Der Herr Publikumsgeschmack – ein Interview

(Premierenbesucher)

Ich dachte nicht, dass er kommen würde. Viele hatten schon versucht, ihn zu treffen, aber er macht sich bekanntlich rar. Doch nun öffnet sich die Tür des Starbuck Cafés, in dem wir uns verabredet hatten. Herein kommt ein mittelschlanker, ca. 40-jähriger, etwas androgyner Herr mit einem Gesicht, das man sofort wieder vergessen könnte, wenn es nicht auf so unheimliche Weise….normal wäre. Er setzt sich in einer fließenden Bewegung, geräuschlos.

ICH: …äh, schön, dass Sie gekommen sind. Ich hätte nicht erwartet, dass Sie…

DER HERR PUBLIKUMSGESCHMACK: Das ist es ja, niemand erwartet, dass ich je komme. Deswegen macht es mir Spaß, die Leute zu überraschen. Das ist wie in diesem Sketch von Monty Python, „niemand erwartet die spanische…!“

ICH: Kenne ich.

DHP: Ach so. Was wollen Sie von mir wissen?

ICH: Zuerst einmal: was Sie trinken wollen.

DHP: Einen ganz normalen Kaffee mit normal viel Milch und normal viel Zucker.

ICH: lachend. Das überrascht mich jetzt nicht – 60 von 100 Amerikanern trinken Kaffee mit ein bisschen Milch und ein bisschen Zucker. Ohne Extras.

Der Herr Publikumsgeschmack wirkt unbeeindruckt, fast desinteressiert. Ich hole seinen Kaffee.

ICH: Nun, viele machen sich verzweifelt Gedanken darüber, wie Sie ticken. Wie ticken Sie also?

DHP: Ich ticke gar nicht. Ich konsumiere. Mein Lebenszweck ist es, zu verbrauchen. Das ist mein Fulltime-Job.

ICH: Wie sieht das aus?

DHP: Nun, zuerst einmal klicke ich mich ohne Sinn und Verstand durchs Internet. Und zwar immer da drauf, wo Brüste oder Autos zu sehen sind. Am besten beides. Je greller und primitiver, desto besser. Wenn mich dann eine Schlagzeile wirklich anmacht, lese ich dann auch mal einen Text, aber der Artikel darf nicht länger als 600–800 Zeichen sein.

ICH: Das ist die von WordPress empfohlene Länge eines Blog-Artikels.

DHP: Genau, und wenn es nur ein Zeichen länger ist, schlafe ich sofort ein oder klicke auf einen neuen Busen. Für mich ist es wichtig, dass Texte absolut genormt sind. Nicht zu viele Adjektive, kurze Sätze, kein Konjunktiv. Ansonsten will ich das nicht lesen.

ICH: Ich verstehe. Nun wissen Sie ja, was mich besonders interessiert…

DHP: Das glaube ich nicht. Ich interessiere mich nämlich für Alles und Nichts. Oder umgekehrt. Nichts interessiert mich wirklich, aber alles kann potentiell für mich interessant sein. Ich mache jeden Trend sofort nach und vergesse ihn sofort wieder. Ich trage die Mode, die alle tragen. Ich habe nicht den Ehrgeiz, anders zu sein. Ich will sein wie alle. Ich habe durchschnittliche Leidenschaften und durchschnittliche Geheimnisse. Zum Beispiel gehe ich gerne auf…

ICH: Geschenkt. Für einen durchschnittlichen Menschen sind sie ganz schön redselig.

DHP: Ich rede immer nur dann, wenn Sie eine Pause machen. Solange Sie reden, schweige ich, ohne Ihnen aber zuzuhören, außer Sie sagen genau das, was ich von Ihnen erwarte.

ICH: Was Sie von mir erwarten?

DHP: Exakt, ich will auf keinen Fall überrascht werden.

ICH: Äh… gut, dann zurück zum Thema. Was bedeutet Ihnen klassische Musik?

DHP: Absolut gar nichts. Ich weiß nicht, was das ist, habe nichts darüber in der Schule gelernt. Früher habe ich Joe Cocker und Tina Turner gehört, und zwar ausschließlich. Manchmal auch Phil Collins. Kennt man den noch?

ICH: Es geht.

DHP: Schade, den mochte ich besonders. Der war einfach ein ganz normaler Typ. Alles was der machte, war… aber…. äh… verliert den Faden… verzeihen Sie, manchmal kann ich mich nur schwer konzentrieren. Man hat bei mir ein schweres ADHS-Syndrom diagnostiziert, das permanent besteht.

ICH: Aber das haben doch nur ca. 5% der Bevölkerung…

DHP: Ich habe ja auch gesagt diagnostiziert. Aber wenn man es sagt, wird es wohl stimmen.

ICH: Kennen Sie klassische Musik?

DHP: Wie gesagt, mir ist das zu langweilig. Außer ich kenne die Stücke schon. Dann finde ich es zwar auch langweilig, aber irgendwie beruhigend. Man sollte auf jeden Fall nur die Stücke spielen, die ich schon tausend Mal gehört habe, ansonsten ist es zu aufregend für mich.

ICH: Waren sie schon einmal in einem Konzert mit Neuer Musik?

DHP: Ich weiß nicht, was Neue Musik ist. Und wenn ich es wüsste, würde ich schreiend davonrennen. Ich würde sofort mein Abo kündigen.

ICH: Ich dachte, sie gehen nicht…

DHP: Egal. Sie verstehen, was ich meine. Ich würde mein Abo kündigen. Wenn ich eines hätte.

ICH: Welche klassische Musik kennen Sie?

DHP: Ich kenne die Violinsonaten von David Garrett. Ein großer Meister.

ICH: Warum?

DHP: Weil alle sagen, dass der ganz toll spielen kann. Und wenn alle das sagen, dann muss das auf jeden Fall stimmen, denn was alle sagen, ist immer relevant, es ist immer richtig. Es müssen nur möglichst viele Menschen sagen.

ICH: Was kennen Sie denn noch?

DHP: Den Busen von Anna Netrebko. Ich liebe ihn, weil er auf so vielen Plattencovern zu sehen ist. Die Sängerin die dranhängt ist auch nicht so schlecht. Sagen zumindest alle.

ICH: Erzählen Sie mehr darüber!

DHP: Bei Plattencovern, da kenne ich mich aus. Es muss hölle gephotoshoppt sein, sonst schaue ich das gar nicht an. Erst wenn die Gesichter aussehen wie weiße Pfannkuchen, bemerke ich es überhaupt erst. Die Lippen müssen rot geschminkt sein, egal ob Mann oder Frau. Und hübsch müssen sie sein, sonst kaufe ich das nicht. Wenn ich mit der Person auf dem Cover nicht sofort Sex haben möchte, funktioniert das mit der klassischen Musik nicht für mich.

ICH: Was interessiert Sie noch?

DHP: Interessante Geschichten. Die Musik allein ist ja auf jeden Fall zu langweilig. Wie heißt diese Französin, die immer mit den Wölfen heult? Oder bumst, was ich noch geiler fände…?

ICH: Hélène Grimaud

DHP: Genau, die. Sie erzählt einem alles aus ihrem Privatleben, das gefällt mir. Ich will alles wissen, jedes Detail, Hauptsache es ist irgendwie versaut, geil oder hat irgendwie mit Sex zu tun. Jedes Mal wenn Garrett seine Alte durchprügelt, kaufe ich seine neue CD – Ich habe schon hunderte im Schrank. Oder wie heißt dieser Österreicher, der mit seiner Sexsklavin? Das ist doch einfach saugeil. Die Musik sagt mir nichts, aber das ist so mutig und wichtig, was der macht…

ICH: Lassen wir dieses Thema lieber…

DHP: Wie gesagt, wenn über etwas geredet wird, kenne ich es, ansonsten will ich es nicht kennenlernen. Wenn es viele betroffen macht, dann macht es auch mich betroffen. Und dann finde ich es toll, wenn ich auch betroffen bin. Denn ansonsten habe ich nicht so viele Emotionen. Eigentlich gar keine. Erst wenn andere darüber reden, kann ich etwas fühlen. Von selber fühle ich nichts. Andere müssen mir zeigen, was sie fühlen. Deswegen finde ich auch Lang Lang gut. Den Namen kann man sich gut merken, und der zeigt mir immer, wie ich die Stelle empfinden soll, die er spielt. Ansonsten wüsste ich nämlich nicht, wie die gemeint ist. Ich will nichts selber entdecken, das ist mir zu aufregend. Ich habe einen nervösen Magen.

ICH: Ach…

DHP: Und hunderte kleine Allergien. Das ist heute absolut durchschnittlich. Ich mache diesen Trend einfach mit.

ICH: Was fällt Ihnen noch zum Thema klassische Musik ein?

DHP: Thomas Gottschalk. Der weiß auf jeden Fall nicht mehr als jeder andere, und er stellt auch genau dieselben dämlichen Fragen wie jeder andere. Das finde ich richtig toll an dem.

ICH: Sie meinen wie bei der ECHO-Verleihung?

DHP: Genau. Mir gefällt das exakt so gut. So will ich es haben. Klassische Musik auf jedem Fall in kleinen Häppchen, mit kurzen Höschen und geilen Schnepfen und Typen, die hektisch auf und ab springen und möglichst schnell spielen, unterbrochen von dämlichen, vollkommen banalen Moderationen. Nur so halte ich diese Scheißmusik aus, als komplettem Trash für sabbernde Idioten. Oder wenn Daniel Hope mir das erklärt. Am besten mit einer netten Anekdote.

ICH: Aber Sie sabbern doch gar nicht…

DHP: beginnt dämlich zu glotzen und zu sabbern

ICH: Äh, geht es Ihnen gut?

DHP: Reingelegt! Haha! beginnt plötzlich lauthals zu weinen

ICH: Was ist denn jetzt los?

DHP: Alle, alle wissen immer ganz genau… buhuuu… was ich will…. alle wollen es mir immer (schluchzt) Recht machen. Ich halte es fucking verdammt nochmal nicht mehr aus!!!! Gar nichts wisst ihr, ihr Schweine, gar nichts!!! Ihr wisst nicht, was ich wirklich will! Und ihr werdet es nie erfahren!

ICH: Ich verstehe nicht… Sie sagten doch eben, dass…

DHP: HALTEN SIE DIE KLAPPE!!!!!

ICH schockiert

DHP: Sehen Sie, jetzt bin ich der Bestimmer! Jetzt sage ich Ihnen, wo es lang geht! Zuerst einmal: Dieser ganze Klassikzirkus – das nervt mich so dermaßen. Ich kann diese Altersheim-Demenzkonzerte nicht mehr sehen, diese ganzen Fratzen. Warum machen junge Menschen sowas mit? Ich LIEBE das Ungewöhnliche. Ich LIEBE Überraschungen. Ich will endlich, endlich, endlich Mal wieder von etwas überrascht werden. Ich will wieder lachen, wieder weinen, verzweifelt sein, mir die Haare raufen. Ich will Gras unter meinen Füßen spüren. Ich will in schrillen Klängen baden. Ich will mein eigenes Ding. Ich will nichts Vorgefertigtes mehr bekommen. Ich will hinauslaufen, in die Wildnis, Erfahrungen machen. Wenn man genauer darüber nachdenkt, dann gibt es doch jemanden wie mich überhaupt nicht. Ich bin doch ein Ungeheuer, eine Unmöglichkeit, ein Phantom, ein… verschwindet

ICH Äh, Herr Publikumsgeschmack? Herr Publikumsgeschmack? Wo sind Sie?

Keine Antwort

Mein Gegenüber hat sich in Luft aufgelöst. Nicht die geringste Spur von ihm ist zurückgeblieben. Vielleicht hat es ihn nie gegeben. Vielleicht hat diese Begegnung nie stattgefunden.

Verwirrt nehme ich meine Sachen, stehe auf und gehe.

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Kommentare

  1. Ray
    4. Januar 2017 at 22:17

    So überflüssig!

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