Bunraku – Puppenkunst auf Japanisch

Foto: Japanische Fremdenverkehrszentrale

Das japanische Puppentheater Bunraku ist eine faszinierende und inspirierende Praxis, der es leider an Nachwuchs fehlt.

Schweigend zieht der junge Tokubei den Fuß der Kurtisane Ohatsu über seinen Hals. Mit dieser zarten Geste antwortet er auf ihre leidenschaftliche Frage, ob er bereit sei, mit ihr zu sterben. Noch in derselben Nacht nehmen die beiden Liebenden Abschied von der Welt und begeben sich in den Hain von Sonezaki. Es ist die Vollkommenheit, die aus einem Weniger entsteht. Sie zeichnet die japanische Kunst aus und bildet auch ein Merkmal des Puppentheaters Bunraku. Drei künstlerische Traditionen fügten sich in ihm zu neuer Vollendung zusammen, das Puppenspiel, das singende Erzählen und das Spiel auf der dreisaitigen Laute Shamisen. So stand es an der Spitze der japanischen Bühnenkünste. Seine Impulse erst inspirierten das Schauspielertheater zu literarisch anspruchsvollen, dramatisch durchgestalteten Aufführungen.

„Tozai! Tozai!“ – „Hört her, hört her, alle im Osten und im Westen!“, ruft ein Puppenspieler zu Beginn der Aufführung. Der Shamisen-Spieler bereitet das Publikum auf das Stück vor, dann setzt der Erzähler ein. Mit kräftiger, rauer Stimme beschreibt er das Geschehen sowie die Gefühle der Figuren. Für jede, ob jung oder alt, weiblich oder männlich, findet er einen eigenen Klang. Die Puppenspieler bleiben stumm und ihre Mienen unbewegt. Die Puppen führen sie offen und, wenn es eine Hauptfigur ist, zu dritt, was eine perfekte Koordination erfordert. Der 1995 verstorbene britische Schauspieler David Warrilow war nach einer Bunraku-Aufführung tief bewegt: „Diese Liebe und dieses Mitleid, die der Puppenspieler für das Wesen zu empfinden schien, das er in der Hand hielt, und dieses Bedürfnis, Leben zu schenken. Es war, als brachte er in jedem Augenblick etwas zur Welt.“

Die Wurzeln der singenden Erzählkunst reichen zurück zu den buddhistischen Geschichten, die Ende des ersten Jahrtausends zur Missionierung eingesetzt wurden. Um 1600 bildete die Rezitation märchenhafter Stoffe mit Shamisen-Musik und Puppenspiel bereits eine Einheit. Ihre große Blüte erlebte die neue Kunst in den städtischen Vergnügungsvierteln während der Edo-Zeit. Neue wohlhabende städtische Bevölkerungsschichten schufen eine lebendige Freizeitkultur mit Künsten, Literatur, Freudenhäusern und Restaurants. „Nur für den Augenblick leben“, beschrieb der Romancier Asai Ryōi das damalige Lebensgefühl, „Wein trinken, die Dichtung und schöne Frauen lieben und sich wie ein Flaschenkürbis von der Strömung dahintreiben lassen.“

Anmutig und gebildet, genossen Kurtisanen hohes Ansehen. Anders als die Geishas boten sie Geschlechtsverkehr gegen Bezahlung an. Doch mussten sie zuvor lange umworben werden. Liebende Kurtisanen gehören zu wichtigen Figuren des Puppentheaters. Der Dramatiker Chikamatsu Monzaemon, der häufig aktuelle Ereignisse aufgriff, schilderte in seinem Stück Der Freitod aus Liebe in Sonezaki den Doppelselbstmord eines Ölhändlergehilfen und seiner Kurtisane. Es war das erste von 15 bürgerlichen Dramen, die er 1703 für das Puppentheater des Rezitators Takemoto Gidayū in Osaka verfasste. Als ein weiteres Puppentheater eröffnete, führte der Wettstreit zu immer komplexeren und spieltechnisch schwierigeren Stücken. Doch markierte diese Übersteigerung zugleich das Ende. Beinahe drohte die Tradition unterzugehen, bis im 19. Jahrhundert Uemura Bunrakuken in Osaka erneut ein Puppentheater schuf, dessen Name seither dem gesamten Genre als Bezeichnung dient.

Bunraku ist eine Kunst, die höchste Meisterschaft verlangt, und der Weg zum Meister ist hart und lang. Viele Jahre dauert es, bis allein die Standardbewegungen erlernt sind. Die Künstler am Nationalen Bunraku-Theater in Osaka werden immer weniger und älter. Es mangelt an Nachwuchs. Vor allem aber scheint es an künstlerischen Impulsen zu fehlen, um das Puppentheater aus seiner musealen Erstarrung zu lösen und wieder zu einer lebendigen Kunstform werden zu lassen. Die Inspiration, die es im Laufe seines Bestehens anderen Künsten schenkte, wünscht man ihm heute zurück.

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