Der kleine Garten Eden der Musik

Foto: La Courroie

Mitten im südfranzösischen Nichts hinter Avignon versteckt sich eine ehemalige Textilmühle, die in ein Konzert- und Aufnahmeparadies verwandelt wurde.

Sie duftet einfach anders, die Luft der Provence: ein bisschen Kräuter, ein bisschen Lavendel, ein bisschen Wald. Wir haben die Stadt Avignon verlassen mit ihren imposanten mittelalterlichen Stadtmauern (39 Türme, sieben Tore!), ihren verwinkelten Gässchen und ihrem gigantischen gotischen Papstpalast, der in seiner Monumentalität an die unwirkliche Kulisse eines Hollywood-Historien-Blockbusters erinnert. Vorbei geht es an Avignons viel besungener Brücke, der Pont Saint-Bénézet, die heute auf halber Strecke im Nichts endet und UNESCO-Weltkulturerbe ist. Früher verband sie das Festland mit einer Rhône-Insel und deren Vergnügungsvierteln und Jahrmärkten. Getanzt wurde dort mit Sicherheit. Kein Wunder, dass sie Adolphe Adam zu einer Oper inspirierte und dass Sur le pont d’avignon heute zu den bekanntesten Volksliedern Europas zählt.

Nach Osten fahrend wird es sofort ländlich. Wir befinden uns in der kleinen Gemeinde Entraigues-sur-la-Sorgue, keine 9.000 Einwohner, an einem Seitenarm der Sorgue gelegen. Und da ist es: La Courroie, ehemals eine Textilmühle zur Verarbeitung von Bast. Seit 1952 war das lang gezogene Gebäude mit seinen Steinmauern und Metallträgern langsam vor sich hingemodert, ein Bauer hatte es als Abstellraum benutzt. Dann stießen die Geigerin Alice Piéro und ihre Freundin Chantal de Corbiac auf die Ruine. Die Idee, eine Oase der Musik daraus zu machen, war geboren. Hier sollten Musiker konzertieren, wohnen und CDs aufnehmen können.

Beim Um- und Aufbau packten die beiden selbst mit an, verwandelten das Anwesen in einen flexiblen Konzertsaal mit Indus­triecharme und ausgezeichneter Akustik, vor allem für Kammermusik. Der Einstand fand 2008 mit keinem Geringeren als Philippe Jaroussky statt, der hier mit dem Orchester Le Concert Spirituel unter der Leitung von Hervé Niquet Bachs h-Moll-Messe probte. Bis heute sind Alice und Chantal Manager, Casting-Direktorinnen, Presse- und Ticketbüro, Bühnentechniker, Chauffeure, Hausmeister, Putzfrauen und gute Seelen in einem. In den Konzertpausen zaubern sie leckere Gerichte für drei Euro – ob dicke Kürbissuppe, Gewürzhuhn oder Glasnudelsalat mit Garnelen –, dazu werden für einen Euro das Glas Getränke gereicht, neben Softdrinks, Bier und Wein darf natürlich auch lokaler Cidre nicht fehlen. Vor den Matineen wird auf schweren, weißen Tischdecken französisches Frühstück angereicht: Brioches, frisch gebackenes Brot, selbst gemachte Marmelade und heiße Schokolade, serviert in reich verziertem Limoges-Porzellan. Wie aus dem Nichts strömen zu jedem Konzert heute Hunderte Menschen aus der ganzen Umgebung herbei. Sie lieben neben der immer qualitativ hochwertigen Musik vor allem auch die Leidenschaft, Unkompliziertheit, Unmittelbarkeit, Erschwinglichkeit (Karten kosten elf Euro) und Authentizität im La Courroie.

Kein Wunder, dass sich in diesem Jahr auch das legendäre französische Label Harmonia Mundi in den Ort verliebte. Gerade hat das Label seine musikalische Newcomer-Reihe wiederaufgenommen: Zusammen mit dem Sender France Musique hatte Harmonia Mundi die Reihe vor mehr als 20 Jahren begonnen. Damals präsentierten sich junge, unbekannte Interpreten erstmals vor dem Aufnahmemikrofon einer Öffentlichkeit. Sie trugen Namen wie Isabelle Faust, Piotr Anderszewski, Xavier de Maistre, Annette Dasch oder Alexander Melnikov. Mit der Reihe „Harmonia Nova“ setzt das Label die Tradition nun fort, und die Namen der fünf Ensembles, die zur Eröffnung der Reihe ihre Debütalben einspielten, sollte man sich gut merken! Dabei ist die Spannbreite groß: Zum einen sind da traditionellere Formationen wie das feurige katalanische Streichquartett Quartet Gerhard, das sich neben Schumann auch an Kurtág und Alban Berg wagt, das Cello-Klavier-Duo Bruno Philippe und Tanguy de Williencourt, Ersterer gefeierter Preisträger des ARD-Wettbewerbs 2014, oder der Geiger Marc Bouchkov mit seinem Pianisten Georgiy Dubko, die sich unter anderem als erste der Einspielung eines gerade frisch entdeckten Frühwerks von Eugène Ysaÿe annahmen: der Légende norvégienne.

Doch Harmonia Mundi ist bei seinen Neuentdeckungen offen für sogar noch außergewöhnlicheres Repertoire: Auf einem Album stellt die Capella Sanctæ Crucis  bisher unveröffentlichte liturgische Musik aus dem portugiesischen Kloster Santa Cruz in Coimbra vor, auf einem weiteren präsentiert das Ensemble The Curious Bards traditionelle weltliche und volkstümliche Stücke aus dem Irland und Schottland des 18. Jahrhunderts. Die Musiker studierten in Lyon, Paris und Basel Alte Musik, spielten aber auch in einem Irish Pub auf, wo sie sich kennenlernten und auf die Idee kamen, sich dieser vergessenen historischen Schätze anzunehmen. Das Ergebnis ist zugänglich, mitreißend und hochwertig zugleich.

Alle fünf Ensembles fanden in La Courroie zunächst eine Heimat zur Aufnahme ihrer Alben. Oben wird in kuschligem Ambiente gewohnt – natürlich bekocht von Alice und Chantal –, unten im Saal wird aufgenommen, in einem Nebenraum kann abgehört werden. Das Equipment ist da, nur der Tonmeister muss anreisen. In den Pausen werden wilde Kämpfe auf Tischtennisplatte und Tischkicker ausgefochten – oder einfach vom Balkon in den Fluss gesprungen, denn der fließt direkt unter dem Gebäude durch. Ein altes Mühlrad zeugt von der frühindustriellen Vergangenheit. Die jungen Musiker sind völlig begeistert von diesem Rückzugsort, der mehrere Tage absolute Konzentration erlaubt.

Und wenn das Album dann fertig ist, kann vor Ort gleich auch noch konzertiert werden. Im Oktober gaben die Newcomer ein kleines Festival in La Courroie: zwei Tage, fünf Konzerte – alle voll, alle bejubelt. „Hier ist alles ein Abenteuer!“, lacht Chantal und bereitet den Nachtisch vor. So sieht er wohl aus, der kleine Garten Eden der Musik!

Weitere Informationen zu La Courroie unter www.lacourroie.org
Weitere Informationen zur Reihe Harmonia Nova unter www.harmoniamundi.com

Share

Kommentieren Sie diesen Artikel

*

*

Ihre Email-Adresse wird nicht publiziert. Pflichtfelder sind markiert mit *