Daniel Behle: Nostalgischer Rückblick, ­heldische Zukunft ­

Foto: Nancy Horowitz

Erik in Wagners Fliegendem Holländer in Hamburg – und wenig später der Uberto in La donna del lago von Gioachino Rossini in Lausanne? Schon ein Blick in den Terminkalender von Februar bis April 2018 zeigt, dass man Daniel Behle nicht gerade einen alltäglichen Tenor nennen kann. Wenn man dann auch noch hört, dass er komponiert – und wie! –, entsteht das Bild eines umfassenden Musikers, der sich in verschiedensten Stilen und Kunstformen auszudrücken weiß: Allein sängerisch reicht die Palette vom Barock bis zur Operette, vom klassischen Lied bis zum Popsong.

Im Sommer war Daniel Behle in Bayreuth erstmals der David in den neuen Meistersingern von Nürnberg – einer von medialer Hochspannung begleiteten Interpretation, die via Radio und Fernsehen in die Welt hinausging. Über die Genauigkeit in sechs Wochen Probenzeit, Barrie Koskys Inszenierung und Philippe Jordans musikalische Leitung gerät er ins Schwärmen – und resümiert: „Bayreuth ist für Stimmen ideal.“

Die Beinah-Begegnung von Wagner und Rossini im kommenden Frühling – beide haben sich ja tatsächlich einmal in Paris getroffen – bringt auch ihn selbst zum Schmunzeln: „Im Zuge meines ersten Erik vor zwei Jahren in Frankfurt wollte man in Lausanne sogar ein neues Demo-Band von mir hören, weil man offenbar nicht völlig überzeugt war, dass ich das noch singen könnte!“ Er kann – und er will es auch. Immerhin hat Daniel Behle seine ersten Erfolge wirklich als Ramiro in La Cenerentola oder als Almaviva im Barbiere di Siviglia gefeiert – bevor er durch seine Mozart-Interpretationen verstärkt für das deutsche Fach angefragt wurde. „Aber der Uberto ist eigentlich die dramatischste unter den Rossini-Tenorpartien. Und umgekehrt ist Wagners Ausgangspunkt für den Holländer die deutsche Spieloper. Wenn Erik genauso ein Brecher ist wie die Titelfigur, wird die Geschichte unplausibel. Die Konstellation ist für Senta eher die einer Donna Anna, die zwischen Don Giovanni und Don Ottavio steht. Die Story erzählt sich nicht, wenn ich Senta als Erik zubrülle. Das Lyrische in dieser Rolle ist wesentlich, die Cavatine am Schluss ist von der Instrumentation unglaublich leicht und liebevoll.“

"Das, was ich tue, möchte ich auch selber hören"

Ins Wagnerfach pushen lasse er sich eigentlich nicht, versichert er, sondern empfinde es als natürliche Entwicklung, dass seine Rollen planvoll dramatischer werden: Für 2019 ist Behles erster Lohengrin geplant, im Beethovenjahr 2020 soll Florestan folgen, 2021 dann der Stolzing. „Es ist toll für mich, dass viele Intendanten diesen Weg mitgehen wollen, andere sehen mich – noch – eher im Mozartfach.“ Aber gerade weil es ihm seit Jahren gelinge, die Erwartungen an seine Stimme zu überschreiten und mit neuen Rollen zu überraschen, freue er sich besonders darauf, zu Rossini zurückzukehren – übrigens an der Seite von Max Emanuel Cenčić, der in dieser Produktion nicht nur den Malcolm singt, sondern auch inszeniert.

„Für mich ist es immer ein wichtiges Kriterium, dass ich das, was ich tue, auch selber hören möchte“, sagt Daniel Behle schlicht. Das bedeutet zum Beispiel, dass Puccini für ihn vermutlich nie kommen wird. „Es gibt da großartige Kollegen, die bereit sind, 120 Prozent für diese Musik zu opfern. Denn Puccini nimmt nur, gibt der Stimme nichts zurück. Da ist Rossini wesentlich interessanter. Und ich will nicht mein Piano aufgeben, meinen ruhigen, klaren Stimmsitz.“ Nicht das Kapital angreifen, sondern von den Zinsen singen: eine kluge Maxime.

Allein die drei Albumveröffentlichungen dieses Jahres zeigen die Vielseitigkeit des Sängers. „Bei den Schubert-Arien mit Michi Gaigg und dem L’Orfeo Barockorchester durfte ich mich ausnahmsweise mal in ein gemachtes Bett legen: Die hatten die Idee und schon alles vorbereitet und auf die Beine gestellt. Ich habe mich wahnsinnig über das Projekt gefreut, und es gibt auf dem Album großartige Entdeckungen zu machen: Fierrabras ist halbwegs bekannt, aber die Zauberharfe abseits der Ouvertüre, das Singspielfragment Adrast – das sind echte Raritäten. Aber: Der Tag entflieht aus dem Zauberglöckchen war die Lieblingsarie von Johannes Brahms, er hat sie aufführen lassen, aber eine Terz tiefer.

" Bei der Operette hat man nur eine Chance: Man muss saugut singen. "
Wir haben sie erstmals in der Originalfassung aufgenommen. Anderes mag liedhaft sein, hier aber steckt viel Donizetti drin und auch einiges an Dramatik: Das ist deutscher Belcanto.“ Die gute Zusammenarbeit mit L’Orfeo wird nächstes Jahr mit einer Mozart-CD fortgesetzt. Mit Lehárs Graf von Luxemburg, einem Livemitschnitt aus Frankfurt, sind wir bei der Operette angelangt: „Der Graf ist eine Baritenorrolle, die sehr tief liegt und dann plötzlich ein hohes C verlangt“, erklärt Behle – aber das sei nicht ungewöhnlich in dem Genre und gehöre zu dessen besonderen Herausforderungen. „Das Ganze hat mir viel Spaß gemacht, nicht zuletzt wegen Camilla Nylund.“ Das jüngste Album „Nostalgia“ schließlich sei „ein besonderes Herzensprojekt“ und führt die Liebe zum sogenannten „leichten“, aber desto schwierigeren Repertoire zur Blüte. „Ich arbeite schon seit 15 Jahren regelmäßig mit dem WDR Rundfunkorchester und Helmuth Froschauer zusammen: 2002 habe ich dort mit Una furtiva lagrima bei einem Wettbewerb einen Preis gewonnen, auch damals stand schon Helmuth Froschauer am Pult. Fürs Jubiläum kam uns die Idee, eine Art ‚Wunderlich-Tribute‘ zu machen, den wir alle sehr verehren. Dann hat sich das Konzept auf weitere große Tenöre der Vergangenheit ausgeweitet: auf Gedda mit dem französischen Fach, Tauber mit Lehár, Leo Slezak und Josef Schmidt. Wo es mit originalem Notenmaterial schwierig wurde, bei Ein Lied geht um die Welt und Heut’ ist der schönste Tag, hat uns Sebastian Zierer tolle neue Arrangements gemacht.“ Genau mit diesen beiden Nummern wird Behle an prominentem Ort wieder zu hören sein: bei der ZDF-Silvestergala in Dresden mit Christian Thielemann. Außerdem hat er für das Album auch als Komponist ein unterhaltsames Orchesterstück beigesteuert.

Was ist für Daniel Behle das Wesentliche an der Operette? „Die Qualität von Musik misst sich für mich an der Metaebene. Ein Musical besitzt so etwas nicht, die Operette aber sehr wohl. Und man hat man bei ihr nur eine Chance: Man muss sie saugut singen.“

Aktuelle CD:

Daniel Behle, WDR Rundfunkorchester:
“Nostalgia”

(Capriccio)

 

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