Der NDR ist wie der HSV

Thomas Hengelbrock verlässt den NDR. Das war überfällig. Klug war es dennoch nicht.

Von Axel Brüggemann

Es ist irritierend, was da gerade in Hamburg abläuft. Die Elbphilharmonie kann sich vor Interessenten kaum retten, kann es sich sogar leisten, ihr Jahresprogramm für eine „Schutzgebühr“ von 3,50 Euro zu verkaufen. Derweil kracht es im Gebälk des Heimat-Orchesters gewaltig: Erst der Abgang der Managerin Andrea Zietschmann zu den Berliner Philharmonikern, und nun die Trennung vom NDR-Chefdirigenten Thomas Hengelbrock. Ein Abgang, bei dem – bis jetzt zumindest – wenigstens die Form gewahrt bleibt: Man hätte viele „erfolgreiche Jahre“ mit Hengelbrock verbracht, sagte der NDR, der Dirigent wolle sich „um Neues“ kümmern und würde sicherlich nach Hamburg zurückkehren.

Aber die Presseaussendung des Senders kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass irgendwas gerade verdammt schief läuft beim Radioorchester. Zumal nun schon am 23. Juni ein Nachfolger bekanntgegeben werden soll. Wir haben an dieser Stelle schon vor der Eröffnung der Elbphilharmonie die Frage gestellt, ob es für das NDR-Orchester nicht schwer wird, sich zu behaupten.

Ob der Klassenunterschied zu den großen Gastorchestern nicht schnell offenbar wird – und der Mythos, den das Ensemble in der Hamburger Musik-Provinz hatte, bröckeln wird. Immerhin hat die Berliner Philharmonie die Berliner Philharmoniker, der Musikverein in Wien die Wiener Philharmoniker und auch das Concertgebouw in Amsterdam verfügt über ein Weltklasse-Orchester. Die Elbphilharmonie hat voll und ganz auf das NDR-Orchester gesetzt. Die Crux ist, dass Intendant Lieben-Seutter bei Gastspielen großer, internationaler Orchester in der Regel draufzahlen muss, da die Gagen, Reisekosten und Organisation niemals durch Ticketpreise gedeckt werden kann. Ertrag bringend sind lediglich die Konzerte des Heimatorchesters. Und das zahlt schon jetzt gewaltig drauf: die Miete ist in der Elbphilharmonie um fast das Dreifache gestiegen. Bezahlt durch GEZ-Gebühren.

Der Abgang hinterlässt einen Beigeschmack

Lange wurden Kritiker, die diese Zusammenhänge aufgezählt haben, als „Nestbeschmutzer“ beschimpft. Hamburg wollte sich seine gute Elphi-Laune nicht verderben lassen. Der Masterplan war klar: Das NDR-Orchester bekommt einen neuen Namen, sollte Hausherr werden – und Thomas Hengelbrock der heimliche Hausherr der neuen Luxus-Immobilie. Der NDR hat in seinen Programmen genau in diese Richtung berichtet, niemals selbstkritisch, stets mit dem Auftrag, das eigene GEZ-Ensemble im guten Licht dastehen zu lassen.

Aber schon mit der überdimensionierten und nicht immer souveränen Eröffnungs-Veranstaltung der Elbphilharmonie haben Hengelbrock und sein Orchester vor der versammelten Welt-Klassikszene am eigenen Image gekratzt: das Programm zu steif, die Interpretation zu wackelig, der Auftakt zu gewollt. Man konnte hören, dass das Orchester in den letzten Jahren vielleicht innovative Programme gestemmt, aber am eigenen Klang kaum gearbeitet hat. Hengelbrock hat dem NDR-Orchester einen intellektuellen Anstrich gegeben, die großen Visionen aber nur selten in Klang umgesetzt.

Nun also beenden der Dirigent und das Orchester die gemeinsame Zusammenarbeit. Das ist auch deshalb erstaunlich, weil diese Kooperation noch bis vor wenigen Wochen mit der für das neue Hamburg typischen Superlativ-Propaganda gefeiert wurde. Man hätte gemeinsame Visionen. Man sei auf einem spannenden Weg. Die neuen gemeinsamen Chancen würden eine intensive Arbeitsphase einläuten. Der NDR hat Hengelbrock ins nationale Fernsehen gehievt, um seinen Dirigenten und sein Orchester zu promoten. Glaubt man der Pressemeldung des NDR-Orchesters, war den Verantwortlichen schon als sie diese PR-Kanonaden abfeuerten klar, dass ihr Dirigent gehen wird – denn der habe den Sender schon vor einigen Wochen über seine Entscheidung informiert.

Überfällige Trennung

Die Trennung von NDR und Hengelbrock war überfällig. Nun kommt sie zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Der Chefdirigent hat alle Aufmerksamkeit der Elbphilharmonie-Eröffnung auf sich gezogen – eine Chance, die sein Nachfolger nicht mehr haben wird. Sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin werden bei Null anfangen müssen und die von Hengelbrock, der NDR-Führung und der Hamburger Kulturpolitik verpasste Chance auf große öffentliche Aufmerksamkeit im Zuge der Eröffnung nicht mehr nachholen können. Das ist zumindest ärgerlich. Und macht es nicht leichter, einen geeigneten Hengelbrock-Nachfolger zu finden.

Andere Orcherster waren da in den letzten Monaten und Jahren klüger und zeitgemäßer: Das Gewandhaus, dem der Coup gelungen ist, Andris Nelsons zu verpflichten, das SWR-Orchester, das mit Theodor Currrentzis neue Wege geht, das BR-Orchester mit seiner Dirigenten-Legende Maris Jansons – es wird schwer, für den Sender aus dem Norden, diesen Namen einen eigenen neudenkenden Chef entgegenzusetzen, der die Größe und das Format hat, in täglicher Kleinarbeit die Qualität des Orchesters zu verbessern und gleichzeitig genügend Strahlkraft, damit das NDR-Orchester in Zukunft auf Augenhöhe mit der Architektur seines neuen Wohnzimmers musizieren kann. In drei Tagen werden wir mehr wissen. Aber ein bisschen gleicht der NDR dem HSV: Personalwechsel machen noch keine Neuerfindung der Strukturen.

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Kommentare

  1. Nico
    20. Juni 2017 at 14:07

    Ich hoffe die Entscheidungsträger kommen zur Besinnung und beschränken sich bei der Wahl auf das Wesentliche. Der notwendige Quantensprung wäre zeitnah nur durch die massive Erhöhung des Etats möglich. Und wie wir gesehen habe, reicht bei den ÖR das Geld nicht für die Champions League. Warum nicht eine Lösung wie Antonello Manacorda? Jetzt sollte eine langfristig tragbare Lösung mit Perspektive entwickelt werden. Vielleicht wäre das der Beginn einer neuen Ära. Ich bin gespannt. Am Freitag sind wir schlauer.

  2. Mittwoch, 21. Juni: G20-Gefangene können kommen, Kreuzfahrer sollen zahlen, HSV mit Erfolg, Elbphilharmonie mit neuem Dirigenten – Tagesjournal

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