Charlie Siem: Der Saiten-Dandy

Ihre größte Schwäche? „Schokolade. Ist das nicht vielleicht eher eine Stärke?“

Wenn man die Möglichkeit bekommt, einen Geigen-Beau wie Charlie Siem zu treffen, schickt man natürlich eine Autorin. Nur muss man dann auch damit rechnen, dass diese leicht ins Schwärmen gerät.

Manchmal ist es ein Fluch und Segen gleichermaßen, ein gut aussehender Musiker zu sein: Segen, weil schöne Plattencover entstehen, die sich besser verkaufen und in der Klassik-Szene auch bei den jungen Leuten gut ankommen. Fluch, weil es immer Kritiker gibt, die behaupten: Der ist doch nur erfolgreich, weil er gut aussieht. Der Engländer Charlie Siem ist so ein Kandidat. Er ist Geiger, ein richtig guter Geiger. Und er sieht gut aus. So gut, dass er Modeshootings für die Vogue macht, auf Events von Dolce & Gabbana spielt und selbst Karl Lagerfeld behauptet, ein Fan zu sein. Er hat für die dänische Königin gespielt und für Lady Gaga. Er ist sozusagen der Anker zwischen Klassik und Lebensart, ein moderner Dandy des Geschäfts. Da drängt sich eine Frage gleich zu Beginn auf: „Wie viele Heiratsanträge haben Sie schon bekommen?“ Die überraschende Antwort: „Keinen!“

Wir treffen Siem in Nizza, an der wunderbaren Côte d’Azur. Die Sonne sticht vom Himmel, das Meer grüßt am Horizont. Charlie Siem sieht auch im realen Leben verdammt gut aus. Dass er zudem ein aufmerksamer Gesprächspartner ist und es versteht, sich auch außerhalb einer Konzertbühne passend zu kleiden, macht es nicht leicht, sich mit ihm nur über sein neues Album zu unterhalten. Bevor er selbst zu erzählen beginnt, will er noch wissen, wer überhaupt sein Gegenüber ist. Der Name des Mediums, für das man schreibt, reicht ihm nicht. Er hakt deutlich nach und gibt auf Fragen selten kurze Antworten. Für Themen, die ihm wichtig sind, hält er richtige Plädoyers.

Da ist es schon ein bisschen verwunderlich, dass er als Debütalbum bei der Sony, die ihn gerade unter Vertrag genommen hat, ausgerechnet eines mit vielen kleinen Stücken herausbringt. „Under the stars“ heißt es, und im Grunde ist es eine Einspielung vieler kleiner „Encores“ aus dem frühen 20. Jahrhundert. Die ihm aber alle am Herzen liegen, sagt er. Denn es ist eine Art Tribut an die großen Geigenspieler dieser Zeit. Ein Stück von der neuen Platte hat er im Internet entdeckt. „Das Titel-Stück ‘Underneath the Stars’ hatte ich noch nie vorher gehört, fand es aber total spannend, und da es keine Noten dazu gab, haben wir ein Arrangement aus diesem YouTube-Video gemacht.“ Ein Blick auf den Facebook-Account des 28-Jährigen zeigt, dass er sich viel im virtuellen Raum tummelt: Er postet munter Fotos vom Essen, vom Familienausflug mit den Geschwistern und Aufnahmen vom Handstand am Pool (siehe Foto). „Ich bin zwar kein Facebook-Fanatiker“, sagt er, „aber es macht schon süchtig.“

Siem ist kein Newcomer im klassischen Sinn, schließlich hat er mit drei Jahren begonnen, Geige zu spielen. „Es war tatsächlich so, wie alle immer erzählen: Ich habe als kleines Kind eine Aufnahme von Yehudi Menuhin angehört. Und da wusste ich, dass ich nur Musiker werden könnte.“ 25 Jahre später hat er mit vielen bedeutenden Orchestern gespielt, er tourt durch die Welt – und er spielt eine Guarneri, die einst genau jenem großen Meister gehörte: Yehudi Menuhin. Natürlich sei es ein schöner Gedanke, dass der Geist des Geigers irgendwie noch in der Geige schlummere, sagt Siem. Aber er sei sich sicher, dass jedes Instrument mit seinem neuen Besitzer ein anderes wird. Die Beschaffenheit sei zwar gleich, aber die Art, wie es gespielt werde, eine andere. „Es ist mein Instrument. Und es ist schön, dass es so viel Geschichte mit sich herumträgt.“

Das letzte Buch, das er gelesen hat? „Eins mit Kurzgeschichten von William Somerset Maugham. Ich lese alle seine Kurzgeschichten, ich bin ein großer Fan.“ Mit dem wäre er auch gerne mal essen gegangen, er wäre sein idealer Dinnerbegleiter gewesen, sagt Siem: trocken, geistreich, witzig. Das nimmt man ihm sofort ab. Denn zumindest optisch wirkt der Geiger auch ein bisschen wie aus der Zeit gefallen mit seinen schnieken, maßgefertigten Anzügen, den perfekt liegenden Haaren und dem schelmischen Lachen. Very charming – ja, das ist er, der Brite mit norwegischen Wurzeln.

Im Gespräch driften wir immer wieder ab, werden philosophisch. Das Gefühl ist paradox: Hier will ein junger Künstler nicht mit aller Macht und antrainiertem PR-Text sein Album vermarkten. Stattdessen will er über Musik nachdenken, über die Welt um sich herum und das Leben reden. Gerne! Der letzte Gedanke, bevor Sie auf die Bühne gehen? „Ich versuche keine Gedanken zu haben. Das ist meine Art der Meditation vor dem Konzert. Ich versuche nur zu sein. Eins mit dem, was ich tue.“ Und wenn die Vorstellung vorbei ist? „Ich glaube, das Konzert ist wie ein Berg. Auf den man hinaufsteigt und versucht, die Höchstleistung herauszuholen. Man muss sich konzen-trieren und die Zuschauer davon überzeugen, dass diese Musik so wunderschön ist, wie man sie selbst findet. Und wenn man von der Bühne kommt, muss man das, was oben passiert ist, gehen lassen.“ Es sind sehr persönliche Einblicke, die Siem hier gibt, da will man weiter nachfragen. Wir fordern ihn zu einem Spiel heraus. Kurze Fragen, kurze Antworten. Und zu Beginn knappe Assoziationen:
Zuhause? „Zuhause ist, wo immer du bist, denn Zuhause ist kein spezieller Ort – Zuhause ist in dir selbst.“
Urlaub? „Ich will ja nicht langweilig sein, aber: Das ist genau dasselbe. Wo immer man ist, kann man sich im Urlaub fühlen. Wenn man hart arbeitet und sich eine Pause gönnt, kann man das Gefühl haben: Das ist ein kurzer Urlaub für mich.“
Familie? „Wichtig.“
Ihre größte Schwäche? „Schokolade. Ist das nicht vielleicht eher eine Stärke?“
Charlie Siem in drei Worten?
„Charlie Siem ist. Ich bin. Das ist der Punkt. Ich will mich nicht einschränken, nicht in eine Schublade packen lassen. Ich verändere mich jeden Tag. Ich bin.“

Auf die Frage, was er denn gerne als Nächstes aufnehmen würde, antwortet er mit einer Aufzählung aller großen Violinkonzerte. Tschaikowsky, Sibelius, Brahms, Schostakowitsch eins und zwei. Und Prokofjew, Mendelssohn, alle Mozart-Konzerte, die Bach-Solostücke. Eigentlich alles. Es fasziniert ihn, Sachen für die Ewigkeit festzuhalten. Und er ist gerne im Studio. Mag diesen Nervenkitzel, wenn das rote Lämpchen leuchtet. „Eigentlich ist es egal, was ich aufnehme. Hauptsache ich bin im Studio. Das ist kreativ und inspirierend!“ Überhaupt findet er, dass die Standardwerke der Klassik niemals „zu alt“ oder zu langweilig werden, um sie zu spielen. Auch ein neues, junges Publikum solle man nicht mit seichtem Klassik-Geplänkel beschallen, die Musik nicht so verwässern, dass alle sie mögen. Das betont er mehrfach und vehement. Siem will neue Zuhörer mit den Meisterwerken konfrontieren. Er will sich dem Trend der „seichten Klassik“ widersetzen: „Diese Werke können immer und immer wieder entdeckt werden. So wie ich als Kind das erste Mal Beethoven gehört habe und es mich total von den Socken gehauen hat, so kann ein Tschaikowsky-Violinkonzert heute für jemanden, der es nicht kennt, das alles verändernde Hörerlebnis sein. Wir haben dieses Repertoire, wir sollten es auch bewahren und bewusst einsetzen.“

Charlie Siem: Under the Stars
Sony Classical (Sony Music)
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