Christoph & Julian Prégardien: Father and Son

(Julian Prégardien, Christoph Prégardien)

Die lyrischen Tenöre Christoph und Julian Prégardien führen eine vorbildliche Vater-Sohn-Beziehung. Warum das so ist, und weshalb sie ihr Album auch gleich danach benannten, verrieten sie uns beim Gespräch im Münchner Prinzregententheater.

crescendo: „Als ich 14 Jahr alt war“, schreibt Mark Twain, „war mein Vater für mich so dumm, dass ich ihn kaum ertragen konnte“ …
Julian und Christoph Prégardien: (lautes Lachen)

Es geht weiter: „Aber als ich 21 wurde, war ich doch erstaunt, wie viel der alte Mann in sieben Jahren dazugelernt hatte.“
Christoph Prégardien: Das ist toll! Oh, das muss ich mir merken! Von mir natürlich dazugelernt!
Julian Prégardien: Heute mit 30 habe ich mich emanzipiert. Ich bin seit etwa sechs Jahren im Beruf und weiß, dass es ganz schön dumm wäre, wenn ich nicht den Rat meines Vaters einholen würde. In jeder Hinsicht.

Julian, was haben Sie empfunden, als Sie Ihren Vater zum ersten Mal auf der Bühne sahen?
Julian Prégardien: Ich lasse mir gerne von meinen Eltern erzählen, dass ich, als ich klein war …
Christoph Prégardien: … er war vielleicht zwei, drei Jahre alt … Da setzte er sich vor die Stereoanlage auf ein Kissen, und als die Musik anfing, eine Rossini-Ouvertüre, da fing der ganze Körper an mitzumachen.
Julian Prégardien: Mit fünf sah ich meinen Vater zum ersten Mal auf der Bühne …
Christoph Prégardien: … Das war im Don Giovanni mit Albert Dohmen und ich sang Don Ottavio. Julian war bei den Proben und war von Albert und seiner dämonischen Ausstrahlung fasziniert. Er wollte Bariton werden und kein Tenor.
Julian Prégardien: Ja. Mit fünf wollte ich ein Don Giovanni sein! Aber heute finde ich die Tenorpartie des Don Ottavio viel interessanter. Ich bin ja auch Vater und habe zwei Kinder. (Lachen)

Sie waren beide zu Beginn Ihrer Laufbahnen an der Frankfurter Oper engagiert …
Julian Prégardien:  Für mich waren dies vier lehrreiche Jahre. Aber aufgrund meiner ästhetischen Sicht merkte ich, dass dies nicht das richtige Haus für mich ist.
Christoph Prégardien: Julian mag klare Aussagen.

Sie, Christoph, sind diplomatischer, nicht wahr?
Christoph Prégardien: (Lachen) Ich wollte immer Diplomat werden! Weil man so viel unterwegs ist. Ich habe zunächst ein Semester Jura studiert, aber dann wurde die Musik doch wichtiger.
Julian Prégardien: Natürlich war es schön, am gleichen Haus zu singen wie mein Vater, nicht nur zu Beginn seiner Karriere, sondern auch später. Ein Problem vieler Opernhäuser ist, dass keiner für die Besetzung zuständig ist. Es braucht einen, der wirklich etwas vom Fach und den Sängern versteht. So wie ein Fußballtrainer für die Mannschaft zuständig ist, wäre es am Theater sinnvoll, wenn es da jemanden gäbe, der sich für das Sängerensemble zuständig fühlt. Meist ist es nur ein Verantwortlicher, der GMD oder Intendant, der die Regisseure, Bühnenbildner und alle Sänger bestimmt. Außerdem spielen bei der Besetzung auch andere Mechanismen mit, die man nicht beeinflussen kann, wie etwa der von Agenturen bestimmte Vermarktungswert.

Wie war das bei Ihnen, Christoph?
Christoph Prégardien: Damals gab es noch feste Ensembles. Große Häuser, wie in München oder auch in Frankfurt, haben ein zu großes Ensemble, um alle Sänger gut betreuen zu können. Julian hat recht: Es müsste nicht der GMD sein, der sich kümmert und entscheidet, sondern vielleicht der Korrepetitor. Korrepetitoren verstehen viel mehr von Sängern als andere, inklusive Dirigenten, weil sie mit ihnen täglich arbeiten.
Julian Prégardien: Viele Korrepetitoren sind andererseits frustrierte Dirigenten.

Jeder will doch auf der Bühne stattfinden und nicht hinter den Kulissen.
Christoph Prégardien: Ja. Früher gab es mehr Generalmusikdirektoren, die eine Ahnung von Sängern hatten. Heute sind Intendanten vielfach Verwaltungsmenschen. Wir hatten damals Michael Gielen. Er hatte seine eigene Ästhetik, und es war auch nicht alles Gold, was da geglänzt hat. Aber er hat sich um das Ensemble gekümmert. Als ich 1983 an die Frankfurter Oper kam, mit 27, war ich technisch noch nicht ausgereift. Das haben die natürlich gehört. Sie ließen mir Zeit. Ich habe weiter Unterricht genommen. Ich hatte wirklich Zeit, mich zu entwickeln, erst mit kleineren Partien. Langsam wuchs ich in das lyrische Fach hinein.

Ich nehme an, Sie würden heute nicht mehr anfangen wollen.
Christoph Prégardien: Nein. Ich beneide Julian nicht.
Julian Prégardien: Ich war 25, als ich 2009 an das Opernhaus Frankfurt kam. Die Erwartungen waren enorm, ich sollte bereits in der zweiten Spielzeit viele Fachpartien singen. Ich musste mich wehren. Das ist geglückt. Wenn heute ein lyrischer Tenor an ein Haus engagiert wird, dann möchte die Presse nach der ersten Aufführung auf Anhieb jubeln: „Wunderlich ist zurück!“ Und das geht einfach nicht.
Christoph Prégardien: Julian bekam an der Oper gleich einen Fachvertrag, im Gegensatz zu mir. Ich hatte einen Anfängervertrag, die gab’s damals noch. Damals engagierte man junge Leute nicht mit dem Gedanken, dass sie jetzt viele Partien in einer Spielzeit abdecken müssen, sondern erst ins Ensemble integriert werden und herangeführt werden an den Beruf, wie in einem Opernstudio. Die Finanzen sahen anders aus.

Heute Künstler zu sein, heißt auch, im Internet stattzufinden. Julian, Ihr Wikipedia-Eintrag ist doppelt so lang wie der Ihres Vaters. Wie kommt᾽s?
Julian Prégardien: Ich weiß gar nicht, wer das hineingesetzt hat. Ich habe versucht, mich dagegen zu wehren und es zu ändern, dann aber kam die Web-CIA. Man hat wenig Macht über die eigenen Daten.
Christoph Prégardien: Ich habe resigniert, bin da relativ gelassen. Das Medium hat so eine Macht, man sollte sich nicht darüber aufregen.
Julian Prégardien: Ja, aber wenn man dann Kommentare liest, wie etwa unter einem YouTube-Video: „Gehen Sie auf Minute 12:42, da ist der Kiekser“? Das ist doch unfair!
Christoph Prégardien: Verlorene Liebesmüh. Man hat keine Chance.

Sie treten immer wieder gemeinsam auf: Fühlen Sie sich da im Wettbewerb, stacheln Sie sich gegenseitig an?
Julian Prégardien: Gemeinsam aufzutreten fällt mir weniger schwer als alleine. Ich fühle mich wohl. Mein Vater gibt mir Sicherheit.
Christoph Prégardien: Das geht mir übrigens genauso. Ich habe früher unter großem Lampenfieber gelitten. Ich lernte es zu beherrschen. Früher hatte man immer Angst, man verbaut sich etwas. Heute kann ich mir nichts mehr verbauen. Die Leute wundern sich, dass ich immer noch singe (Lachen).

Können Sie sich ein Leben ohne Bühne vorstellen?
Christoph Prégardien: Ein Leben ohne Liederabende wäre schlimm. Dort darf und kann man emotional so viel loswerden, wie sonst im wahren Leben nicht. Außerdem ist es ein wunderschönes Gefühl, einen Abend lang die Stimmung in einem Raum zu formen. Und dies immer wieder neu. Und dann habe ich seit 2004 ja noch meine Professur in Köln, die mir sehr wichtig ist.

Haben Sie, Julian, das Buch Ihres Vater durchgearbeitet, das er über den Gesang geschrieben hat? (Schott Master-Class Gesang. Technik, Interpretation, Repertoire)
Julian Prégardien: Aber klar! Es ist sehr wichtig.

Dabei sind laut Theodor Fontane doch Väter „eigentlich nur dazu da, um schließlich in Widerspruch mit ihren ­Lieblingssätzen zu geraten“.
Christoph Prégardien: Sehr schön! Wo finden Sie denn
solche tollen Sprüche?!
Julian Prégardien: Das wird jetzt mein Lieblingssatz.

Und Ihr Lieblingssatz, Christoph?
Christoph Prégardien: „Julian, du musst technisch mehr arbeiten! Und dich nicht immer auf deine Begabung verlassen.“
Julian Prégardien: Nach Fontane müsste er jetzt selber darüber nachdenken. (Lachen)
Christoph Prégardien: Das tue ich auch. Wirklich!

Ihre erste gemeinsame Aufnahme heißt „Father and Son“, ein sehr passender Titel …
Christoph Prégardien: Es gibt wenig Werke für zwei Tenöre. Manche Lieder von Schubert, Silcher und anderen haben Julian und unser Pianist Michael Gees arrangiert, damit wir sie gemeinsam interpretieren können. Schuberts Erlkönig etwa erklingt zweistimmig. Das Publikum ist begeistert, Kritiker finden es manchmal zu kitschig oder falsch.

Frappant ist nicht nur das gleiche Stimmfach, sondern auch die unglaubliche Ähnlichkeit Ihrer beider Stimmtimbres.
Christoph Prégardien: Ja, wir wissen oft auf der Aufnahme selber nicht, wer da gerade singt.
Julian Prégardien: Das ist wirklich so! Dennoch will und werde ich keine Kopie meines Vaters sein.
Christoph Prégardien: Das ist er wirklich nicht. Er hat eine sehr starke und glückliche Persönlichkeit, auch weil er gut damit umgehen kann, dass sein Vater bekannt ist.

Christoph & Julian Prégardien: Father & Son
Challenge Classics (CODAEX Deutschland)

Teresa Pieschacón Raphael

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