David Fray: Klavierspiel am Limit

(David Fray; Foto: Paolo Roversi/Warner Classics)

Träumen, singen, sprechen – der französische Pianist David Fray stellt hohe Ansprüche an sein Klavierspiel. Auf seinem neuen Chopin-Album konfrontiert er sich mit seinen eigenen Grenzen.

crescendo: Herr Fray, 2006 sind Sie bei einem Konzert der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen kurzfristig für die erkrankte Pianistin Hélène Grimaud eingesprungen. Mit diesem Konzert wurden Sie schlagartig international berühmt. Wie haben Sie Konzert und Vorbereitungen erlebt?
David Fray: Das war sehr spannend, ich erinnere mich noch gut daran. Ich wurde nur wenige Tage vorher angefragt, quasi in letzter Minute. Eines der beiden geplanten Klavierkonzerte hatte ich noch nie zuvor gespielt und erarbeitete es mir in diesen wenigen Tagen. Ich lernte die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen kennen, mit der ich bis heute gerne zusammenspiele. Außerdem war es das erste Konzert, das ich mit Orchester, aber ohne Dirigenten spielte. Eine sehr stressige, aber überaus aufregende Erfahrung.

Auf Ihrem neuen Album widmen Sie sich der Musik Frédéric Chopins. Was ist das Besondere daran?
DF: Chopins Musik ist unglaublich reich an Klangfarben und „gesungenen“ Melodien, was eine große Herausforderung für mich war. Dazu kam noch, dass ich seit fast 15 Jahren keinen Chopin mehr gespielt hatte. Zu Beginn meiner Karriere dachte ich, ich könne mein Leben lang musizieren, ohne je wieder ein Werk von Chopin zu spielen. Aber eines Tages hatte ich plötzlich das Gefühl, dass ich diese Musik wieder brauche, dass ich sie spielen muss. Es hat sich einfach richtig angefühlt. Um ein guter Chopin-Interpret zu sein, sollte man einerseits ein guter Bach-Interpret, andererseits ein geübter Opernsänger des Belcanto sein. Die Melodien bei Chopin sind eindeutig vom Belcanto beeinflusst, in Ausdruck, Verlauf und Rubato. Ich wollte diese beiden Elemente verbinden. In Chopins Musik sind die Dinge, die man nicht hört, am wichtigsten. Es ist unglaublich spannend, wenn die rechte und die linke Hand nicht exakt zusammenspielen, sondern manchmal ganz leicht auseinanderdriften. Was man dann spürt, fühlt sich für mich an wie ein Wunder: Es könnte zusammenpassen, ist im Bereich des Möglichen, aber es läuft ganz leicht auseinander. Wie weit können sich die beiden Hände voneinander entfernen? Es ist ein Klavierspiel am Limit.

Wie die beiden vorherigen haben Sie Ihr aktuelles Album in der Kathedrale Notre-Dame du Liban in Paris aufgenommen. Bereichert die Akustik dort Ihre Interpretation?
DF: Der Klavierklang hat in dieser Kathedrale eine einzigartige Wärme, und die Atmosphäre finde ich sehr inspirierend. Mein gesamtes Spiel dreht sich um Resonanz und Klang. Ich verwende sehr viel Pedal – nicht, um den Ton länger klingen zu lassen, sondern um ein kleines Echo zu schaffen. Dadurch bin ich auch nicht vollkommen abhängig von dem Raum, in dem ich spiele, sondern kann mit dem Instrument an sich schon einen kleinen Nachhall kreieren. Auch bei Werken von Bach verwende ich Pedal, aber immer nur kurz. In der Kathedrale Notre-Dame du Liban muss ich das nicht machen, da ist dieser kleine Nachhall von selbst mit dabei.

Es heißt, dass Sie den Pianisten Wilhelm Kempff als Ihr Vorbild betrachten. Was inspiriert Sie an ihm?
DF: Ich bewundere seine Art, durch das Klavier zu singen. Sein Klavierspiel hat eine Stimme: Es spricht wirklich, es singt wirklich. In jedem Konzert, das ich gebe, versuche ich, die Töne singend zu spielen, sogar schnelle, kurze Noten. Die Farben, die Wilhelm Kempff mit seinem Klavierspiel zum Leben erweckt, sind fantastisch. Er ist ein „Träumer“. Ebenso wie Radu Lupu. Während er spielt, träumt er und lässt dabei gleichzeitig die Zuhörer an seinen Träumen teilhaben. Das ist meiner Meinung nach das Beste, was man als Pianist erreichen kann.

Welche Musik hören Sie in Ihrer Freizeit?
Meine Frau und ich hören vor allem gerne Gesang. Im letzten Monat war ich ein richtiger „Monomaniac“ und habe fast nur Interpretationen der Sopranistin Arleen Augér angehört. Sie war eine fantastische amerikanische Sängerin, und ihre Phrasierungen und ihr Legato sind einmalig. Sängerinnen und Sänger sind völlig eins mit ihrem Körper und ihrem Atem. Rein theoretisch kann ein Pianist, wenn er will, spielen, ohne zu atmen. Das ist zwar nicht gesund, aber für kurze Zeit zumindest möglich. Für einen Sänger ist das unmöglich. Meiner Meinung nach ist beim Klavierspiel das Singen ebenso wichtig wie das Sprechen. Man muss zu den Leuten sprechen, ihnen eine Geschichte erzählen. Da sind wir wieder beim Träumen. Mit meinem Klavierspiel möchte ich das Publikum träumen lassen und ihm eine Geschichte erzählen. Schon Robert Schumann wollte musikalisch Geschichten erzählen: Seine Märchenbilder op. 113, Märchenerzählungen op. 132 und Kinderszenen op. 15 machen das deutlich.

Die Tendenz geht dahin, dass immer weniger junge Leute klassische Konzerte besuchen. Warum?
DF: Ich habe das Gefühl, dass dieses Problem von zwei Dingen herrührt. Erstens lernen viele Kinder klassische Musik in der Schule erst richtig im Alter zwischen elf und 15 Jahren kennen. Das ist das falsche Alter dafür. Kinder sollten klassische Musik schon in den ersten Schuljahren, etwa bis zu ihrem zehnten Lebensjahr, kennenlernen. In diesem Alter sind sie noch deutlich aufgeschlossener und flexibler. Das Zweite sind die Medien. Sie sind mit dafür verantwortlich, den Menschen klassische Musik näherzubringen. Das kulturelle Erbe, die Geschichte der Musik eines Landes, darf nicht in Vergessenheit geraten. Wenn es eine harte Trennung zwischen den Menschen und ihrer Geschichte gibt, geht die Musikkultur der vergangenen Jahrhunderte verloren. Ich hoffe, dass die Medien sich ihrer Verantwortung für die Vermittlung dieses kulturellen Erbes bewusst werden. Es geht nicht nur um Unterhaltung, sondern auch um die kulturelle Vergangenheit. Kultur, Musik und Literatur definieren ein Land. Die Macht der Medien wird immer stärker. Sie sollte für etwas Wertvolles eingesetzt werden.

TERMIN
13.07.2017: Hohenems (A), Markus-Sittikus Saal

David Fray:
„Chopin“

(Erato)
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