Ein Mann für jede Jahreszeit: Daniel Hope

(Daniel Hope: neue CD

Daniel Hope spielt Geige in der Top-Liga. Daneben ist er passionierter Musikvermittler, neugieriger Beobachter anderer Künste und beliebter crescendo-Kolumnist.

crescendo: Herr Hope, Sie sind oft auch als Kolumnist für crescendo unterwegs. Was mögen Sie lieber: Fragen zu stellen oder auf Fragen zu antworten?
Daniel Hope: Ich mag es, über Musik zu sprechen. Die größte journalistische Aufgabe ist derzeit meine Radiosendung jeden Sonntag auf WDR 3. Ich liebe es, Stücke zu präsentieren, Drehbücher für Musikkonzepte zu entwickeln, mit Musikern, aber auch mit Schauspielern zu arbeiten.

Was fällt Ihnen als Sohn eines Schriftstellers leichter: zu schreiben oder zu spielen?
DH: Beim Schreiben kann man lange überlegen, immer wieder Korrekturen vornehmen, sich viel Zeit lassen. Beim Geigespielen muss alles stimmen, besonders, wenn man einen Auftritt hat. Dann geht es in jeder Sekunde quasi „um Leben oder Tod“. Es gibt aber durchaus Parallelen. Man muss sowohl beim Musizieren als auch beim Schreiben einen Rhythmus finden.

Was halten Sie von denen, die über Sie schreiben?
DH: Ich bin immer interessiert an anderen Meinungen, solange sie fundiert sind. Wenn ich das Gefühl habe, dass die Musik im Vordergrund steht, dann freue ich mich. Aber es gibt auch Artikel, die weder Hand noch Fuß haben. Als ich aufgewachsen bin und in den 70er- und 80er-Jahren die Rezensionen großer Kritiker gelesen habe, war das ungeheuer spannend. Es gab Verrisse wie auch Lob, aber vor allem haben diese Kritiken immer informiert: informiert über Musik. Gute Kritiker sind leider selten geworden …

Ist es in Zeiten von twitternden Präsidenten, Shitstorms im Internet und „politisch korrekter“ Hysterie heute schwieriger, ein Mensch der Öffentlichkeit zu sein?
DH: Man muss heute aufpassen, was man und wie man was sagt. Das merken Politiker genauso wie Musiker. Alles vervielfacht sich medial explosionsartig. Das hat aber auch den Effekt, dass Menschen, die gerne etwas auf Twitter schreiben, ihre Millionen Follower viel einfacher in eine Richtung drängen, gar manipulieren können. Die Plattform ist so mächtig geworden. Und wenn Sie gerade von twitternden Präsidenten sprechen … Trump hat sich gesagt: Ich brauche die Presse nicht mehr, ich spreche persönlich mit dem Volk, eben über Twitter. So etwas hat die Presse in den USA noch nie erlebt. Es ist ein Weckruf an alle Journalisten.

Die waren ja immer so stolz darauf, die „vierte Gewalt“ zu sein.
DH: Ja. Die jetzige Situation ist extrem instabil. Fakten können oft nicht mehr überprüft werden, es gibt sogar eine neue Floskel für falsche Behauptungen: „alternative Fakten“. Natürlich können Journalisten Fehler machen, aber das ist trotzdem selten. Wenn keine Differenzierung mehr stattfindet, halte ich das für besonders gefährlich.

Von Ihnen wissen wir sehr viel, dank Ihrer Bücher. Haben Sie nicht die Sorge, dass dies von Ihren Interpretationen ablenkt?
DH: Gute Frage. Für mich war es wichtig, etwa in meinem Buch „Familienstücke“, herauszufinden, wer ich wirklich bin. Es ist mir dadurch auch gelungen, unterzutauchen und zu verstehen, woher ich komme. Der Hörer muss natürlich allein entscheiden, wie er darüber denkt.

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Ihre Mutter nicht den Job bei Yehudi Menuhin, sondern beim Erzbischof von Canterbury angenommen hätte, bei dem sie sich auch beworben hatte?
DH: Oh, ich hoffe, ich wäre dennoch Geiger geworden. Natürlich war das ja ein derart kurioser Zufall, dass ich in die Kreise um Yehudi Menuhin kam. Aber ich bin unendlich dankbar dafür. Andernfalls wäre mein Weg sicherlich etwas anders verlaufen.

Als Primas der anglikanischen Kirche, der britische Häupter krönt?
DH: Das hätte nicht gepasst. Ich bin nämlich als Katholik getauft und als Protestant konfirmiert worden, größtenteils aber auch jüdischen Glaubens. Religionen interessieren mich sehr, ich will wissen, was sie den Menschen bedeuten, von der Renaissance an bis heute. Zudem ist Spiritualität sehr wichtig für einen Musiker.

Sie lieben Hollywoodfilme. Würden Sie gerne in einem auftreten?
DH: Wenn das Drehbuch gut ist, dann fände ich das sehr reizvoll. Ich wurde mal von Volker Schlöndorff kontaktiert, der damals einen Vivaldi-Film machen wollte. Er hat mir sogar ein Drehbuch geschickt, aber dann ist leider nichts daraus geworden. Ich habe allerdings großen Respekt vor Schauspielern, ich würde erst einmal ein Jahr Schauspielunterricht nehmen.

Auf Ihrem neuen Album interpretieren Sie “Die Vier Jahreszeiten”, die gefühlt eine Milliarde Mal gespielt wurden. Wie schafft man es, das Werk in neuem Licht zu präsentieren?
DH: Wenn ein Künstler glaubt, er muss unbedingt etwas „Neues“ schaffen, dann wird das schnell zum Desaster. Ich habe Vivaldis “Vier Jahreszeiten” zum ersten Mal mit etwa drei Jahren erlebt, bei Yehudi Menuhins Festival in Gstaad. Der Eindruck war sehr stark und hat mich nie verlassen. Ich habe sie oft gespielt, zum ersten Mal mit 13 Jahren. Meine Interpretation hat sich im Laufe der Jahre immer wieder verändert, von den Anfängen mit dem großen romantischen Klang und viel Vibrato bei langsamen Tempi bis hin zur Arbeit mit Christopher Hogwood oder Kristian Bezuidenhout und ihren entschlackten Versionen. Im Laufe der Jahre hat sich auch die Ornamentik, der Umgang mit den Ritornelli und dem Generalbass komplett geändert. Morgen oder in einem Jahr kann meine Interpretation wieder anders sein.

Doch es geht auf Ihrem neuen Album „For Seasons“ nicht nur um Ihre Interpretation.
DH: Nein. Seit 25 Jahren versuche ich herausfinden, wie die Jahreszeiten auf die Literatur, die Philosophie, die Malerei und besonders die Musik eingewirkt haben, und habe in manchen Werken von Rameau, Molter oder Bach interessante Querverbindungen gefunden. Andere Kompositionen nehmen direkt auf den Kalender Bezug, wie etwa Aphex Twins Avril 14th, Tschaikowskys Juni aus seinen Jahreszeiten und Kurt Weills September Song. Spring 1 aus Max Richters Recomposed und Am leuchtenden Sommermorgen aus Schumanns Dichterliebe gehören zu meinen Lieblingsstücken. Damit das Projekt rund wurde, bat ich bildende Künstler, ebenfalls über das Thema zu reflektieren, weil ich glaube, dass Musik im Zusammenhang mit bildender Kunst ganz anders wahrgenommen wird. Ich bin sehr glücklich, dass ich dieses Projekt endlich realisieren konnte.

Termine:
10., 12.03. Zürich (CH), Schauspielhaus;
16.03., 06.04. Berlin, Konzerthaus;
07.04. Berlin, Komische Oper;
09.04. Düsseldorf, Museum Kunstpalast;
04.05. Berlin, Philharmonie;
10.05. Zürich, ZKO-Haus

Daniel Hope:
„For Seasons“,
Vivaldi, Bach u.a.

(Deutsche Grammophon)
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