Authentizität: Daniel Hope im Gespräch mit
Clemens Trautmann

(Daniel Hope mit Clemens Trautmann; Foto: Privat)

Damit Label und Künstler zusammenpassen, braucht es mehr als technisch-musikalische Perfektion. Unser Kolumnist Daniel Hope im Gespräch mit Clemens Trautmann, Präsident des Labels Deutsche Grammophon.

Daniel Hope: 2015 wurdest du der jüngste Präsident in der Geschichte der Deutschen Grammophon. Was hatte das gelbe Label als Kind für eine Bedeutung für dich?

Clemens Trautmann: Aufgewachsen bin ich in Braunschweig, das zwar bis heute ein reges Musikleben hat, aber – die Braunschweiger mögen es mir nachsehen – vielleicht nicht unbedingt das Zentrum des musikalischen Universums war. Die Platten der Deutschen Grammophon waren deshalb für mich so etwas wie das Tor zu einer anderen Welt – und haben Zugänge eröffnet zu internationalen Musikzentren wie London, Mailand, Wien, Salzburg, Bayreuth oder New York. Und das Label war so etwas wie das Prüfsiegel herausragender Aufnahmen. In meinem örtlichen Plattenladen, wo ich komplette Samstage verbracht habe, galt für mich immer „im Zweifel gelb“. Der Gedanke, einmal für die Deutsche Grammophon zu arbeiten, ist mir vereinzelt durch den Kopf geschossen. Aber als Teenager hatte ich absolut keine Ahnung davon, wie ein Musiklabel funktioniert und dass es da einen „Präsidenten“ oder „Produzenten“ gibt, geschweige denn, was die machen. Später habe ich bei Lehrern Klarinette studieren dürfen, die selbst eine Historie mit dem Label hatten: etwa Charles Neidich oder Sabine Meyer. Mein Musikwissenschaftsprofessor war wiederum Textautor für die Deutsche Grammophon – und mit seinem Mitarbeiterrabatt konnte ich mir damals die Beethoven-Gesamtedition leisten …

D.H.: Du bist nicht nur promovierter Rechtsanwalt und Medienmanager, sondern auch professioneller Musiker. Hat es dich viel Überwindung gekostet, das Business der Musik vorzuziehen?

C.T.: Ich war nie ein Anhänger von „entweder oder“, sondern von „sowohl als auch“. Selbst wenn es oft ein Kraftakt war, Jura- und Musikstudium, Konzertreisen, Freunde und Dutzende andere Interessen unter einen Hut zu bringen. Für ein Label wäre es in Zeiten eines so radikalen Wandels wie der Digitalisierung auch problematisch, in Silos zu denken. Wenn es beispielsweise um Musik-Streaming geht, greifen künstlerische, rechtliche, kaufmännische und strategische Aspekte ineinander. Umso hilfreicher ist es dann, wenn man eine gemeinsame Sprache spricht und mit Bühnen- und Studioerfahrung nachvollziehen kann, welches Repertoire aufgeht und was man vielleicht besser bleiben lässt.

D.H.: Viele junge Künstler fragen mich, wie sie einen Plattenvertrag bekommen. Dagegen sagen Plattenchefs, dass sie ständig auf der Suche nach jungen Talenten sind. Wie bringen wir euch zusammen?

C.T.: Du kannst sie mir gerne vorstellen. Empfehlungen funktionieren erfahrungsgemäß gut: Die Cellistin Camille Thomas, die wir vor wenigen Wochen unter Vertrag genommen haben, kam über Rolando Villazón und seine Arte-Sendung „Stars von morgen“ zu uns. Wir sind ständig auf der Suche nach spannenden Talenten. Der sensible und nachhaltige Aufbau junger Künstler gehört zu unserem Kerngeschäft und sichert den langfristigen Erfolg unseres Labels. Es geht uns bei der Deutschen Grammophon nicht darum, Karrieren im Durchlauferhitzer zu befeuern. Im Idealfall entwickelt sich eine Partnerschaft organisch über Jahrzehnte – wie bei Anne-Sophie Mutter.
Aber nicht alle, die gerne mit uns zusammenarbeiten würden, passen auch zu uns. Das hat nicht nur mit der interpretatorischen und handwerklichen Qualität zu tun. Durch die neuen digitalen Plattformen hat der Hörer ein unendlich großes Angebot. Aufnahmen werden unmittelbar vergleichbar. Und das Bessere ist bekanntlich der Feind des Guten. Stärker als früher muss sich zur Person des Künstlers, zu seiner Motivation, seinem Antrieb auch eine authentische Geschichte erzählen lassen und ein gemeinsames Verständnis über die Außendarstellung existieren. Ein Künstler der Gegenwart sollte über eine gewisse Kommunikationsgabe auf und hinter der Bühne verfügen, zum Beispiel in sozialen Netzwerken aktiv sein, wie Lang Lang, der neben seinem höchsten pianistischen Standard weltweit ganz neue Generationen von Musikfans live und über digitale Medien begeistert.

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