Zu Hilfe, sonst bin ich verloren! Eine Reise durch alle Opernhäuser Deutschlands

Ralph Bollmann bereiste in zwölf Jahren alle Opernhäuser Deutschlands. Warum seine Mission fast an den Spielplänen gescheitert wäre. Zum Beispiel an der „Zauberflöte“.

Das Unterfangen war viel schwieriger, als ich am Anfang dachte. An rund 80 Orten in Deutschland wird von festen Ensembles Musiktheater gegeben. Einerseits ist das viel, das deutschsprachige Mitteleuropa zählt annähernd so viele Opernhäuser wie der gesamte Rest Europas.

Andererseits ist es keineswegs so viel, dass ein Besuch all dieser Häuser nicht in einem überschaubaren Zeitraum zu bewältigen wäre. Das war zumindest mein Plan: An den Wochenenden eines Jahres, so dachte ich anfangs, sollte das gut zu schaffen sein. Oder in ein bis zwei Jahresurlauben.

Aber so einfach ist es nicht. Die meisten der kleinen Theater spielen nur am Wochenende, und die Mehrspartenhäuser geben auch Schauspiel oder Musical, Konzert oder Ballett. Opernvorstellungen finden in vielen Kleinstädten nur an zwei bis drei Abenden pro Monat statt. Oft genug sind es die immer gleichen Stücke. Wollte ich nicht ständig Mozarts Zauberflöte oder Verdis Traviata sehen, musste ich meine Pläne nach dem Diktat des Spielplans richten.

Als besonders schwierig erwies sich das Unterfangen, möglichst viele Termine zeit- und kostensparend zu kombinieren. Nur im Glücksfall gelang ein Reiseplan wie dieser: An Gründonnerstag in Bielefeld der Sturm des Tschechen Zdeněk Fibich, eine absolute Rarität. An Karfreitag in Detmold die Walküre, ein großer Wagnerabend. Schließlich am Ostersonntag ein famoser Tristan in Kassel.

Es dauerte Jahre, bis ich Routine entwickelte. Seit ich das Projekt Provinzoper betrieb, wusste ich die seniorenfreundlichen Nachmittagstermine zu schätzen. So brauchte ich kein teures Hotelzimmer.

Langsam begann ich, das Kalkül der Intendanten zu durchschauen. Karlsruhe zum Beispiel hat ein großes Ensemble und ein opulentes Programm, schließlich will die badische Hauptstadt hinter den Schwaben in Stuttgart nicht zurückstehen. Füllen lassen sich die vielen Vorstellungen nur, wenn die Operninteressierten entsprechend oft ins Theater gehen. Das bedeutet eine hohe Schlagzahl an Premieren und damit viele Raritäten auf dem Spielplan. Für den Operntouristen ist das gut.

Das sehr viel kleinere Theater im sächsischen Freiberg verfolgte jahrelang eine andere Strategie: Man holte vergessene deutsche Spielopern aus dem frühen 19. Jahrhundert ins Programm – Rolands Knappen von Albert Lortzing zum Beispiel oder Stücke von unbekannten Komponisten wie Victor Ernst Nessler und Conradin Kreutzer. Das war ein genialer Kniff. Die Stücke sind hinreichend exotisch für überregionale Aufmerksamkeit, überschaubar für ein kleines Orchester und eingängig fürs Stammpublikum.

Im Ganzen ähnelt sich das Strickmuster, gerade an Kleinstadtbühnen, die oft nur zwei oder drei große Opern pro Saison neu herausbringen. Die Säule des Repertoires sind die immer gleichen Stücke, neben Zauberflöte und Traviata vielleicht noch Puccinis Bohème und Bizets Carmen. Dazwischen werden dann weniger bekannte Stücke populärer Komponisten gemischt oder bekannte Stoffe in modernem Gewand, wobei es das Zeitgenössische noch schwerer hat als die Raritäten von einst.

Wenn es gut läuft, sind die Pläne auf alle Faktoren optimiert: Wann kommt das Publikum, mit welchen Tricks kann man seltene Stücke populärer machen, was eignet sich für den Sonntagnachmittag? Mit etwas Pech spielen andere Faktoren eine Rolle. Ich habe Intendanten erlebt, die für den populären Samstagabend stets Aufführungen mit der Gattin in der Hauptrolle ansetzten. Oder Konzertdirigenten, die keine Lust mehr auf Operndienste hatten, sperriges Repertoire auf den Montag vor Weihnachten legten – und damit einkalkulierten, dass die Vorstellung mangels Nachfrage ausfallen würde.

Am Ende habe ich zwölf Jahre gebraucht, um alle deutschen Opernhäuser zu besuchen. Das hatte auch andere Gründe. Vor allem aber lag es an den Spielplänen.

Seine Erlebnisse beschrieb der Autor in dem Buch “Walküre in Detmold”, das 2017 in einer aktualisierten Taschenbuchausgabe erschienen ist (Klett-Cotta, 303 Seiten, 9,95 Euro).

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