Der akademische Bunker – Neue Musik im Institutionenkerker

Was ist nur los mit der Neuen Musik, dass sie so viel mehr als andere Kunstrichtungen institutionalisiert ist?
Die großen Schriftsteller der Literaturgeschichte waren größtenteils vollkommen unabhängig von Institutionen und nur selten Professoren oder Akademiker.
Bildende Künstler werden wegen der handwerklichen Anforderungen meist an Akademien ausgebildet, der Kunstmarkt selber ist davon aber größtenteils unabhängig und funktioniert nach eigenen Regeln, die auch ohne Anbindung an einen Universitätsbetrieb funktionieren. Ähnlich ist es in der Architektur, beim Film, beim Tanz.
Allein die zeitgenössische Musik kommt und kommt nicht aus dem akademischen Gefüge heraus. Sie klebt daran wie eine Fliege an einer Windschutzscheibe (was die Größenverhältnisse akkurat wiedergibt).

Fast ausnahmslos alle aktuell bekannten Komponistennamen der zeitgenössischen Musikszene sind oder waren dauerhaft an einen akademischen Betrieb gebunden. Sie sind oder waren Dozenten und Professoren, manchmal aus finanzieller Notwendigkeit (zeitgenössische Musik kann nur wenige Familien ernähren), teils aber auch aus einer Art natürlichen Magnetismus heraus. Denn ein Großteil der Neuen Musik ist hochspezialisiert, verlangt eine extensive Ausbildung sowohl der Interpreten als auch der Komponisten. Neue Musik-Ensembles entstehen nicht in Garagen, sondern weil gleichgesinnte Studenten sich zusammentun, natürlich während des Studiums. Immer wieder tendiert man also zu den Akademien. Auch nach dem Studium ist das so – kaum ist man draußen aus der Hochschule wird man zu Meisterkursen, Symposien und Workshops eingeladen und ist sofort wieder Teil des Systems. Man muss sich darum nicht im Geringsten bemühen, es geschieht quasi von selber. Auch der Kontakt mit den Kollegen – der für das Überleben in “Neue Musik-Netzwerken” entscheidend ist – findet meist in akademischen Bahnen statt. Und in den Jurys sitzen Professoren die – natürlich – ihre Studenten fördern wollen. Und sitzen diese Studenten wiederum später in Jurys, fördern sie natürlich auch… weitere Studenten.

Sind Komponisten und Interpreten erst einmal ausgebildet, ist dieses Wissen so spezialisiert, dass der logische Weg darin besteht, eine akademische Anstellung zu suchen, die aus der Weitergabe dieses Wissens besteht. Tatsächlich liegt dieser Weg am meisten auf der Hand, denn von der alleinigen Ausübung dieses Spezialwissens zu leben, ist den wenigsten gegeben, vom Unterrichten dagegen kann man zumindest leben.

Dies erzeugt das wenig ermutigende Bild einer “ewigen Institution”, einer Ouroboros-artigen Akademie die nichts weiter tut als weitere Akademiker auszubilden, die dann wiederum weitere Akademiker ausbilden, bis in alle Ewigkeit.
Bei Wissenschaft und Forschung ergibt dies einen Sinn, denn mit jeder neuen Akademikergeneration wird auch das Wissen erweitert. Musik dagegen ist eine künstlerische Ausbildung – es geht nicht um die Anhäufung von Wissen (darum geht es nur in der Musikwissenschaft) sondern um die kreative Anwendung von Wissen. Und das ist ein Riesenunterschied.

Je älter ich werde, je mehr ich mit frustrierten Studenten spreche, die ihr Studium abbrechen wollen, da die akademischen Umstände ihnen unvereinbar mit einer freien Kunst zu sein scheinen, desto mehr bin ich überzeugt davon, dass der akademische “Bunker” auch ein “Gedankenbunker” ist, der Innovationen unterdrückt, der den Status Quo bestätigt anstatt Neues zu wagen.
Wir kommen nicht aus diesem Bunker heraus, weil es uns in ihm sehr gut geht, das ist das Problem.

Das Problem, d0ss die meisten Menschen mit Neuer Musik haben ist nicht, dass sie für sie zu “dissonant” oder “schräg” ist. Das sind nur Hilfsbegriffe, die eigentlich etwas anderes beschreiben, nämlich dass sie sich ausgeschlossen fühlen.

Einem Juristen kann die Kenntnis von Paragraphen und komplexen Rechtsfällen Freude bereiten, der Laie fühlt sich hier ausgechlossen und fremd. Das heißt aber nicht, dass der Laie dumm ist (ich nehme an, dass die meisten die dies lesen, keine Juristen und dennoch nicht dumm sind). Man ist ausgeschlossen, weil es hier eine Art Spezialistensprache gibt, die in einem geschlossenen Raum – unserem Rechtssystem – funktionieren muss und hier auch eine Funktion erfüllt.

Musik und Kunst dagegen erfüllen keine praktische Funktion, nur eine ideelle. Sie sind Visionen des “Anderen”, von Möglichkeiten. Wenn also eine Kunstsprache eine solche Raffinesse und Sprachkodierung erreicht, dass sie nur innerhalb eines geschlossenen Systems (den Akademien) verstanden werden kann, haben wir ein großes Problem.

Musikhistorisch war das dezidiert nicht immer so. Bis zum 19. Jahrhundert wurde Komposition – wenn überhaupt – ausschließlich privat gelehrt, zwar durchaus als eine Art “Geheimwissenschaft” (der Großteil der Bevölkerung konnte – anders als heute vielleicht – mit Notenschrift wenig anfangen), aber eben ohne permanente Anbindung an eine Ausbildungsstätte. Die Komponisten waren also gezwungen, in irgendeiner Form am täglichen Musikleben teilzunehmen, das sich im Spannungsfeld von weltlicher, höfischer oder kirchlicher Musik bewegte. Allein das Jonglieren zwischen diesen vollkommen unterschiedlichen Ansprüchen bereicherte die Musik z.B. eines Mozart oder Haydn ungemein, machte sie wendig, flexibel und vor allem welthaltig. Diese Komponisten mussten sich nicht “verbiegen”, wenn sie für Laien anstatt anspruchsvolle Kenner schrieben, da ihre Musiksprache stets authentisch und inklusiv, nie spezialisiert oder exklusiv war.

Mit dem Schwinden des kirchlichen Einflusses und dem Verschwinden der “höfischen Musik” durch die Abschaffung der alten adeligen Hierarchien haben wir heute einen Zustand, der eher eine große Dominanz “weltlicher Musik” gegenüber einem sehr geringen Prozentsatz “Expertenmusik” kennt, wobei letztere wiederum fast ausschließlich an Institutionen gebunden ist.
Die weltliche Musik ist durch den schneckenhausartigen Rückzug der “gebildeten” Musik deutlich künstlerisch verarmt (“Mainstream-Pop”, “Durchschnitts-Schlager”), die kommerziell unabhängigen aber ambitionierten Kräfte (z.B. “Independent-Musik”) wiederum meiden oft die Universitäten wie der Teufel das Weihwasser, da sie Angst haben, sich durch zuviel Wissen zu “verbiegen” oder von vornherein gar nicht auf diesem Weg zur Musik kommen (wie die Kinder aus wohlhabenden und gebildeten Schichten), was aber ihrer Kunst ebenfalls Grenzen setzt.

Was wir also dringend bräuchten, wäre eine neue “weltliche” Musik, die sowohl anspruchsvoll, wild und verrückt als auch besser ausgebildet ist, aber auch keine Geheimkodierung verwendet, die einen Großteil der potentiellen Hörer ausschließt.

Dass dies eine Möglichkeit ist, scheint die junge Komponistengeneration zunehmend zu erkennen. Sie brechen aus dem akademischen Rahmen aus, auf verschiedenste Weise. All dies heißt nicht, dass die Akademien sinnlos geworden sind, aber wie sie sich dieser Herausforderung stellen werden, wird die Zukunft zeigen.

Ich denke wir brauchen neue Schwerpunkte an Musikhochschulen, weg von der Vorbereitung auf Orchesterprobespiele oder meist nicht stattfindende Solokarrieren als “Klassikstar”; weg von extrem konservativ geprägten Hochschulwettbewerben und akademischen Karrieren. Brauchen wir wirklich eine Doktor- oder Mastertitel, um großartige, tiefgründige und bewegende Musik schreiben zu dürfen? Wer an die Bedetung dieser Titel glaubt, ist ein Narr.

Musikhochschulen sollten Wissen im Übermaß zur Verfügung stellen, keineswegs aber die perfekte Beherrschung und Replikation dieses Wissens bewerten, sondern allein Möglichkeiten zur Verfügung stellen und die Studenten ermutigen, ganz eigene Wege zu gehen. Wir müssen weg von dämlichen und vollkommen überflüssigen ECTS-Punkten, von Doktorarbeiten, vom Denken in “Studienfächern” und Spezialausbildungen. Stattdessen sollte es eine größere Praxisnähe geben, ein größerer Schwerpunkt auf die Frage nach der Rolle von Musik in einer zunehmend komplexeren Gesellschaft gelegt werden. Wir brauchen keine Beamten und keine Professorentitel sondern schlicht und einfach nur leidenschaftlich Lehrende, die ein Wissen nicht weitergeben, weil es ihnen die Pension sichert oder es ihnen das Machtpotential gibt, sich an junge Studenten heranzumachen, sondern weil es ihnen wichtig ist.

Wir müssen inklusiver werden. Ist musikalisches Talent an den Besuch eines Gymnasiums gebunden, daran, dass man aus “gutem Hause” stammt? Wenn wir die “weltliche” Musik erfrischen und bereichern wollen, brauchen wir Talente aus aller Herren Länder, aus allen sozialen Schichten. Wir müssen uns für diese Talente interessieren und sich für ihre unterschiedlichen musikalischen Ansätze interessieren, anstatt sie in eine westlich geprägte universitäre Backform zu pressen, die wir für das einzig wahre halten.

Ich schreibe dies als jemand, der Teil des alten Systems ist, der einen typischen “Neue Musik”-Werdegang mit langem Studium hinter sich gebracht hat, der an einer Hochschule unterrichtet.

Aber ganz ehrlich – ich glaube immer weniger an dieses System.
Möge es sich erneuern.

Moritz Eggert

Eine tiefgründige Analyse der Gründe für die Institutionalisierung der Musik ist in Harry Lehmanns sehr empfehlenswerten “Die digitale Revolution der Musik: Eine Musikphilosophie” zu finden. Dort wird auch beschrieben wie sich dieses System zunehmend auflösen könnte.

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Kommentare

  1. 15. August 2017 at 16:13

    Sehr geehrter (Kollege) Herr Eggert,
    auch ich habe eine “herkömmliche” Ausbildung als Komponist an einer deutschen Hochschule genossen. Ich habe auch ca. 18 Jahre an Hochschulen unterrichtet. Als ich mich vor ein paar Jahren dann mal bemerkbar machte, wollte man mit mir über das Thema “Wo findet Kunst (Musik) statt”, gar nicht reden. Selbst Musiker tun sich damit schwer, da sie sich eventuell verantwortlich fühlen. Tatsache ist allerdings, dass es keinerlei “Kuchen” außerhalb der Institutionen gibt.

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