachbildschirmen versteckt sitzen, selbst glücklich, wenn sie einen Seelenheilsuchenden mit der Erfüllung seiner Kartenwünsche glücklich gemacht haben. Österreichischer Charme, Schmäh, das ist Seelenbalsam total.

Das Theater, das zwischen Anif und Aigen, zwischen Hotel Sacher-Salzburg und Goldenem Hirsch gespielt wird, ist stets so seelenvoll und lebendig, dass man endlich eine Erklärung bekommt; für die Albträume, die einem der bemüht Wagnersche Design-Schnickschnack von Pflaums Posthotel im Frankenland auslöst.

Dass dann abends bei den Salzburger Festspielen die Dichte an Louboutin-, Manolo-Blahnik- und Jimmy-Choo-Highheels ohnehin größer ist als in Bayreuth, verweist den beshortstesten Souverän in der Getreidegasse und am Herbert-von-Karajan-Platz in seine Schranken. Hans Sachs in Bayreuth variierend, heißt es in Salzburg: Verachtet mir den Glamour nicht und ehrt mir seine Kunst. Eine schöne Seele hat an ihm, dem Glamour, nämlich durchaus auch ihre Freude. In Salzburger Leichtigkeit perlt und prickelt das “Es”, die Seele, wie Champagner – und zwar wunderbarer Weise auf der Bühne ebenso wie im Parkett davor. Denn, wo in Bayreuth, in der Walküre, Sieglinde “des seimigen Metes süßen Trank” kredenzt – jubelt in Salzburg Don Giovanni mit seiner Champagnerarie “Finch‘han dal vino / calda la testa / una gran festa / fa preparar.” Heimat bietet beides. Seelenbalsam auch. Fragt sich nur welcher Drink und welche Musik für wessen Seele? Eine Frage, auf die der Souverän hinter der Absperrung keine Antwort bekommt und die er wahrscheinlich auch nicht erwartet.

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3 Kommentare zu “Salzburg und Bayreuth”

Sebastian Reiter

7. Juli 2008 um 18:53 Uhr

sehr erfrischend!

Bayreuth-Fan

7. Juli 2008 um 19:50 Uhr

katholisches Salzburg und protestantisches Bayreuth im direkten Vergleich, ein schönes Bild, wenngleich der Protestant da protestieren muß. Gar so lustfeindlich sind wir Wagnerianer nicht. Also ich freu mich jedenfalls schon jetzt auf “Zwa in an Weckla” bei guter Musik.

Peter Leisem

8. Juli 2008 um 18:44 Uhr

crescendo sollte eine vergleichende Leserreise anbieten: Von Bayreuth nach Salzburg und zurück.

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