Der neue iKlang

Esa-Pekka Salonen in einer Szene seines Werbefilms, den er für Apple drehte.

Es tut sich was: Nachdem sich der Computergigant Apple des Themas Klassische Musik angenommen hat – und mit „Mastered for iTunes“ eine neue digitale Klangqualität anbietet, ­kommen auch die großen Labels mit entsprechenden Angeboten für Tablets und Smartphones. Dirigent und Komponist Esa-Pekka Salonen spielt dabei den Botschafter.

Anfang des Sommers bekamen wir die Möglichkeit, im Londoner Studio des Audio-Herstellers Bowers & Wilkins der neuen Klangqualität des Computerriesen Apple zu lauschen. Das Zauberwort hieß: „Mastered for iTunes“. Zu deutsch: Apples Portal zum Downloaden digitaler Musik bietet einen sehr großen Teil seiner Tracks in neuer, stark verbesserter Klangqualität an. Selbst historische Aufnahmen, wie beispielsweise einige Alben von Maria Callas, wurden von den Tontechnikern neu formatiert.

Das ist insofern sehr positiv, weil sich viele Fans von klassischer Musik eben genau darüber beschwert hatten: Die Qualität bestimmter Aufnahmen hatte vor allem bei den Feinheiten gegenüber der CD deutliche Schwächen. Das Downloaden von klassischer Musik hing der von populärer Musik auch in den Verkaufszahlen stark hinterher. Viele Labels erzählten von einstelligen Prozentzahlen, die das Geschäft mit digitalen Downloads ausmache. Doch Apple, Künstler und Labels scheinen dies gerne ändern zu wollen, denn der Downloadmarkt ist am Ende ein sehr großer, wie man am Beispiel des Apple-Portals erkennen kann: Der iTunes Store ist eine Art Super-Dussmann. Es gibt mehr als 37 Millionen Songs, über 10.000 Musikvideos, mehrere zehntausend Hörbücher, über 65.000 Filme (zum Ausleihen und Kauf), über 250.000 TV-Episoden und mehr als 500.000 Apps speziell für das iPad. Seit dem Start des iTunes Store im Jahr 2003 wurden mehr als 25 Milliarden Songs heruntergeladen.

Nur bekamen die Künstler bisher oft Gänsehaut, wenn sie ihre Recitals in digitaler Form wiederfanden und daraufhin bewertet wurden. Der Konzertsaal Computer und Smartphone war bisher ein nur bedingt geliebter Begleiter. Da scheint die neue Technologie ein wahrer Segen: Violinistin Janine Jansen behauptet, es sei bei ihrem ersten Test unmöglich gewesen, die Studioaufnahmen von der ‚Mastered for iTunes‘-Version zu unterscheiden. Gitarrist Miloš Karadaglić sieht sogar eine neue Dimension: Es gebe absolut gar keinen Qualitätsverlust im Vergleich zur CD. Die Aufnahme der französischen Pianistin Hélène Grimaud von Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 Emperor mit der Staatskapelle Dresden wurde zum Beispiel für die iTunes Classical Essentials ausgewählt. Grimaud sagt dazu: „Für das Verständnis der Vision Beethovens und die heroischen Themen in seinem fünften Klavierkonzert ist bestmögliche Klangqualität erforderlich.“ Deshalb freue sie sich, dass iTunes die Aufnahme in diese besondere Serie einbezogen hat. Auch Anna Netrebko äußerte sich schon zum Thema: Sie applaudiere für das Engagement und dafür, klassische Musik einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Ihr Statement endet mit einem Netrebko-typischen „Bravo“. Selbst Manfred Eicher ist anscheinend überzeugt: Der Gründer des Labels ECM hat bereits 15 Alben ausgewählt, die jetzt erstmals mit neuem, für iTunes optimiertem Mastering erscheinen – darunter Klassiker wie Tabula Rasa von Arvo Pärt oder Officium Novum von Jan Garbarek / Hillard Ensemble.

Ortswechsel: Apple-Store am Kurfürstendamm Berlin. Im ersten Stock des riesigen Anwesens sitzt der Dirigent Esa-Pekka Salonen. In dr Hand hält er ein iPad Air. Sein eigenes iPad, und das ist schon allein eine News. Denn viele Dirigenten aus der alten Schule lehnen die moderne Technik komplett ab. Ein Mariss Jansons, der seinem Orchester mit einem iPad unter dem Arm Anweisungen gibt, ist eine komische Vorstellung. Bei Salonen aber wirkt es authentisch. Und er hat auch eine eigene App im Gepäck: Sie nennt sich „Das Orchester“, und man kann sie im iTunes Store kaufen. Es ist eine Art Film-Dokumentation, in der man einzelne Kapitel selbst zusammenstellen kann. Salonen sagt, er wolle mit solchen Apps die klassische Musik greifbarer machen, natürlich vor allem für das junge Publikum. Marktforschung betreibt der Dirigent da gleich in der eigenen Familie. Seine Teenager-Tochter studiert in New York und ist bisher eher in der Heavy-Metal-Szene zu Hause. Er weiß also, dass die Jugend ihre Informationen und Unterhaltung aus dem Smartphone bezieht. Nur, dass ihr Vater für einen Werbespot von Apple auf riesigen Plakaten zu sehen war, fand sie nicht ganz so glücklich. Sie hatte das Gefühl, ihre Street Credibility sei hier gefährdet, sagt Papa Salonen schmunzelnd, und man merkt hier, wie sensibel es ist, zwei Generationen zusammenzuführen, ohne eine davon zu irritieren. Denn vor allem die klassischen Musiker selbst dürfen bei all dem technischen Aufwand nicht an Glaubwürdigkeit verlieren. Ein E-Cello ist für die meisten Konzertbesucher dann doch einen Tick zu viel.

Neben Salonen präsentierte soeben auch Rolando Villazón anlässlich der Salzburger Festspiele die erste Klassik-App des Labels Deutsche Grammophon. Sie nennt sich DG Discovery und bietet Abonnenten „unbegrenzten Zugang zu erstklassigen Aufnahmen und einem reichhaltigen Fundus an Hintergrundinformationen“. So behauptet es jedenfalls das Label. Wer die App auf seinem Mobilgerät gespeichert und ein Abo abgeschlossen hat, kann im Moment auf 450 Alben zurückgreifen, natürlich nur von Künstlern, die bei Deutsche Grammophon unter Vertrag stehen oder standen. Das Abonnement kann man monatlich oder jährlich abschließen, es kostet 3,99 EUR für das Ein-Monats-Abo und 31,99 EUR (entspricht 2,67 EUR pro Monat) für ein Jahres-Abo. Wie gesagt: Es tut sich was.

Was ist „Mastered for iTunes“?

Hinter Mastered for iTunes verbirgt sich ein spezielles Verfahren, das von Apple für die Endabmischung von Musikproduktionen entwickelt wurde. Es garantiert bestmögliche Klangergebnisse für Aufnahmen, die bei iTunes als Musikdateien im Format AAC angeboten werden. Apple verspricht, das Klangbild von Titeln, die mit Mastered for iTunes gekennzeichnet sind, besitze größere Transparenz, eine höhere Dynamik und weniger Verzerrungen als auf herkömmlichen CDs realisierbar.
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