Mit Dirigent Jos van Immerseel durch Brügge

(Belgische Kulturstadt Brügge)

Mit dem Dirigenten Jos van Immerseel durch die belgische City, die nicht nur im Sommer einen ganz besonderen Charme versprüht.

Wer bei Brügge bis dato an das britische Gangsterdrama mit dem lakonischen Titel „Brügge sehen… und sterben?“ denken musste, sollte schleunigst die Reise antreten und sich in dieser klingenden Stadt eines Besseren belehren lassen. „Brügge sehen und leben“ lautet dort vielmehr die Devise, und wer durch die verwinkelten Gässchen schlendert und über die jahrhundertealten Brücken, wer vorbeizieht an duftenden Waffelbäckereien und Pralinengeschäften, der bekommt eine Ahnung von der Grazie und Anmut dieser Stadt.

Kaum jemand könnte hierfür ein besserer Reiseleiter sein als Jos van Immerseel, der, geboren in Antwerpen, mittlerweile in Brügge lebt und die belgische Hansestadt liebevoll seine Heimat nennt. Wir treffen uns im Büro seines Orchesters Anima Eterna Brugge, angesiedelt in einem der imposanten mittelalterlichen Stadttore, dem Ezelpoort. „Von hier aus kann man Brügge sehen, zur anderen Seite liegt die Welt“, sagt van Immerseel und blickt aus dem Fenster über das rotbraun gescheckte Mosaik aus Türmen und Dächern. Dann schlüpft er in seine Jacke und eilt die steinerne Wendeltreppe hinunter, raus aus der Ruhe des Büros, hinein in das pulsierende Treiben der Stadt.

Mit Anima Eterna Brugge sucht der 70-jährige Belgier die Welt regelmäßig heim. 40 bis 50 Konzerte im Jahr spielt das Aushängeschild historischer Aufführungspraxis durchschnittlich, viele davon im Ausland. Dabei hat es stets gewichtige Konzertprogramme mit im Gepäck, außerdem ausschließlich Originalinstrumente, passend zum jeweiligen Repertoire, das verschiedenste Epochen abdeckt. Seit van Immerseel Anima 1987 mit sechs Musikern gegründet hat, ist das Orchester kontinuierlich gewachsen. Heute sind mitunter über 30 Nationalitäten vertreten, Spitzenmusiker aus aller Welt, die projektweise zusammenkommen, um mit van Immerseel und seinen zwei Assistenten Jakob Lehmann und Korneel Bernolet jenen fokussierten, intensiven und wendigen Klang zu erreichen, für den Anima Eterna Brugge berühmt geworden ist.

Meist treffen sich die Musiker für die Proben als Orchester in Residence im Concertgebouw, einem imposanten Konzerthaus mit einem intimen Kammermusik- und einem großen Konzertsaal, der je nach Bühnengröße 1.040 bis 1.240 Leute fasst. Zur Zeit seines Entstehens erhitzte der auffällige rote Bau ob seiner außergewöhnlichen Architektur die Gemüter. Mittlerweile ist das Gesamtkunstwerk aus Holz und Beton zum geliebten Wahrzeichen der lebendigen Kulturstadt geworden und bei exzellenter Akustik das ganze Jahr über Schauplatz hochkarätiger Veranstaltungen. Im Concertgebouw findet mit dem MAfestival auch eines der zahlreichen Festivals statt, die das Kulturleben in Brügge Jahr um Jahr bereichern. Seit seiner Gründung 1964 präsentiert das MAfestival jeden Sommer eine erstklassig konzipierte Festivalwoche, die prallgefüllt ist mit herausragenden Konzerten, ergänzt durch Wettbewerbe und Instrumentenausstellungen. Die Alte Musik wird dabei in einen spannenden zeitgenössischen Kontext gesetzt und Tradition und Moderne gehen Hand in Hand.

Neben Anima Eterna Brugge ist mit dem Sinfonieorchester Flandern ein weiteres renommiertes Orchester in der Hansestadt beheimatet, das ebenfalls regelmäßig im Concertgebouw konzertiert und sich unter der Leitung des britischen Chefdirigenten Jan Latham-Koenig eines breiten sinfonischen Repertoires annimmt. Mit spannenden Konzeptprogrammen ist das Ensemble seit vielen Jahren Garant für hochkarätige Interpretationen sowohl zeitgenössischer als auch klassischer Literatur.

Vom Concertgebouw aus sind es nur ein paar Schritte in die pulsierende Altstadt mit ihren Spitzendeckchen-Läden und den prachtvollen Häuserfassaden mit jahrhundertalter Geschichte. Im August ist natürlich Hochsaison im Kulturmekka Brügge, das eines der wichtigsten Zentren des Mittelalters war und bis heute einen nahezu komplett erhaltenen Stadtkern besitzt – folglich kein Wunder, dass die Altstadt von der UNESCO 2002 zum Weltkulturerbe ernannt worden ist.

Jos van Immerseel steuert nun behände durch die belebten Gassen, ein kleiner Mann in roter Hose, blauem Hemd und grüner Jacke, der gerne lacht und sein Gegenüber mit wachen Augen durch die randlose Brille anblickt. „Ich fühle mich nicht als Dirigent, ich fühle mich als Musiker“, sagt der Ausnahmekünstler, dem eine Beschränkung auf nur ein Talent, nur eine Aufgabe schon immer völlig suspekt war. Bis heute ist er Pianist, Organist, Cembalist und Dirigent gleichermaßen, er arbeitet solistisch und kammermusikalisch und ist parallel dazu immer auch als akribischer Forscher und Musikanalytiker unterwegs.

Dabei sind es weniger die unbekannten Nischenkompositionen, die ihn interessieren. Viel lieber nimmt er sich die Meisterwerke und Evergreens der Musikgeschichte vor, jene Stücke also, die oft totgespielt scheinen und bereits in unzähligen Einspielungen die CD-Regale füllen. In van Immerseels Interpretationen erwachen sie wieder zum Leben, neu, ungehört und nicht selten kaum wiederzuerkennen. Van Immerseel selbst spricht davon, die Stücke zu „restaurieren“ und meist gehen einer Einspielung monate-, manchmal jahrelange Forschungsarbeiten voraus, in denen er die ursprüngliche Orchesterzusammenstellung erkundet, die Partitur durchforstet und schließlich die passenden Musiker engagiert. „Wenn man gut sucht, findet man alles“, sagt van Immerseel und grinst.

Im Herbst stehen Dvořák, Mendelssohn und Beethoven auf dem Programm, für das nächste Jahr hat sich van Immerseel Gershwin vorgenommen, unter anderem dessen Rhapsody in Blue und An American in Paris. Man darf gespannt sein.

Ein Zwischenstopp im Stadtarchiv Brügge, das sich hinter der prunkvollen Fassade des Rathauses verbirgt. Hier lagern unter schweren Holzdecken die Schätze der vergangenen Jahrhunderte, uralte Registerbücher, kostbare Musikfragmente, gregorianische Gesangsbücher und das komplette Archivmaterial seit der Entstehung des MAfestivals. Ein Paradies für jede Forscherseele, das nach alten Büchern riecht und von der reichen Geschichte der ehemaligen Handelsmetropole erzählt.

Die schönste Perspektive auf das idyllische Brügge aber bietet sich von einem der vielen Boote aus, die routiniert durch die Grachten steuern. „Eine Bootsfahrt ist Pflicht“, sagt van Immerseel und lacht, dann startet der Fahrer den Motor und lenkt das Boot mit sanftem Schaukeln vorbei an turtelnden Schwanenpaaren, efeuumrankten Vorgärten und prunkvollen Handelshäusern, die sich glitzernd im Wasser spiegeln. 16 Kilometer Kanäle ziehen sich durch die Stadt. Früher waren sie die zentralen Verkehrswege für den Warentransport der Textilindustrie, heute verleihen sie der zauberhaften Atmosphäre der Brügger Altstadt mediterranes Flair.

Die Bootsfahrt ist zu Ende, und nachdem einem schon auf dem Wasser ein Hauch von Hopfen in die Nase stieg, wird nun die Brauerei „De Halve Maan“ besucht, die im Museum sowie der angrenzenden Gaststätte eindrucksvoll die reiche Biertradition Belgiens unter Beweis stellt. Seit 1856 in der Hand einer Familie, zählt die Brauerei heute zu einer der Hauptattraktionen Brügges. Darüber hinaus unterstützt sie als Förderer aktiv die Kultur in Brügge und die Arbeit von Anima Eterna Brugge und steht nicht zuletzt auch für kreatives Unternehmertum: Erst kürzlich wurde eine Pipeline fertiggestellt, die ab September über eine Distanz von zwei Meilen das Bier unter der Stadt hindurchpumpt, um es an einer Stelle herstellen und an anderer Stelle in Flaschen füllen zu können. Ein origineller Geniestreich, dessen Inhalt auch noch schmeckt.

Mittlerweile ist es Abend geworden und Zeit für einen Besuch in van Immerseels zweitem Wohnzimmer, dem japanischen Restaurant „Tanuki“. Der Musiker schätzt die Traditionsverbundenheit des schmucken Brügge, noch mehr aber liebt er seine Vielfalt, sei es kulturell oder kulinarisch. Noch einmal geht es durch die Gassen der Altstadt, klangvoll begleitet vom Singsang eines inbrünstig geigenden Straßenmusikers und dem Klacken der Pferdekutschen auf den Kopfsteinpflastern. Der Lieblingsort des Künstlers liegt schließlich in einem unscheinbaren Eckhaus mitten in der Altstadt. Im Innenhof des Restaurants schwimmen leuchtend orange Kois durch einen Teich, an den Tischen direkt nebenan wird der Hausaperitif aus weißen Porzellanfiguren getrunken und der rohe Fisch mit einer Extraportion frisch geriebener Wasabiwurzel serviert. Ein genussreicher Ort, um die Brügger Nacht zu eröffnen… ganz nach dem Motto: Brügge sehen und leben.

Dorothea Walchshäusl

Tipps, Infos und Adressen

MUSIK & KUNST

Brügge ist Kulturstadt durch und durch, und so präsentiert sich dem Besucher ein breites Angebot an Museen, Konzerten und Festivals. Ausführliche Informationen zu den unterschiedlichen Veranstaltungen und Angeboten in der Stadt erhält man beim Tourismusbüro der Stadt: bezoekers.brugge.be

Mit dem MAfestival wird jeden Sommer ein Alte-Musik-Festival präsentiert, das renommierte Künstler einlädt. Vom 1. bis 5. März 2017 findet zudem erstmals eine Musikbiennale statt, deren Programm von Klassik bis Weltmusik reicht.

Das musikalische Herz der Stadt pocht seit 2002 schließlich im Concertgebouw, dem architektonisch wie akustisch beeindruckenden Konzerthaus der Stadt.

 

ÜBERNACHTEN

Bestens gelegen, mit schön gestalteten Zimmern und Wellnessbereich ist das edle Hotel Casselbergh ein hervorragender Ausgangspunkt für einen Besuch in Brügge. Informationen zu sämtlichen sonstigen Hotels sowie verschiedenen Frühstückspensionen finden sich auf der Website von Brügge Tourismus. Infos unter www.grandhotelcasselbergh.be

 

ESSEN & TRINKEN

Wer der Brügger Tradition nachspüren möchte, dem sei ein Besuch in der Brauerei De Halve Maan (www.halvemaan.be) empfohlen, in der neben einem Museum auch eine gemütliche Gaststätte beheimatet ist und das frisch gebraute Bier der Brauerei gekostet werden kann. Jos van Immerseels Favoriten: das japanische Restaurant Tanuki (www.tanuki.be) und das indische Restaurant Bhavani (www.bhavani.be) und die kleine Weinbar Jus (www.bar-jus.be).

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