Carmen ruft #metoo

Carmen ersticht Don José. Dagegen ist nichts zu sagen. Wohl aber gegen die Erklärung des Regisseurs. 

Von Axel Brüggemann

Es ist nicht die Idee an sich, sondern ihre Erklärung, die verwirrt. Ach was, die wütend macht und mehr noch: die den Sinn der Kunst an sich ad absurdum führt! Dass Regisseur Leo Muscato ein neues Ende für „Carmen“ in Florenz erfunden hat, dass Carmen Don José ermordet und nicht andersherum – warum nicht: Oper bedeutet auch die ewige Neubefragung des Alten, und – wenn es Sinn macht – auch einen radikalen Eingriff, eine Umdeutung, ein Auf-den-Kopf stellen des Bekannten. Partituren erfordern allabendlich eine zweite Schöpfung, um neu zu entstehen, sie können nur durch den Blick der Gegenwart auf die Vergangenheit zum Leben erweckt werden. Absurd wird es aber dann, wenn der Intendant einer Oper, in diesem Falle Cristiano Chiaro, seinem Regisseur explizit aufträgt, einen Klassiker unbedingt neu zu erfinden. Genau das hat er mit folgenden Worten getan: „In einer Zeit, in der die Plage der Frauenmorde akut ist, wie kann man bei der Ermordung einer Frau klatschen?“ Der Regisseur stößt ins selbe Horn: „In der Oper muss die Frau sich opfern, um ihre Freiheit zu verteidigen“, erklärt Muscato, „das ist ein heute sinnloser Gesichtspunkt.“

Mit Verlaub, aber das ist dummes Zeug! Zunächst einmal ist doch durchaus strittig, ob Carmen sich opfert, um ihre Freiheit zu verteidigen – welchen Sinn sollte der Tod als Opfer haben? Ist es nicht eher so, dass Carmen an sich Opfer ist, und genau dieses Opfer auch von Bizet gezeigt wird? Ich habe in den letzten Monaten zufällig an einer Dokumentation über den „Mythos Carmen“ für ZDF/arte gearbeitet und dafür zahlreiche Künstler getroffen. Egal, ob Regisseur Calixto Bieito („Ich bin sicher, dass Carmen schon als Kind Opfer von Gewalt wurde“), Elina Garanca („Natürlich ist Carmen auch ein Opfer der Männer, besonders von Don José, dessen Psyche sehr labil ist, und der Gewalt gewohnt ist“) bis zu Roberto Alagna („Selbst bei den Schmugglern ist Carmen nicht frei, ihre Freiheit wird andauernd von den Männern bestimmt“), sind sich alle einig: Die Oper „Carmen“ erzählt immer auch die Geschichte einer Frau, die durch die Welt, wie sie ist, zu dem wird, was sie wird – gerade darin liegt ja die Tragödie dieser Oper, die uns so verstört.

Ein Regisseur, der seinen Beruf verfehlt hat

Aber zurück zur Aufführung in Florenz. Bei so viel Quatsch wie da im Vorfeld geredet wurde, weiß man gar nicht, wo man mit dem Kopfschütteln beginnen soll. Klatschen wir wirklich, weil eine Frau auf der Bühne stirbt? Natürlich nicht, wir klatschen am Ende einer „Carmen“-Aufführung, weil die Kunst es geschafft hat, unsere Sinne zu erregen. Wir beklatschen nicht die Handlung, sondern ihre Darbietung. Hat ein Regisseur, der dieses Grundprinzip der Inszenierung, der Kunst, der Wahrhaftigkeit einer Tragödie nicht verstanden hat, nicht seinen Beruf verfehlt?

Glauben die in Florenz allen Ernstes, dass die Handlung einer Oper, dass also das Spiel auf der Bühne, keinen Vorhang hat, dass es keine Grenze zur Wirklichkeit gibt? Besteht da wirklich die Auffassung, dass die Bühne kein Raum des Experiments ist, in dem zunächst einmal alles möglich sein muss, sondern nur eine Verlängerung unserer Wirklichkeit? Ja, sollen auf der Bühne am Ende etwa auch das Strafgesetzbuch und die allgemeine Moral der Gesellschaft gelten? Zu Ende gedacht würde das bedeuten, dass jedem Tenor, der Don José singt und Carmen ersticht, am Ende ein realer Prozess gemacht werden müsste, dass Herodes aus Salomé vor das Kriegsverbrechertribunal in Den Hag geführt werden müsste und auch die Sängerin der Elektra eine Anklage wegen Mord zu erwarten hätte.

Liebe Leute in Florenz, Carmen schreit nirgendwo #metoo. Und selbst wenn (diese Lesart wäre ja durchaus möglich), würde sie das tun, um uns die Augen für unsere Gegenwart zu öffnen. Die Interpretation einer Oper kann, darf, ja muss vielleicht sogar so brutal wie unsere Wirklichkeit sein, um unsere Zeit zu spiegeln, sie auf einer emotionalen Ebene zu verstehen. Mit anderen Worten: Wen Morde an Frauen verstören, sollte sie auf die Bühne bringen, statt auf der Bühne eine ideale Wirklichkeit zu schaffen, die unser Gewissen ruhig stellt.

Die Reinigungskolonne der Kultur

Was bitte soll die Argumentation sonst für alle anderen Opern bedeuten? Ist Otello politisch unkorrekt, und sollen wir aus dem Mohren einen angry white man machen? Sollen wir die Pädophilie aus den Werken Brittens streichen, weil die „Plage des Kindesmissbrauchs so akut ist, dass wir am Ende von ‚Peter Grimes‘ nicht klatschen dürfen“? Ja und Carmen ist ja nicht allein: Lassen wir Alfredo statt Mimi sterben, soll Tosca Scarpia töten? Und was machen wir dann erst mit der Weltliteratur: Verbrennen wir die Bücher von Nabokov, Dostojewsky, Goethe, Schiller? Weg mit allen Künstlern, die uns das Grauen des Menschen in ihrer Kunst zeigen? Eliminieren wir sie von den Bühnen und aus den Bibliotheken? Retuschieren wir alte Gemälde? Allein dieser Gedanke zeigt, wie politisch unkorrekt vermeintlich politisch korrektes Denken sein kann. In diesem Sinne wären Leo Muscat und Cristiano Chiaro Vorreiter für eine neue Kultur-Diktatur, radikale Zensoren, die Vorhut einer angsteinflößenden Reinigungskolonne der Kultur!

Kunst, und die Oper ganz besonders, war und ist nicht „politisch korrekt“, gerade deshalb zeigt sie uns die großen Probleme unserer Welt, weil wir im beschützen, vollkommen freien Raum der Bühne lernen können, wozu alte Rollenbilder, wozu Eifersucht, der Missbrauch von Frauen, Kindern, und ja, auch Männern führt.

Wir beklatschen nicht die grausamen Handlungen, im Gegenteil, wir beklatschen am Ende, dass jemand den Mut hat, die Schonungslosigkeit der Kreatur Mensch zu zeigen, ganz ohne Rücksicht auf Trottel wie den Intendanten in Florenz und seinen Regisseur. Und noch einmal, das Ende einer Oper neu zu deuten, ist gar kein Problem, und es ist übrigens auch nicht neu: Durchaus spannend war die „Carmen“-Studie von Dimitri Tchernaikow in Aix en Provence, der das Stück in die Psychiatrie verlegte, in der ein gewaltsamer Don José behandelt wird, oder auch die legendäre Bieito-„Carmen“, in der der Missbrauch an der Titelfigur dekliniert wird und in einer erschreckenden Tragödie endet. Aber weder Tchernaikow noch Bieito würden argumentieren wie Leo Muscato. Ihre „Carmen“-Deutungen legitimieren sie nicht, weil die Oper durch ihre Rollenbilder nicht in unsere Zeit passt, sondern gerade dadurch dass wir in unseren Rollenbildern noch immer nicht weiter sind als in der Oper „Carmen“ – das macht dieses Werk so tragisch, das berührt uns, deshalb ist „Carmen“ so aktuell. Mit der politischen correctness, die Florenz an den Tag gelegt hat, hätte Carmen sicherlich nichts am Hut gehabt. Im Gegenteil: Unkorrekter kann man sich gegenüber der Kunst als Intendant und Regisseur wohl kaum verhalten!

Der Film „Mythos Carmen“ von Axel Brüggemann wird am 21.1. um 23:00 auf arte ausgestrahlt.

 

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