Der große Verkannte: Zum 275. Geburtstag von P.D.Q. Bach

Dass Johann Sebastian Bach die Welt nicht nur mit einem eigenen musikalischen Lebenswerk allerhöchsten Niveaus bereichert, sondern auch noch mehrere musikalisch äußerst begabte Nachkommen in eben diese Welt gesetzt hat, ist hinreichend bekannt: C.P.E., J.C.F., W.F. und J.C. Bach sind mit ihrer Musik wie eh und je auf den Konzertbühnen präsent, doch keiner von ihnen war eine künstlerisch so eigenständige und originelle Persönlichkeit wie jener letzte am 1. April 1742 in Leipzig geborene Bach-Sohn P.D.Q., den die Familie Bach Zeit seines Lebens – und darüber hinaus – zu verleugnen suchte (etwa durch die Umbettung der sterblichen Überreste aus einem prunkvollen, in den 1840er Jahren unter der Ägide von Felix Mendelssohn abgerissenen Mausoleum in ein unbezeichnetes Armengrab) und dessen Musik erst im Jahr 1966 anlässlich eines ersten Konzerts mit seinen Werken in den USA einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnte.

Dem US-amerikanischen Musikologen und P.D.Q. Bach-Biographen Prof. Peter Schickele vom „Department for Musical Pathology“ der University of Southern North Dakota at Hoople (The definitive Biography of P.D.Q. Bach bei Random House, dt. bei Schott), der in den 1950er Jahren durch die Entdeckung der legendären Sanka-Kantate die Existenz P.D.Q. Bachs erstmals musikarchäologisch belegen konnte, ist es zu verdanken, dass bis heute weit über hundert Werke dieses letzten Bach-Sohnes dem Vergessen entrissen wurden: Im Werkkatalog bei der Theodore Presser Company, über die auch das Notenmaterial zu beziehen ist, finden sich neben Orchester- und Kammermusik (z.B. The Musical Sacrifice, S.=Schickele-Nr. 50% off) auch Opern, Oratorien, Kantaten und Liederzyklen (wie etwa die 4 Next-to-last-Songs nach Texten des in der seltsamen Mischsprache Doinglish schreibenden Dichters Heinrich Heini, S. Ω-1).

Mittlerweile wird das Werk P.D.Q. Bachs – wenn auch nicht ganz so häufig wie wünschenswert – weltweit bei den verschiedensten Gelegenheiten aufgeführt, wobei die berühmte Konzertreihe zum Jahreswechsel, in deren Rahmen Professor Schickele seine jeweils neuesten Entdeckungen dem faszinierten Auditorium präsentierte, hier Maßstäbe gesetzt hat und viele Jahrzehnte lang ein Highlight des New Yorker Konzertlebens gewesen ist: Der Professor, der übrigens auch selbst komponiert (z.B. eine Chaconne a son Gout und eine Unbegun Symphony), war dabei so engagiert bei der Sache, dass er sich üblicherweise zu Beginn der Konzerte an einem Seil vom Balkon im Zuschauerraum aus auf die Bühne schwang – bis seine Versicherung dann im fortgeschrittenen Alter nicht mehr für das Risiko bürgen wollte.

Einzig in unseren Breiten ist der Ausnahmekomponist P.D.Q. Bach bislang weitgehend unbekannt geblieben (abgesehen von der MGG, die ihn immerhin eines Artikels für würdig befindet). Selbst in seiner Geburtsstadt Leipzig erinnert nichts an ihn und sein reiches musikalisches Vermächtnis. Dabei ist eine Neuentdeckung dieses nicht nur zu Lebzeiten Verkannten, dem zahlreiche Kapazitäten des Musiklebens jegliches Kompositionstalent abzusprechen suchten (Robert Schumann in der NZfM über Johannes Brahms: „Hut ab, ihr Herren: Ein Genie!“, und über P.D.Q. Bach: „Die Hüte wieder auf, meine Herren: Ein Idiot!“), der aber tatsächlich seiner Zeit in vielen Dingen einfach nur um Längen voraus war, überaus lohnend:

Aus der Zeit, in der P.D.Q. Bach mit seinem „Fahrenden Medicin-Theater“ durch die Lande tingelte, stammen beispielsweise die ersten Werbesongs der Musikgeschichte (Diverse Ayres on Sundrie Notions, S. 99 44/100), die im Stil echter Barockarien so alltägliche Dinge wie Schmerzmittel, Tabak oder Präparate gegen Spülhände anpriesen und P.D.Q. so ein nicht unbeträchtliches Einkommen ermöglichten. Und in der Kurzoper A little Nightmare Music (S. 35) verarbeitete er quasi prä-freudianisch einen Alptraum, in dem er sich selbst als den Schuldigen an Mozarts frühem Tod imaginierte, zu einem von Mozarts Eine kleine Nachtmusik (KV 525) unterlegten musikalischen Schlagabtausch zwischen dem Komponisten Antonio Salieri und  dem Autor Peter Schläfer, der jenen beschuldigt, auf Mozart geradezu tödlich eifersüchtig zu sein (und der, wie seine Kostümierung erkennen lässt, mysteriöserweise aus einem zukünftigen Jahrhundert zu kommen scheint).

Das ist schlicht Avantgarde, ebenso wie der Einsatz eines bellenden Hundes in einem Opernlibretto (The stoned Guest) und wie das Komponieren für Snackautomaten (Concerto for Horn and Hardart), Fahrräder (Pervertimento for Bagpipes, Bicycle and Balloons),  Dampforgeln (Sonata da Circo, Toot-Suite) und so umwerfend ungewöhnliche Instrumente wie die linkshändige Leitungsflöte und den Doppelrohrblattzugnotenständer (Sinfonia Concertante).

Es sei noch bemerkt, dass einige der größten Komponisten, die P.D.Q. Bach nachfolgten, sein musikalisches Talent durchaus erkannten und sich eifrig bei seinem thematischen Material bedienten – da sein Werk da bereits dem totalen Vergessen anheimgefallen war, konnten sie dies ja auch ganz ungeniert tun: Neben Antonín Dvořák (am Beginn des 4. Satzes der 9. Symphonie, op. 95) schlachtete etwa auch Peter Tschaikowsky P.D.Q.s grandiose 1712 Overture (S. 1712) – in der Bachs Sohn ganz nebenbei das große Familiengeheimnis lüftet, was denn sein Vater Johann Sebastian in diesem von der Bachforschung ansonsten ja doch recht stiefmütterlich behandelten Jahr so getrieben hat – ziemlich dreist für seine 1812 Overture (op. 49) aus – freilich ohne dabei die Originalität des Programms des P.D.Q. Bachs’schen Stückes zu erreichen, das hochinteressante musikhistorische Vorgänge im Spannungsfeld zwischen Alter und Neuer Welt zum Inhalt hat und das im Booklet der entsprechenden CD nachzulesen ist.

Dieses Spannungsfeld spielt im Übrigen im Werk P.D.Q. Bachs des Öfteren eine Rolle (z.B. im Oratorium Oedipus Tex und in der Kantate Blaues Gras), was auch erklären mag, dass einige seiner Melodien auf den verschlungenen Wegen der Musikgeschichte Eingang in die amerikanische Popularmusik gefunden haben: So stammen etwa die Themen der im öffentlichen Bewusstsein uramerikanischen Songs „Yankee Doodle“ und „Pop goes the weasel“ (statt dieser Melodie verwendete Tschaikowsky in seiner Komposition dann die der „Marseillaise“) direkt aus der 1712 Overture, und im Short-tempered Clavier (S. easy as 3.14159265) wird in der Nr. 12 in B-Dur das berühmt-berüchtigte B-A-C-H-Motiv mit einer Melodie verknüpft, die heute als „For he’s a jolly good Fellow“ weltbekannt ist. Bisweilen ist regelrechte Detektivarbeit vonnöten, um all diese Einflüsse der P.D.Q. Bach’schen Musik zu identifizieren, aus musikhistorischer Sicht ist das Ganze jedoch eine wahre Goldgrube, die noch zahlreiche und bahnbrechende Erkenntnisse zutage zu fördern verspricht.

Schlüsselwerke wie etwa das Oratorium The Seasonings (S.1/2 tsp.) mit dem brillanten Choral „To Curry Favor“, die Missa Hilarious (S. N2O), das fulminante Streichquartett „The Moose“ (S. Y2K) und die bereits erwähnte Kantate Blaues Gras (übrigens das einzige Vokalwerk P.D.Q.s, das mit dem deutschen Originaltext überliefert ist, die anderen Texte liegen lediglich in einer englischen Übersetzung eines Zechkumpans des Komponisten vor) sind auf mittlerweile 17 CDs (bei Vanguard und Telarc) und einer DVD (die abendfüllende Oper The Abduction of Figaro) eingespielt worden. Die Tonträger sind sämtlich vorzüglich zusammengestellt, die beigegebenen Booklets und Conferancen liefern beträchtlichen informativen Mehrwert, der bisweilen weit über den Informationsstand der ja bereits in den 1970er Jahren erschienenen Biographie hinausgeht.

Auch in den Tiefen des Internet gibt es bezüglich des „Minimeisters von Wein-am-Rhein“ viel zu entdecken, beispielsweise eine unvergessliche Aufführung von P.D.Q. Bachs Konzertshtick for two Violins mit Orchestra (S. 2+), bei der der Geigenvirtuose Itzhak Perlman zusammen mit dem auf diesem Instrument nicht ganz so versierten Professor Schickele zu erleben ist, der für den verhinderten zweiten Solisten einspringen muss.

Wer sich übrigens darüber wundert, dass der P.D.Q. Bach-Entdecker Professor Schickele ebenso heißt und aussieht wie sein guter Freund, der äußerst vielseitige New Yorker Komponist Peter Schickele (Werkkatalog ebenfalls bei Theodore Presser), der wird vermutlich auch ob der Tatsache irritiert sein, dass die Würdigung eines hierzulande geradezu sträflich vernachlässigten Heroen der Musikgeschichte in einem Heft mit dem Themenschwerpunkt „Musik und Humor“ erscheint. Ja, genau betrachtet, ist das eigentlich schon wieder ein Skandalon ersten Ranges, und es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis der letzte Sohn des großen Johann Sebastian Bach bei uns die Anerkennung erfährt, die ihm aufgrund seiner Verdienste zweifellos zusteht.

Nun ja, die Mühlen der Geschichte mahlen ja bekanntlich langsam …

Alwin Müller-Arnke

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