Das Hotel Klassik

Uli Schirmer ist tot. Natürlich ahnte er das Ende, schließlich ist er ihm schon einige Male davongelaufen, hat es weggeredet – weggelebt! Er hat sich seinen Schal umgebunden, ist ins Konzert gegangen und hat: einfach weiter gelebt. Aber tief innen, da schien er es zu wissen, dass er irgendwann loslassen muss, sein geliebtes Leben. Und gestern war es so weit: Der Tod von Uli Schirmer, jahrelang Manager des Palace-Hotels in München und Vertrauter so vieler Klassik-Künstler, ist der traurige Beweis, dass gute Geister also doch sterben können. Dann das war Uli: ein guter Geist. Er war ein Mensch unter Musikern. Er war ihr unaufdringlicher und bedingungsloser Diener. Er war ihr größter Fan – und einer ihrer wenigen Vertrauten.

Seinetwegen sind sie im Palace abgestiegen: Christian Thielemann, der die Suite im Dachboden bewohnte (wenn er da war, besorgte Uli noch vor dem Frühstück die „Berliner Morgenpost“). Anne-Sophie Mutter, die Uli ihre Interviews und Pressekonferenzen einrichten ließ, mit ihm so viele Gespräche führte und das Palace zu ihrem zweiten Münchner Wohnzimmer machte. Nigel Kennedy, den Uli einst pitschnass nach einem Sommerregen auf dem BMX-Rad durch die Lobby fahren ließ. Lang Lang, Daniel Barenboim, ach: einfach alle. Uli Schirmer war der unangefochtene Chef des Hotel Klassik. So einen wie ihn gab es in der ganzen Welt nicht. Bei Uli waren sie alle: zu Hause.

Klar, das war sein Job, und sein Job war seine Leidenschaft. Aber Uli war einer, der nicht unterschieden hat: nicht zwischen Arbeit und Freizeit, nicht zwischen Superstar und Musik-Laien. Jeder, der begeistert von der Musik war, war für ihn ein spannender Gesprächspartner. Er war der verrückteste Klassik-Freak unter der Sonne, wenn er über Musik redete, dann spürten seine Zuhörer seine Leidenschaft: Nachts, an der Bar konnte er stundenlang von Gundula Janowitz schwärmen („sie sang wie eine Straßenbahn, die quietschte, aber es war die schönste Straßenbahn, die ich je gehört habe“.), er liebte es, die unterschiedlichen Wagner-Dirigate von Furtwängler und von Karajan, von Barenboim und von Thielemann zu vergleichen: den Schal um den Hals, der Anzug frisch geglättet – die Augen immer genau so wach wie seine Ohren.

Nicht weg, nur gerade nicht da

Uli Schirmer war ein Leidenschafts-Mensch, einer für den Künstler keine Gäste waren, sondern Erscheinungen, gleichzeitig aber auch Freunde und Kunden – das alles schloss sich bei ihm nie aus. Menschen, für die er einfach alles möglich machte: Egal, ob er gemeinsam mit Barenboim und Thielemann das Hotelklavier über die Flure schob, ob er irgendwo einen Frack oder ein Paar Schuhe auftrieb oder andere Sonderwünsche erfüllte. Wer wissen wollte, was gerade in der Klassik-Welt passierte, musste sich nur an seine Bar setzen, um den Klatsch und Tratsch zu hören: nie kompromittierend, sondern immer voller Ehrfurcht, voller Respekt.

Ich habe Uli Schirmer kennengelernt, als ich die Chefredaktion des crescendo übernommen hatte. Wir wollten vieles neu machen, Klassik anders erzählen. Und: Er war sofort dabei. “Wenn Du in München bist, dann sollst Du hier zu Hause sein”, sagte er – und zwei Jahre lang wohnte ich bei ihm. Und war zu Hause. Uli hatte eine Kolumne bei uns, schrieb seine Anekdoten auf – und irgendwann, das hatten wir beschlossen, wollten wir noch ein Buch schreiben. Ein Buch voller Leben – SEIN Buch. Inzwischen glaube ich, dass es gut ist, dass wir das nie gemacht haben. Wir alle kennen seine Geschichten, und keiner kann sie so aufschreiben, wie er sie erzählt hat, so liebevoll, so treu, so begeistert. Sie werden bei uns bleiben, weiter erzählt werden – immer weiter.

Die klassische Musik war Ulis Lebens-Elixier. Wie gern stand er vor all den Bildern der Künstler, deren Betten er gemacht hat. Egal, wer sein Hotel betrat, jeder wurde mit Namen begrüßt. Mit jedem nahm er das Gespräch dort wieder auf, wo man sich beim letzten Mal getrennt hatte. Für Uli war man nie weg, nur gerade nicht da.

Der Himmel auf Erden

Als der scheiß Krebs sich vor einigen Jahren zum ersten Mal bemerkbar machte, beschloss er zu kämpfen. Er trat einen Schritt zurück, suchte das Leben auch im Privaten – und war dennoch: allgegenwärtig. Die ganze Klassik-Welt nahm Anteil an seinem endlosen Kampf. Es gab schwere Tiefs, einige Hochs. Aber es war klar, dass der Tod nun sein Leben begleitete. Für Uli war das nur ein Grund, noch genüsslicher zu sein: der Wein, das gute Essen – und ganz besonders: die Gespräche. Er suchte keine Platitüden, sondern war neugierig, wollte Wissen sammeln und Wissen teilen. Er konnte über jeden einzelnen Ton, den je eine Sängerin gesungen hatte reden, über jeden Ton, den je Klavierspieler angeschlagen hatte – und über die Kunst als Lebensform, den Künstler als Menschen. Das war, was diesen einmaligen Mann auszeichnete, er war so leidenschaftlich, so entwaffnend, so offen, so klug und naiv zugleich. Uli war einfach der beste Gastgeber der Welt: Ein Freund vieler, ein Vertrauter, einer, für den das Helfen immer auch die eigene Freude bedeutete.

Ich erinnere mich, als Claudio Abbado – sein großes Idol – gestorben war. Damals schrieb ich in meinem Nachruf, dass Abbado in seinen letzten Jahren als Dirigent immer wieder mit einem Bein im Totenreich stand und uns in aller körperlichen Anstrengung stets aufs Neue ein Stückchen Himmel auf Erden brachte. Nach diesem Text rief Uli mich an, unter Tränen. Und er sagte mir, dass es so wahr sei, und fragte, ob ich mir vorstellen könne, wie schwer es sei, zwischen Leben und Tod auf der Erde zu sein. „Es ist Scheiße“, sagte er, „so unvorstellbar große Scheiße.“ Dass sich der Himmel für ihn in der Musik offenbarte, war vielleicht ein Trost, aber noch lange kein Grund, nicht noch ein bisschen hier zu bleiben – in der Lobby des Lebens, an diesen wunderbaren Orten, an denen der Himmel auf die Erde kommt.

Nun ist Uli Schirmer aufgebrochen, er hat uns verlassen, hin, in den ewigen Klang. Er ist nicht weg, nur gerade nicht da. Lieber Uli Schirmer, wir alle werden Dich vermissen, Du warst ein Vater der Klassikwelt, ein zu Hause. Danke. Danke – und mögest Du tönende Ruhe finden und dich freuen, mit all jenen Künstlern, die da oben bereits auf Dich gewartet haben, damit das Hotel Himmel noch ein bisschen menschlicher wird.

Axel Brüggemann

 

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Kommentare

  1. Holger Wemhoff
    7. Oktober 2015 at 19:20

    Lieber Axel, das ist der berührendste Nachruf, den ich je gelesen habe, und er geht vielen von uns so unendlich nah, weil er so unendlich wahr ist…. Danke Dir dafür…. Holger

  2. 7. Oktober 2015 at 22:27

    danke, für diesen wunderbaren artikel.
    wir alle werden uns genauso an uli erinnern.
    matthias g

  3. Rica
    7. Oktober 2015 at 22:31

    Genau so war Uli. Und er fehlt mir jetzt schon so sehr.

  4. christian t
    8. Oktober 2015 at 01:57

    Danke.

  5. Andi B.
    8. Oktober 2015 at 03:52

    Schnief, was für ein Nachruf !!!
    Habe selbst unter ihm gearbeitet, besser geht’s nicht. Immer Mensch auch als Chef !

  6. Rosemeyer
    8. Oktober 2015 at 07:44

    Sehr traurig!!!
    Gerade noch im Weinzelt! Das Sterben ist schlimm!

  7. Fischer Petra
    8. Oktober 2015 at 09:30

    Wunderschön geschrieben sehr persönlich und treffend . Uli wird uns allen fehlen .Drine persönlichen liebevollen Worte seine Präsenz er als Mensch .Lass es dir gut gehen uli

  8. Stefanie
    8. Oktober 2015 at 14:33

    welch wunderbar passende Worte …. danke!

  9. Teddy Lakis
    8. Oktober 2015 at 14:35

    Lieber Axel Brüggemann… Das ist der schönste und bewegendste Nachruf, den ich jemals gelesen habe. Danke dafür °!!! Ich habe öfters meine Künstler bei ihm untergebracht und jeder von denen wollte wieder dort wohnen, nur wegen Uli Schirmer. Jetzt bist Du da oben und triffst bestimmt viele Deiner alten Freunde wieder. RIP, Teddy Lakis

  10. Stefan M.
    8. Oktober 2015 at 19:43

    die Akzeptanz für alles neue offen zu sein, verlieh ihm stets den Glanz altes niemals in Vergessenheit geraten zu lassen sondern vielmehr es mit ein zu beziehen und einem so eine völlig neue Sicht der Dinge zu präsentieren und dies mit der Leichtigkeit eines Kindes, dafür danke ich ihm.

  11. Peter
    9. Oktober 2015 at 11:30

    Lieber Axel Brüggemann , Danke für Deine bewegenden Worte . Uli war ein sehr besonderer Mensch mit sehr vielen Facetten . Qualität war ihm immer sehr wichtig auf allen Ebenen . Er wird uns allen sehr fehlen . Seine offene Leichtigkeit mit der er auf seine Umgebung einging könnte sich keiner entziehen . Ich trauere sehr um Uli.

  12. Claus H.
    11. Oktober 2015 at 09:04

    Sehr treffend, die Gespräche mit Uli waren immer eine Bereicherung, die Stunden verflossen ohne daß wir es gemerkt haben. Lieber Uli: Schön, daß Du uns im Frühsommer besucht hast und wir Dich als wertvollen Freund in Erinnerung behalten.

  13. Detlef Tinzmann
    11. Oktober 2015 at 09:18

    Lieber Uli, mit Dir ist ein sehr Guter zu früh gegangen. Wir sind in Gedanken bei Dir.
    Was haben wir uns so schön über Gundula Janowitz und ihre Interpretation der Richard Strauss’schen “Vier letzte Lieder” unterhalten, jetzt singt Gundula Janowitz für DICH, lieber Uli, “Beim Schlafengehen”.
    Ruhe in Frieden!

  14. Jörg S.
    12. Oktober 2015 at 16:58

    Ein sehr liebevoller und wahrer Nachruf. Jeder der Uli kannte hatte ihn so in Erinnerung. Und dies wird so bleiben… Wir alle werden Dich und Dein herrliches Schmunzeln vermissen…und noch viel mehr…

  15. MARGIT SAAD-PONNELLE
    13. Oktober 2015 at 13:10

    Danke für den berührenden, freundschaftlichen, menschlichen Nachruf. Fast könnte man meinen, so hätte Uli selbst geschrieben – nicht über seine eigene Person, aber über einen ihm ähnlichen Freund. Als ich ihm das Jean-Pierre Ponnelle -Buch es entstand mit der ADK Berlin) brachte, wir tranken Prosecco an der Bar vom Palace, konnte ich seine Freude erleben, und sofort fing er an zu schwärmen,zählte die Ponnelle – Operninszenierungen auf, wußte die Sänger, die Dirigenten; welch ein wissendes Urteil hatte er. Als unser Sohn, Pierre-Dominique, mit den Philharmoniekern im Gasteig ein Konzert dirigierte, da stand er vor dem Dirigentenzimmer- wie er strahlte, lobte,begeistert war. Es war die Musik die mir diese besondere Freundschaft schenkte. Uli Schirmer werde ich nie vergessen.

  16. Dr. Max Grosse
    19. Februar 2017 at 00:15

    Im Spätsommer 2015 durfte ich Uli in St. Moritz
    bei einer guten Freundin mit dem Motorrad besuchen.
    Diese Momente festigten ein letztes Mal meine Meinung über ihn,
    diesen weltoffenen, feinen, herzensguten, junggebliebenen
    Menschen, welcher im obigen Artikel exakt beschrieben wurde.
    Danke!

  17. Christian Eck
    6. Oktober 2017 at 21:40

    Lieber Axel Brüggemann, heute, am zweiten Todestag von meinem „Onkel Uli“, er war mein Grosscousin, lese ich einmal mehr Ihren wunderbaren Nachruf. Ich danke Ihnen für die Zeilen, sie gehören zu meiner Trauer um diesen wunderbaren Menschen. Vielen herzlichen Dank!

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