Der “Fall” an der Met

(Foto: Barbara Luisi)

James Levine verletzt sich, das Opernhaus braucht schnellen Ersatz und New York feiert plötzlich den Nachfolger Fabio Luisi. Henry C. Brinker reiste für uns an die Upper West Side und traf nicht nur einen gut gelaunten Dirigenten, sondern – ganz nebenbei – auch einen deutschen Startenor.

Wenn sich im Oktober in New York die Bäume des Central Parks bunt färben und die Blätter fallen, heißt diese Jahreszeit dort „Fall“. Nicht nur die Kaufhäuser locken Touristen aus aller Welt, auch die Kultur macht mit beim herbstlichen Wettbewerb um die besten Angebote. Dem Maler Willem de Kooning ist eine große Retrospektive im Museum of Modern Art gewidmet, Lucian Freud eine eher intime Schau mit 17 Bildern im Metropolitan Museum. Und bei den Bühnen der Performing Arts, der darstellenden Künste, liefern sich die Musical-Häuser am Broadway und die Konzerthallen von Avery Fisher bis Carnegie eine klingende Schlacht ums zahlungskräftige Publikum. Kurt Masur dirigiert wieder einmal die New Yorker Philharmoniker, Christian Tetzlaff und Lars Vogt spielen Kammermusik von Schumann bis Bartók in der Alice Tully Hall. Chinas populärer Tastenlöwe Lang Lang ist vorsichtshalber nach Newark in New Jersey ausgewichen, um empfindlichen Termin-Kollisionen im Wettbewerb um die Publikumsgunst auszuweichen. Ernste Kunst und Entertainment wetteifern um die gleiche Klientel. Wer heute ins Konzert geht, sitzt morgen im Kinosessel eines Animationsfilms und schaut sich den gestiefelten Kater an.

Und mittendrin, im großen Dschungel: die Metropolitan Opera im Lincoln Center, westlich des Central Parks. Auch hier ist der „fall“, der Herbst, längst eingezogen, belässt man das Wort aber im deutschen, so muss man festhalten: Der „Fall“ Met hat eine tiefere Bedeutung. Denn das weltberühmte Haus an der Upper West Side drohte durch die langwierige Rückenverletzung ihres legendären Musikalischen Direktors James Levine als Opern-Strohwitwe durch die Saison zu taumeln. Drohte. Denn am Pult des seit Jahrzehnten famos aufspielenden Met-Orchesters steht seit ein paar Wochen der Italiener Fabio Luisi als Principal Conductor. Luisi war nach seinem Abschied aus Dresden verfügbar und hatte lediglich freie Engagements sowie seine Wiener Verpflichtungen bei den dortigen Symphonikern neu zu koordinieren.

Was von außen erscheinen mag wie eine überraschende Fügung aus Glück und Zufall, hat doch eine längere Vorgeschichte. Als Fabio Luisi 2005 sein Met-Debut mit „Don Carlos“ gab, war das Publikum entzückt, die Kritiker begeistert und die maßgeblichen Musiker des Orchesters tief zufrieden. Hier hatte ein Dirigent seine Visitenkarte abgegeben, der die Sänger liebte und die Musiker verstand. Luisis viel gelobte, klare Zeichensprache und seine bei Musikern im Orchestergraben wie auf dem Konzertpodium hochwillkommene, schlagtechnische Präzision hatten einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Nick Eanet, der von Levine geholte, famose Met-Konzertmeister und Geiger des berühmten Juilliard-Quartetts, machte von Beginn an aus seiner Begeisterung für den Italiener aus Genua keinen Hehl. Vor allem lobte er den Fleiß und die Genauigkeit des unprätentiösen Dirigenten. Damals war Luisi noch beim MDR in Leipzig als Chefdirigent unter Vertrag, hatte aber bereits den nächsten Karriereschritt mit seiner Unterschrift unter den Vertrag als Generalmusikdirektor der Dresdener Semperoper besiegelt.

Luisi geriet allerdings zwischen die Fronten von Opernintendanz einerseits und Orchesterdirektion andererseits. Als eher bescheiden agierender Musiker stellte er auch hier einen der Kunst verpflichteten Kapellmeister, nicht den effektvoll agierenden Maestro in den Vordergrund. Nach Querelen folgte die von ihm selbst ausgesprochene Kündigung.

Schon vorher hatte Luisi das Angebot von Intendant Andreas Homoki angenommen, als Musik­chef ans Zürcher Opernhaus zu wechseln. Kurze Zeit später rieb sich das internationale Klassik-Business die Augen, als Luisi auch als Principal Guest Conductor der Met ausgerufen wurde, um nur kurze Zeit später die Position als Principal Conductor zu übernehmen. Zuletzt war dieser Titel vor über vierzig Jahren an James Levine vergeben worden, bevor dieser zum Music Director­ ernannt wurde.

Ob ein glanzvoller „Till Eulenspiegel“ von Richard Strauss mit dem Met-Orchester in der Carnegie Hall oder Mozarts „Don Giovanni“ in der Met selbst: Mit schier unglaublicher Selbstverständlichkeit bewältigt Luisi die nicht gerade geringen Herausforderungen seiner kniffligen Aufgabe als musikalischer Statthalter für Levine. Defizite sind nicht zu erkennen. Vielmehr wird eine neue Aufbruchstimmung im Orchester sowie ein klares, transparentes Klangbild vermerkt.
Auf dem Weg zum neuen Wagner-Ring der Met, der im Janu­ar mit der „Götterdämmerung“ geschlossen werden soll, wurde auch die „Siegfried“-Premiere am 27. Oktober als runder Erfolg gefeiert. Ein glänzend aufgelegter Fabio Luisi, dazu Deborah Voigt als verliebte Brünnhilde und Bryn Terfel als wandernder Wotan: Der 63-jährige New-York-Times Chefkritiker Anthony Tommasini überschlug sich vor Begeisterung. Ohnehin hat Amerikas größte Zeitung den neuen Musik-Immigranten bereits ins Herz geschlossen und verkauft ihn wie „New Yorks besten Italiener“. Musikredakteur Daniel Wakin brachte vom Besuch bei Luisi gleich eine Homestory mit, die den Dirigenten als kundigen Genießer zeigt, wie er zunächst hauchfeinen Parmaschinken mit einer gewaltigen, feuerroten Berkel-Maschine schneidet. Anschließend Sonntagsbrunch auf der Dachterrasse gemeinsam mit Sohn Aldo und Ehefrau Barbara, einer beachtlichen Fotografin; an die trotz großer Erfolge eher traurige Dresdner Zeit erinnert nur noch das blaue Zwiebelmuster auf dem Meissener Frühstücksporzellan.

Wie es an der Met weitergeht in der Causa Levine, ist noch nicht ausgemacht. Luisi soll einen über mehrere Jahre laufenden Vertrag unterschrieben haben, der ihm während anhaltender Abwesenheit von „Jimmy“, wie auch Luisi den legendären­ Kollegen liebevoll nennt, die Position an der Spitze sichert.
Levine macht sich indessen rar. In der Presse-­Lounge der Met erhält man „off the records“ dann wenigstens ein paar Informationen: James Levine habe seit mehr als eineinhalb Monaten nichts mehr von sich hören lassen. Dabei würde das Haus seinem verdienten Maestro goldene Brücken für einen ehrbaren Teilrückzug bauen. Denn niemand würde wollen, dass Levine ­nie mehr seine Klasse am Pult der Met zeigte. In New York gilt ­der Dirigent als lebende Legende: Er debütierte im Jahr 1971, am 5. Juni um genau zu sein, mit „Tosca“. Danach hatte er an der Met fast 2500 Aufführungen in 85 verschiedenen Opern gegeben. Levine, der ­Marathonmann. Im Mai diesen Jahres musste er aus gesundheitlichen Gründen bereits die Leitung des Boston Symphony Orchestra abgeben, im September folgte die sich lange hinauszögernde „Aufgabe“ an der MET. „Er ist kein Dirigent, sondern ein Gott. Und einen Gott schiebt man nicht einfach so aufs Abstellgleis“, sagte David Gockley, Chef des Opernhauses von San Francisco erklärend. Will sagen: Bei einer solchen Personalie ist die Kunst der Diplomatie gefragt, die man Levine nun auch serviert: Von den vielen, denk­baren Szenarien ist zum Beispiel eines vorstellbar, in dem Levine als „Elder Maestro“ eine Produktion pro Jahr übernimmt und/oder das eine oder andere Konzert.

Doch derzeit regiert noch die Ratlosigkeit, und wilde Spekulationen über die ungewisse Zukunft schießen ins Kraut. Da sind Ereignisse willkommen, die eine Atempause von der hektischen Betriebsamkeit des Opernalltags gewähren. Zumindest wirtschaftlich hat sich das Haus von seinem „Fall“ erholt: Zum ersten Mal seit 2004 glänzte die Met wieder mit einer wirtschaftlich ausgeglichenen Bilanz. General Manager Peter Gelb, ein ehemaliger Manager von Sony Classical und seit 2006 im Amt, führt das Haus mit ruhiger, gegebenenfalls auch starker Hand durch die Ups and Downs der konjunkturellen Großwetterlage. Über 260 Millionen Dollar müssen jährlich eingespielt und eingeworben werden. Fundraising ist seit langem die erlösträchtigste Programmsparte aller Met-­Aktivitäten und gewährleistet etwa zur Hälfte die Finanzierung des Hauses. Unter solchen Umständen darf man der Oper doppelt hoch anrechnen, dass sie immer wieder Raum schafft für Musik jenseits des populären Repertoires.

Derzeit ist der amerikanische Komponist Philipp Glass zu Gast und beobachtet die Vorbereitungen zur Wiederaufnahme der McDermott-Produktion seiner hochgelobten Oper „Satyagraha“ von 1980. Es geht darin um die frühen Jahre von Mahatma Gandhi in Südafrika. Sein Weg zur Jahrhundertgestalt im Kampf um Freiheit und Menschenrechte wird auch musikalisch als Aufbruch umgesetzt. Weniger erklärungsbedürftig als serielle Glass-Klänge war der Saisonauftakt mit „Don Giovanni“ in einer prallen Inszenierung des Broadway-Theaterregisseurs und Tony-Award-Preisträgers Michael Grandage. Eine fein patinierte Fensterfassadenkulisse in sanften Farben fungiert als wandlungsfähiges Bühnenbild zwischen Plaza, Festsaal und Barockgarten, dazu prächtige Kostüme. Die optische Süßspeise­ kontrastierte reizvoll mit einer bewegt-witzig geführten Handlungs- und Personenregie. Leporello agiert als Buffo-Bass, der seinen Herrn gern mal karikierend imitiert. Don Giovanni als Testosteron-gesteuertes Ungeheuer, und dennoch irgendwie zum Verlieben: Die Bildregie wird ihre Freude daran gehabt haben, das Spektakel live für große Kinos rund um den Globus mit Kameras und Dolby-Surround-Mikrofonen einzufangen. Dass die Besetzung mit Barbara Frittoli und Ramon Vargas Weltklasse repräsentierte, muss kaum betont werden.

Am letzten Abend des wie immer zu kurzen New York Aufenthaltes noch ein persönliches Bonbon an der MET: Jonas Kaufmann war der erste Sänger, der nach Pavarotti 1994 wieder einen klassischen Liederabend gab – oder besser, geben durfte: Mahler, Strauss, Duparc. Das ergriffene Publikum erzwang mit tosendem Applaus fünf Zugaben inklusive „Dein ist mein ganzes Herz“. Es ist diese fast naive Begeisterungsfähigkeit eines Publikums, das mit Lust und Leidenschaft eine frische Opernkultur lebt. Und das in einer Zeit, wo „Audience Development“ Oper und klassische Musik viel zu oft zu einem reinen Marketing-Projekt degradieren will. Mit Künstlern wie Jonas Kaufmann und Fabio Luisi stehen die Chancen gut, dass die vielleicht komplexeste und sinnlichste Kunstform überhaupt wieder vor allem aus sich selbst heraus wirkt und die Menschen dauerhaft für sich einnimmt.

„Die Atmosphäre ist sehr familiär“

Fabio Luisi über seine Ankunft in New York und Zukunftspläne

Gut eingelebt im Big Apple, Maestro?
Ja, wir haben eine schöne Wohnung in Midtown Manhattan mit Balkon nicht weit von der Met. Aldo, unser 13-jähriger Sohn, hat eine sehr gute Schule gefunden, dort muss er sich anstrengen. Und meine Frau kann unter besten Bedingungen ihren Beruf als Fotografin vorantreiben.

Und an der Met?
Ich fühle mich hier sehr wohl. Die Atmosphäre ist familiär. Der Slogan von der Metopera-Family ist nicht nur ein PR-Gag, sondern trifft wirklich zu.

Gibt es einen Kontakt zu James Levine?
Nein, derzeit habe ich keine Verbindung zu ihm. Ich wünsche Jimmy alles Gute für seine Genesung.

Met und Oper Zürich, kann man das beides schaffen?
Ja. Ich bin auch nicht der erste Dirigent, der an zwei Opernhäusern gearbeitet hat. Bei der Terminfestlegung für die nächsten Spielzeiten gab es keinerlei Überschneidungen oder Kollisionen.

Haben Sie überhaupt Freizeit?
Ja, wir gehen immer mal wieder in ein Broadway-Musical. Mich begeistert hier vor allem die handwerkliche Qualität der Produktionen.

Und die nächsten Projekte?
Im Rahmen einer Gastspielreise dirigiere ich im November die Wiener Symphoniker, auch in New York. Mit der „Götterdämmerung“ schließt sich im Januar der neue „Ring“ an der Met unter der Regie von Robert Lepage.

Ist Fabio Luisi auch einmal wieder in Deutschland zu erleben?
Ich habe dort nur noch zwei Dirigier-Verpflichtungen, die vor längerer Zeit abgeschlossen wurden, in Frankfurt und in Stuttgart.

Werden Sie auch mit dem Orchester der Metropolitan Opera auf Tournee gehen?
Derzeit plane ich, vor allem mit dem Orchester der Oper Zürich zu reisen. Darauf freue mich mich mit den Musikern.

Gibt es neue Veröffentlichungen auf CD?
Zuletzt wurden die Schumann-Symphonien mit den Wiener Symphonikern in einer ORF-Co-Produktion  bei Orfeo veröffentlicht. Das war ein großer Erfolg vor allem in den angelsächsischen Ländern. Für die nahe Zukunft steht – auch mit den Wiener Symphonikern – eine Einspielung mit den vier Brahms-Symphonien auf der Agenda.

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