Cathy Krier: Verfechterin der Neuen Musik

Foto: Delphine Jouandeau

Die Pianistin Cathy Krier legte im vergangenen Jahr eine beeindruckende
Gesamteinspielung von Janáčeks Klavierwerk vor. Wir begleiteten die Luxemburgerin
zu einem besonderen Konzert nach Paris.

Die Farbe blättert von den Wänden, es riecht modrig. Die beigen Sitzkissen haben ihre beste Zeit schon hinter sich, und es wäre nicht verwunderlich, wenn hier neben den Zuschauern auch ein paar kleine Spinnen zuhörten. Das Pariser Théâtre des Bouffes du Nord könnte gut eine Filmkulisse sein. Von draußen sieht es aus wie ein unscheinbares, gewöhnliches Pariser Wohnhaus im 10. Arrondissement, nahe der schwirrenden Hektik des Gare du Nord – doch drinnen wirkt es wie aus einer anderen Zeit: ein historisches Theater aus dem 19. Jahrhundert im „shabby chic“. An diesem Konzertort mit ganz besonderem Flair spielt die luxemburgische Pianistin Cathy Krier ein Klavier-Recital.

„Ich finde das cool“, sagt Krier und schiebt ihren roten Rollkoffer Richtung Bühne. Als sie am opulenten Konzertflügel, der einen schönen Kontrast zur Kulisse bildet, die ersten Töne anschlägt, horcht sie auf: „Das ist ja eine Wahnsinns-Akustik!“ Tatsächlich: der Klang ist durchdringend und farbenreich, klingt bis in die hintersten Ecken des Theaters. Kein Wunder, dass das „Bouffes du Nord“ mittlerweile kein Geheimtipp mehr ist und hier regelmäßig große Klassik-Künstler Kammermusikkonzerte, Recitals und Liederabende veranstalten. Krier spielt hier im Rahmen eines Konzerts für die „Mission culturelle du Luxembourg en France“, also die Vertretung kultureller luxemburgischer Belange in Frankreich. Krier fühlt sich in der französischen Hauptstadt zuhause, sagt sie. Im letzten Jahr war sie „Artiste en residence“ bei der Stiftung Biermans-Lapôtre und verbrachte mehrere Wochen hier.

Diesmal hat sie nur einen Tag in Paris, schon am nächsten Morgen wird die Pianistin früh zurück nach Luxemburg fahren. Sie ist viel unterwegs momentan, und 2013 war für die 28-Jährige ein hochmusikalisches und turbulentes Jahr. Denn neben Konzerten in China, Deutschland und Frankreich hat Krier im September geheiratet. „Und das wäre fast noch gescheitert“, sagt Claude, Kriers Ehemann, und wirft seiner Frau einen heiteren Blick zu. Die lacht laut und nimmt den Faden auf: „Ja! Es spielte das Concertgebouw Orchestra mit Mariss Jansons in der Philharmonie! An unserem Hochzeitstag! Tut mir leid, dass ich darüber nachgedacht habe, dort hinzugehen. Aber es war eben Mariss Jansons!“

Die Pianistin hat ein spitzbübisches Grinsen. Sie lacht laut und viel. Bloß auf der Bühne, da ist ihre Ausstrahlung konzentriert und ernster. Da geht es nicht um sie als Person, da geht es um die Musik. Wenn sie sich verbeugt, wirkt sie fast schüchtern, doch ihr Klavierspiel ist kein bisschen zerbrechlich. Im Gegenteil: Es scheint, als wolle sie ihrem Publikum alle musikalischen Schichten so verständlich wie möglich präsentieren. Besonders beim Klavierwerk Leoš Janáčeks, das sie in seiner Gänze im vergangenen Jahr auf CD einspielte, gelingt das beeindruckend: Sie spielt sehr durchsichtig, sehr deskriptiv und nutzt jede unterschiedliche Klangfarbe, die der Komponist durchschimmern lässt, um das Fenster in eine neue Welt zu öffnen. Auch in der besonderen Stimmung des Théâtre des Bouffes du Nord funktioniert der Zauber dieser Musik. Die Zuschauer danken es Krier mit begeistertem Applaus, hinterher gibt es ihr zu Ehren einen Empfang. Die Stimmung ist familiär. Denn neben dem luxemburgischen Botschafter, der ihr ein riesiges Blumenbouquet überreicht, sind luxemburgische Freunde da, und Verwandte. Cathys Familie ist extra aus Luxemburg angereist – mittlerweile gibt es eine bequeme TGV-Verbindung von Luxemburg Stadt nach Paris, da schafft man es in weniger als zweieinhalb Stunden in die Stadt der Liebe.

Apropos Fernreisen: Schon als Jugendliche pendelte sie mehrmals pro Woche aus Luxemburg Stadt nach Köln, wo sie als Schülerin von Pavel Gililov lernte. Cathy Krier ist eines der Gesichter der jungen luxemburgischen Musiker-Elite. Das kleine Land im Herzen Europas ist keine schlechte künstlerische Ausgangsbasis. Schon gar nicht, wenn man wie sie ein Faible für zeitgenössische Kompositionen hat: „Ich mag es, wenn ich für neue Musik in den Baumarkt gehen muss.“ Sie mag es, auch mal an Klanggrenzen zu kratzen, und sieht sich selbst als Verfechterin der Neuen Musik. Kürzlich durfte sie das Programm ihrer neuen CD, die sie mit dem Deutschlandfunk in Köln aufnehmen konnte, selbst bestimmen. Doch anders als wohl die meisten ihrer Kollegen fiel ihre Wahl nicht auf populäre hochromantische Klavierkonzerte. Sie entschied sich für Musik von Györgi Ligeti. „Die Romantiker sind einfach nicht meine Welt.“ Lieber will Cathy Krier experimentieren. Und sie kann es auch. Denn die Luxemburger sind ein neugieriges Publikum, und der Staat fördert sein künstlerisches Potenzial, wo er kann. Und die Luxemburger Künstler danken es ihm, indem sie viel im Großherzogtum gastieren. Krier selbst spielt regelmäßig beim Festival International Echternach, dem Festival de Bourglinster und dem Festival Musek am Syrdall. Und auch zur 2005 eröffneten Luxemburger Philharmonie hat sie einen sehr guten Draht, spielte zu den Eröffnungsfeierlichkeiten und gestaltet immer wieder Klavierabende und Konzerte mit dem Orchestre Philharmonique Luxembourg. Am Wochenende vor ihrem Paris-Auftritt spielte Krier erstmals sechs Kinderkonzerte in der Philharmonie. „Ehrlich gesagt war ich hier besonders aufgeregt“, gesteht die Pianistin, „nicht wegen des Klavierspiels, sondern weil ich einen Satz sagen musste!“

Krier kommt aus einer Musikerfamilie, in der Musik immer eine Rolle spielte. Deswegen findet sie auch das Konzept von solchen Kinderkonzerten gut, sagt sie, aber nur dann, wenn Eltern dann auch irgendwann anfangen, mit den Sprösslingen in „richtige, ernste“ Konzerte zu gehen. „Meine Eltern haben uns schon im jüngsten Alter mit ins Konzerthaus genommen“, erzählt sie und lacht, „das ist natürlich manchmal etwas unbequemer: Mein Bruder ist mal mitten im Konzert aufgestanden und hat der Sängerin zugerufen ‚Du singst falsch!‘ Aber nur so lernt man früh und intensiv viel Musik kennen.“

Cathy Krier LIVE

25.2.14: Luxemburg, Philharmonie
„2x hören: Werke von Györgi Ligeti“

11.3.14: Hamburg, Körber-Stiftung
„2x hören: Werke von Györgi Ligeti“

18.5.14: Festival International d‘Echternach
Werke von Berg, Janáček und Schubert

Cathy Krier: The Piano
Cavi-Music (Harmonia Mundi)
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