Mit eigener Orgel auf Tournee

(Foto: Bob Coat)

Was für ein Mensch verbirgt sich hinter dem Orgelpunk?

Cameron Carpenter, 30, braucht Tee, am besten Pfefferminztee – er hat so viel geredet, die Stimme beginnt zu kratzen. Der Organist ist für zwei Tage nach München gekommen, um Interviews zu geben. Man erkennt ihn schnell in dieser Hotelbar, weil Carpenter so gar nicht nach klassischer Musik aussieht: Er trägt eine graue Hose, die an den Waden hauteng und an den Oberschenkeln sehr weit ist, dazu eine Wollmütze, Stiefel und einen Pulli, der an einen eigenartig geknüpften Teppich erinnert. Cameron Carpenter hat die Ausstrahlung eines Genies, charismatisch, radikal, unbescheiden und ja, der Mann weiß, dass er wirkt, dass er Ausstrahlung hat. Im Alter von elf Jahren hat er das Wohltemperierte Klavier komplett aufgeführt, 2009 war sein Album „Revolutionary“ für einen Grammy nominiert. Eine Kanne Tee also und los geht´s. Carpenter ist kaum zu bremsen, redet einfach drauflos. Also eines steht fest: Der Mann will nicht nur spielen.

crescendo: Sollen wir uns auf Deutsch unterhalten?
Cameron Carpenter: Lieber auf Englisch. Ich wohne zwar in Berlin, aber erst seit ein paar Monaten.

Verstehen Sie, was um Sie herum gesprochen wird?
Ich weiß, was gemeint ist, bin mir aber ziemlich sicher, dass ich achtzig Prozent der Feinheiten und Zwischentöne verpasse. Leider ist wörtliches Verständnis die langweiligste Herangehensweise an eine Sprache.

Warum sind Sie nach Berlin gezogen?
2008 habe ich in Leipzig im Gewandhaus gespielt und den deutschen Autor Oliver Hilmes kennen gelernt. Wir haben uns auf Anhieb so gut verstanden, dass er mich zu sich nach Berlin eingeladen hat. Ich kam also in diese Stadt und war sofort begeistert. Berlin ist nicht mal besonders schön oder prunkvoll, dafür abwechslungsreich, unkompliziert und extrem praktisch für mich als Künstler. Die Stadt funktioniert wie ein großer, kreativer Workshop.

Eine inspirierende Stadt?
Bei „inspirierend“ muss ich sofort an Frauen mit wallenden Haaren denken, die Mondketten um den Hals tragen. Ich vermeide das Wort, wenn es geht. Berlin ist eine motivierende Stadt, das trifft es wahrscheinlich besser.

Sie spielen Orgel, sehen aber aus wie der große Bruder von Lady Gaga. Sind Sie konservativ oder rebellisch?
Eine sehr interessante Frage. Ich sehe mich als konservativ, bin aber ziemlich sicher, dass die meisten Menschen mich für einen Rebell halten. Ich meine konservativ nicht in einem politischen Sinn, ich bin eher unpolitisch, aber ich habe mein Leben einer einzigen Sache gewidmet, an der ich zu einhundert Prozent festhalte, das empfinde ich schon als konservativ. Und wenn ich ein Rebell sein sollte, was ich nicht glaube, dann nur in dem Sinn, dass ich in einem Medium arbeite, das so traditionellen Mustern verhaftet ist, dass ich manches einfach anders machen muss, um so arbeiten zu können wie ich das möchte.

Gehört dazu auch Ihr exzentrisches Outfit?
Nein, mein Outfit soll nicht provozieren, es entspricht einfach meinem Geschmack. So gesehen bin ich gar kein Revoluzzer, sondern ein Konformist, da ich mich konform zu meinem Naturell kleide. Auch wenn es manchmal so scheint. Ich bin kein Mensch, der posiert oder sich verstellt, im Gegenteil, ich versuche weder, mich als besonders exzentrischen noch als besonders normalen Künstler zu inszenieren.

Richtig, dass Sie viele Jahre keine Schule besucht haben und stattdessen zuhause unterrichtet wurden?
Ja, ich bin kein eifersüchtiger Mensch, aber wenn jemand eine gute Ausbildung an einer ausgezeichneten Universität genossen hat, werde ich schon ein wenig neidisch. Ich war sechs Jahre lang auf der Juilliard School in New York

was eigentlich auch eine Top-Adresse ist
aber eben eine Musikschule, wo alle nur geraucht und den ganzen Tag geübt haben. Bücher wurden da weniger gelesen, deswegen versuche ich krampfhaft, alles nachzuholen.

Das haben Sie gut gemacht. Sie klingen wie ein Intellektueller.
Ich habe auch echt viel gelesen, Karl Marx, Susan Sontag, solche Sachen, aber glauben Sie mir, ich habe keine Ahnung, ob ich auch alles verstanden habe. Fakt ist, dass die meisten meiner Freunde Künstler und Denker sind, einer ist Regisseur, einer Choreograf, ein anderer Fotograf, und ich sage immer: Hey, eines Tages werdet ihr viel berühmter sein als ich. Immerhin sind sie auf Feldern tätig, die bereits etabliert sind, während ich als Organist jeden Tag um Anerkennung ringen muss. 

Erinnern Sie sich daran, wie Sie zum ersten Mal die Magie von Musik gespürt haben?
Ehrlich gesagt kann ich mich nicht daran erinnern, irgendwann nicht gesungen oder Keyboard gespielt zu haben. Musik war immer da, lange bevor ich zu sprechen begonnen habe.

Wann haben Sie die Orgel entdeckt?
Mit vier. Ich habe relativ schnell kleine Stücke komponiert, sehr einfache Sachen. Die Idee von Performance habe ich immer geliebt und schnell verinnerlicht. Das Konzept von Performance ist für mich der Schlüssel zur Musik.

Warum haben Sie sich für die Orgel entschieden?
Das war keine Entscheidung, das war eine Überzeugung, eine Obsession. Ein Psychologe würde jetzt sicher sagen, jede Handlung ist eine Entscheidung und da widerspreche ich auch gar nicht, aber nicht jede Handlung ist eine bewusste Entscheidung. Ich habe einfach getan, wo es mich hingezogen hat, das ist wie bei der sexuellen­ Orientierung eines Menschen. Man entscheidet sich nicht dafür, hetero- oder homosexuell zu sein, man spürt es einfach.

Wie viele Stunden üben Sie pro Tag?
An guten Tagen zwei bis drei. Ich habe Pianisten- und Geigerfreunde, die bringen es fertig, jeden Tag stur vor sich hinzuüben. Die üben wie sie atmen, ganz natürlich, ohne Angst, Argwohn oder Abscheu – Das kann ich nicht. Bei mir ist es immer ein Kampf. Viele Menschen wünschen sich einen Sechser im Lotto, ich träume davon, dass ich es eines Tages hinkriege, jeden Tag fünf Stunden zu üben.

Warum tun Sie sich so schwer damit?
Es ist nicht das eigentliche Spielen, auch nicht die Technik, die fällt mir sogar ziemlich leicht, es ist eher das Konzept, das hinter der Orgel steht, ihr ästhetisches, soziales und symbolisches Programm, das mich belastet. Und vielleicht gibt es noch einen anderen Grund: Als Kind fiel es mir immer sehr leicht, Musik zu erlernen. Natürlich wurde ich dafür ständig gelobt, umso mehr, weil ich aus einer ziemlich unmusikalischen Familie komme, das scheint mich irgendwie verdorben zu haben. Ich habe verinnerlicht, dass es gut ist, nicht zu üben. Und ich habe verinnerlicht, dass es schlecht ist, wenn man es nötig hat, zu üben.

Gibt es Tricks, mit denen Sie sich zum Üben bringen?
Ja, Druck. Sicher kennen Sie den amerikanischen Schriftsteller Charles Bukowski. Der hat 25 Jahre auf einem Postamt gearbeitet und nach Feierabend besoffen Kurzgeschichten geschrieben. Irgendwann hat ein Verleger sein Genie erkannt und ihm viel Geld für einen Roman angeboten. Eine Woche später kam Bukowski mit  dem Manuskript zu ihm. Der Verleger fragte: Wie um Himmels willen können Sie einen Roman in einer Woche schreiben? Und Bukowski antwortete: Angst!

Sie setzen sich unter Druck.
Da ich – wie vorhin besprochen – eine konservative Person bin, spüre ich eine große Verantwortung dafür, Qualität abzuliefern. Manchmal denke ich über die Ticketpreise für klassische Konzerte­ nach und sage mir: Mein Gott, 60 Euro für einen Abend, wenn jemand so viel Geld bezahlt, muss ich ihm verdammt nochmal das Beste und Größte abliefern, was er je gehört hat. Man kann schon sagen, dass ich der Sklave des Publikums bin, nicht weil ich auf Teufel komm raus gefallen will, sondern weil ich wirklich alles, alles gebe, was in mir drin ist. Ich bin total offen und ehrlich und verletzbar, ich folge ausnahmslos meiner Natur, meinem Instinkt, egal welches Risiko ich dabei auf mich nehme.

Sind Sie sehr eitel?
Ich will gut aussehen, das ist doch ganz natürlich, immerhin trete ich auf einer Bühne auf. In diesem Punkt ist die klassische Musik im Vergleich zu anderen Feldern so was von hinten dran. Wir leben im Zeitalter von Lady Gaga. Warum sollte ein klassischer Musiker nicht darauf achten, dass er gut aussieht. Ich verstehe das nicht. Die Kritiker beginnen ihre Texte immer noch damit, über meine Outfits zu schreiben, wir sind doch nicht mehr in den Fünfzigern.

Anders als ein Geiger oder Trompeter spielen Sie jedes Konzert auf einem anderen Instrument. Ein Problem?
Mein größtes Problem überhaupt, ich muss jedes Instrument neu kennenlernen, manche fühlen sich gut an, andere nicht.

Wie lange brauchen Sie, bis Sie eine Orgel kennengelernt haben?
Ungefähr 40 Minuten, was nicht heißt, dass 40 Minuten reichen, um mich auf einer fremden Orgel optimal auf ein Konzert vorzubereiten.

Wie lange dauert das?
Im Idealfall vier bis fünf Tage, vier bis fünf Stunden täglich.

Ziemlich aufwändig.
Und deshalb auch nicht umsetzbar. Ich sage nur, was der Idealfall wäre. Sie sehen schon, das ist ein Problem, und deswegen arbeite­ ich seit langem an der Entwicklung einer neuartigen digitalen ­Orgel, die alle diese Probleme auf einen Schlag lösen und mir das Leben extrem erleichtern wird. Es gibt Orgeln, auf denen macht das Spielen schlichtweg keinen Spaß. Leider muss ich mit denen genauso viel Zeit verbringen wie mit einer richtig guten, aber ich möchte nicht jammern und den Mythos des Künstlers als Diva befeuern. Ganz ehrlich, ich sehe mich nicht mal als Künstler, eher als Handwerker.  (Diese problematische Situation hat in Carpenter den Plan reifen lassen, eine eigene Orgel mit fünf oder sechs Manualen und erheblich mehr Pedalen als üblich zu entwerfen – oder besser gesagt zwei, „eine für die USA und eine für Europa“).

In welcher Stimmung agieren Sie auf der Bühne?
Ekstase.

Und in welcher Stimmung sollte Ihr Publikum sein?
Auch in Ekstase.

Während oder nach dem Konzert?
Sowohl als auch. Es soll ein mitreißendes, wildes, intuitives, fast gewaltsames Erlebnis sein, archetypisch in dem Sinn, dass ein Abo­rigine aus Australien die Aufführung genauso versteht wie ein fünfjähriges Kind aus New York. Ich will bei meinen Konzerten eine Intensität erreichen, die dafür sorgt, dass der Körper und das Bewusstsein der Menschen nicht mehr wissen, wie sie darauf rea­gieren sollen.

Sie sollen mal eine Orgel zerstört haben.
Ja, die Konzerthalle ist abgebrannt und es gab mehrere Tote. Aber im Ernst, die mechanischen Fähigkeiten einer Orgel in Philadelphia hielten den Anforderungen meiner Chopin-Aufführung nicht stand. Ich musste das Konzert unterbrechen, damit ein Mann mit einem Werkzeugkasten auf die Bühne kommen und das Instrument reparieren konnte. Das Publikum fand´s lustig, glaube ich.

Spielen Sie lieber in der Kirche oder im Konzertsaal?
Ich spiele eigentlich gar nicht in Kirchen, oder sagen wir so, in Kirchen habe ich nur gespielt, als ich für den Konzertsaal noch nicht erfolgreich genug war. Es hat auch keinen Sinn, in einer Kirche weltliche Musik aufzuführen. Ich bin ein Performer, ich will mein Publikum unterhalten, in einer Kirche geht das nicht.

Wie gut spielen Sie eigentlich Klavier?
Es gibt Menschen, die mich gern Klavier spielen hören, aber ich halte mich nicht für einen besonders guten Pianisten. Trotzdem ist es wichtig für mich. Ich transkribiere Klaviermusik für die Orgel, muss also beides können und auch mit beiden Instrumenten arbeiten. Inzwischen bin ich so weit, dass ich das nur für mich mache, nicht mehr, wenn andere Leute in der Nähe sind. Es gibt so viele ausgezeichnete Pianisten, da muss ich nicht auch noch im schwarzen Frack am Flügel sitzen, da kann ich nur verlieren.

Als Organist sind Sie ein Exot.
Das stimmt, die Orgel ist ein Außenseiter und ich als Organist bin es auch, übrigens auch in kommerzieller Hinsicht. Wir verdienen am wenigsten von allen Musikern. Dafür habe ich den Vorteil, dass das Orgelspiel im 21. Jahrhundert fast als neu empfunden wird, das ist mein Vorteil.

Gibt es Musik, die sich nicht für die Orgel umschreiben lässt?
Ja, Hiphop. Ich habe es ein paarmal versucht, bin aber jedes Mal kläglich gescheitert.

 

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