Wie entsteht der Spielplan an Theatern ohne eigenes Ensemble?

Christian Kreppel ist in der Theatergastspielszene zu Hause (c) Stefan Pfister

Beim Thema “Spielplan” denkt man schnell an die großen Theater- und Opernhäuser. Doch wie kommt die Saison eigentlich an den Theater ohne eigene Ensembles zustande? Unser Autor ist Leiter des Theaters Schweinfurt und Präsident der INTHEGA, der Interessensgemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen e.V.

Oft vergessen wird weit abseits der Berichterstattung der renommierten Theaterjournale und Feuilletons unseres Landes, dass auch in den Mittel- wie Kleinstädten und auf dem „flachen Land“ Kultur existiert und floriert. „Kulturelle Grundversorgung“ gibt es auch für Menschen in der – nennen wir es doch ruhig beim Namen – Provinz. Hier kommen vordringlich seit den 1950er Jahren Kommunen zum Zuge, die sich an unterschiedlichsten Spielorten, die vom Vollhaus über die Stadthalle bis zur Schulaula reichen, in sehr heterogenen Organisationsformen dem Gastspieltheater verschrieben haben. Viele Millionen Menschen werden hier Jahr für Jahr erreicht. Von Eckernförde an der Ostsee bis Visp im Wallis oder Villach in Kärten ebenso wie vom saarländischen Saarlouis bis nach Frankfurt/Oder an der polnischen Grenze. Organisiert sind knapp 400 dieser Kommunen als Veranstalter in der seit 1980 bestehenden  Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen e.V. (INTHEGA), einer inhaltlichen, auch stark nach außen gerichteten Serviceorganisation.

Wie bei den produzierenden Ensembletheatern steht und fällt der Erfolg der Gastspielhäuser mit dem Spielplan, der angeboten werden kann. Die negativen Klischees zur Qualität des Angebots und auch Arbeitsweise der ja „nur“ reproduzierenden Veranstalter sind ungebrochen und resultieren meist aus dem Unwissen der Tatsachen.  Es existieren Häuser mit „Leuchtturmcharakter“, deren Spielpläne in Vielfalt und Größe einem Dreispartenhaus nahe kommen ebenso wie zahllose mittlere und kleine wertvolle Unternehmungen mit qualitätvollen Angeboten, die meist über Jahrzehnte auch im Ehrenamt verwirklicht werden. Eine große Freude ist es zu beobachten, wie viele Gastspieltheater bemüht sind, Autorenpflege zu betreiben und sich auch neuer Literatur zuzuwenden. Große Themen wie 500 Jahre Reformation werden hier ebenso abgehandelt wie in den Metropolen. Wichtige Zeitstücke wie Ferdinand von Schirachs „Terror“, Ayad Akhtars „Geächtet“, Florian Zellers „Vater“ oder auch  Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ sind in den Bespielhäusern vertreten.

Der Spielplan aber ist immer der Kern des Erfolges und hier gelten die gleichen Spielregeln wie in Hamburg, Berlin, München oder Stuttgart. Der Spagat zwischen forderndem Anspruch und sinnvoller Unterhaltung ist immer, wenn auch oft negiert, ein Thema. Hier Lösungen zu finden, ist in kleinen Häusern mit übersehbaren Spielplänen nicht einfacher. Die Werkstatistik des deutschen Bühnenvereins dokumentiert Jahr für Jahr die meistgespielten Autoren und Werke. Diese Ergebnisse gelten auch für den Gastspielbereich. Es liegt in der Natur der Sache, dass Theaterexperimente eher selten anzutreffen sind, was meist  in der engen Personaldecke zu begründen ist. Sehr zahlreich sind die Angebote für Kinder- und Jugendtheater.

Aber wie entsteht nun ein Spielplan, dieses diffizille, feingliederige und vielfältige Konstrukt eines Jahresprogramms? Es gibt kein Lehrbuch darüber, man kann dies nicht studieren, abschauen oder kopieren. Welche Ingredenzien sind vonnöten?  Das wären Erfahrung und Wissen, Branchenkenntnis und immer wieder Neugier, gute und verlässliche Partner, verrückte und enthusiastische Künstler, Theaterschaffende und „Macher“. Natürlich auch Mut, mit der Theaterarbeit Identität stiften zu wollen gegen alle etwaigen Widerstände, egal wie unangenehm das auch sein kann. Man braucht ein funktionierendes wie in der Gesellschaft vernetztes Haus mit guten Grundkonditionen, ein aktives Team, das sich fordern und motivieren lässt. Ein Team, das vertraut und dem man vertrauen kann.  Natürlich geht es unter keinen Umständen ohne das Publikum, das im Idealfall aufgeschlossen, neugierig und immer (!) kritisch ist. Ganz am Schluss nicht zu vergessen immer wieder ein Stück Glück, um seinen Plan, eine Programmtik, eine Linie oder viele roten Fäden spinnen zu können. Es ist eine wunderbare, anspruchsvolle, aufreibende Arbeit und gefühlt irgendwie immer ein „Tanz auf dem Vulkan“.

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