David Reichelt: Der Klangtüftler

Foto: David Reichelt

Gerade hat David Reichelt den Deutschen Filmmusikpreis gewonnen. In seinem Studio lüftet der Komponist einige Geheimisse seiner Zunft.

Da liegt es also, eines der Epizentren der Filmmusik. Im lauschigen Münchner Stadtteil Waldtrudering passiere ich hübsche Häuserreihen mit gepflegten Vorgärten. Ich bin auf dem Weg zu David Reichelt, preisgekrönter Film- und Fernsehkomponist und zusammen mit Sängerin Caroline Adler frischgebackener Gewinner des Deutschen Filmmusikpreises – ausgezeichnet wurden sie für den lyrischen Titelsong in Matthias Langs deutschem Fantasy-Streifen König Laurin.

An der Tür zur Ideenschmiede nimmt mich der perfekt gestylte 31-Jährige herzlich in Empfang. In Erwartung eines irgendwie gearteten Produktiv-Chaos, verblüffen mich Klarheit, Modernität und Aufgeräumtheit des Ortes, der Studio und Privatwohnung in einem und in dessen Edelstahlküche eine akkurate Teesammlung aufgereiht ist. Das Arbeitszimmer wird von einem Schreibtisch mit drei großen Bildschirmen, einer ausziehbaren Klaviatur und einigen hochwertigen Lautsprechern dominiert. In einem Schrank versteckt sich ein Mini-Aufnahmestudio, das Reichelt selbst mit Akustikmodulen ausgekleidet hat. Auf einem niedrigen Holzregal reihen sich exotische Flötenins­trumente aneinander: von armenischer Duduk über chinesische Xiao bis zur irischen Tin Whistle und modernem Xaphoon.

"Für skurrile Musikwelten räume ich auch mal meine ganze Küche aus und sample Klänge daraus"

Jetzt will ich es wissen. Wie genau komponiert man eine Filmmusik? Wie verläuft der Arbeitsprozess? „Das ist sehr unterschiedlich“, betont Reichelt. Bei manchen Projekten steigt er früh ein, bekommt bereits die erste Drehbuchfassung des Films und verfolgt die gesamte Entwicklung mit. Manchmal passiert das erst sehr spät. Gerade „pitcht“ Reichelt für eine Fernsehserie, bewirbt sich also dafür mit einem Musikkonzept. Der Film ist fertig abgedreht. Er muss also „nur“ noch den richtigen Sound zum Material finden. In der Regel entscheiden Produzent und Regisseur, wer eine Musik zum Film komponieren soll. Reichelt arbeitet den fertigen Film mehrere Male durch. Manchmal hat der Cutter bereits sogenannte „Temp-Tracks“ daruntergelegt, vorübergehend eingesetzte Musik aus anderen Filmen, die ihm bei seinem Schneide-Rhythmus hilft. Reichelt ignoriert diese manchmal lästigen Füller elegant, um etwas Neues zu schaffen. Er setzt sich ans Klavier, spielt, komponiert und notiert erst einmal einige simple Themen, die melodische und harmonische Kernaussage. Diese Themen entwickelt er dann weiter, macht sich eine schematische Auflistung, wie er den Film gestalten möchte: Wo soll überhaupt Musik erklingen und für was soll sie stehen? Dabei sind der Regisseur und später die Produzenten involviert, mit denen Reichelt über Spannungsbögen und Strukturen debattiert.

Dann wird „ausproduziert“, also orchestriert, gegebenenfalls Solisten involviert und tatsächlich eingespielt. „Wenn ich nicht explizit den Charakter von elektronischer Musik treffen will, nehme ich alles selbst auf“, so Reichelts Ehrgeiz. „Ich baue nicht mit Samples reale Instrumente nach. Das erreicht nie die 100 Prozent einer echten Interpretation“. Für gängige Instrumente hat er eine Stammbesetzung aus seinem Netzwerk, die er „zusammentelefoniert“ und Stück für Stück bei sich im Studio aufnimmt. Vieles spielt Reichelt dabei höchstpersönlich ein, so ist er etwa leidenschaftlicher Saxofonist oder übernahm in der märchenhaften Fantasiewelt von König Laurin verschiedene ethnische Instrumente. „Ich habe schon während der Schulzeit Instrumente gesammelt“, strahlt Reichelt. „Ich liebe es, neue zu lernen! Hier im Studio habe ich gerade über 50 verschiedene. Für skurrile Musikwelten räume ich auch mal meine ganze Küche aus und sample Klänge daraus. Oder ich gurgle oder singe mit morgendlicher Reibeisenstimme und verzerre das zu synthesizerartiger Musik.“

"Selbst Musik zu schaffen, war mein grundsätzliches ­Bedürfnis!"

Für die opulenten Orchesterklänge der Laurin-Produktion hatte Reichelt für zwei Tage das Babelsberger Filmorchester zur Verfügung. „Das war für die Aufnahme von einer ganzen Stunde Orchestermusik sehr knackig“, gesteht Reichelt. „Da muss man effizient arbeiten. Ich habe die Musik so arrangiert, dass sie von guten Musikern beim ersten Mal zu spielen ist und Themenvariationen hintereinander aufgenommen werden.“ Als reines Filmmusikorchester sind die Babelsberger gewöhnt, „auf Klick“ einzuspielen – also einen Klicktrack auf ihre Kopfhörer bekommen, der eine zeitlich absolut passgenaue Einspielung gewährleistet. Beim Dirigent läuft außerdem in einem Bildschirm der Film mit, der beispielsweise zusätzlich mit Countdowns zum Abwinken von Schlussakkorden versehen ist. Diese richtet Reichelt selbst ein, der hier zum Produktionsleiter wird. Beim anschließenden Mischen dieser „Hybridproduktionen“ werden dann Orchesterklang, unabhängig davon eingespielte Solisten und elektronische Zuspielungen zu einem idealen Raumklang „vermengt“.

Heute ist Reichelt zunehmend gut im Geschäft, doch auch für ihn war aller Anfang schwer. Er komponiert, seit er sechs Jahre alt ist, obwohl keiner in seiner Familie Musik machte. In der Schule schrieb er Musik für die Theatergruppe. Die Symbiose zwischen Bild und Musik faszinierte ihn. Doch es sollte zermürbende 19 Aufnahmeprüfungen dauern, bis Reichelt seinen Platz in der Kompositionsklasse von Filmmusiklegende Enjott Schneider (Herbstmilch, Schlafes Bruder, Stalingrad) fand. „Es gab keine Alternative für mich! Das wollte ich machen“, so Reichelt, deshalb kämpfte er, bis es vier Jahre später endlich klappte.

Doch dann folgten erste kleine, unbezahlte Projekte, etwa mit der Hochschule für Fernsehen und Film in München und Musik für Werbespots zum Geldverdienen. Peu à peu baute Reichelt sein Netzwerk auf. Es kam eine erste Reihe – die bayerische Fernsehserie Hindafing –, in der er die Intrigen und die Verschrobenheit der Dorfbewohner im schrillen, reduzierten Jazzsound auf Schlagzeug, Bass und Saxofon – Letzteres von Reichelt selbst gespielt – widerspiegelte. „Die Drogenrauschszenen bei Hindafing sind musikalisch betrachtet sehr wild“, lacht er. Die insgesamt 4,5 Stunden Filmmaterial sind nach ihrer Fernsehausstrahlung 2017 nun auf Netflix zu sehen.

Und jetzt? Ist der Deutsche Filmmusikpreis für König Laurin ein höhnischer Triumph? „Nein“, bleibt Reichelt bescheiden. „Das gibt nach all den Kämpfen und den vielen komplett durchgearbeiteten Jahren Kraft und setzt einiges in einem frei. Es war ein überwältigendes Gefühl, und da sind an diesem Abend schon ein paar Freudentränen geflossen.“

Aktuell sitzt Reichelt in den Startlöchern für einen weiteren Kinofilm, La Palma. Es geht darum, was Liebe bedeutet, um ein Pärchen, das kurz vor der Trennung steht und es noch einmal miteinander versuchen will. Und sein Wunschtraum? Na, wenn Hollywood anklopfen würde, wäre das schon nicht schlecht. Vielleicht einen Titelsong für James Bond schreiben …?

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