Der schwere Weg der jungen Sänger

Unser Kolumnist war neulich beim Bachelor-Konzert des jungen Baritons Äneas Humm. Sicher, dessen Stimme war spannend. Spektakulär aber war auch der Smalltalk in der Pause.

Von Axel Brüggemann

Alles ist etwas schlicht, und es riecht ein bisschen nach Bohnerwachs in der Bremer Musikhochschule. Eine kleine Bühne, einige Stuhlreihen. Aber immerhin: Es werden ständig neue Sitze in den Saal getragen, ein Teil des Publikums nimmt auf grauen Tischen platz, die hinter den Reihen an der Wand stehen. Derartiger Andrang ist bei einem Bachelor-Konzert nicht alltäglich. Aber heute schließt der Bariton Äneas Humm die Zwischenetappe seines Studiums in Bremen ab. Nach den Sommerferien wird er die Hansestadt verlassen und an die renommierte Juilliard-School nach New York wechseln. Der Termin seines Abschlusskonzertes hat sich wie ein Stille-Post-Spiel in der Stadt herumgesprochen. Und tatsächlich hat sich das  Who is Who der Bremer Musikszene ein Stelldichein gegeben: Der Chefdramaturg des philharmonischen Orchesters ist da, der Intendant des Bremer Musikfestes, einige Stadtpolitiker, allerhand Professoren, die Familie aus der Schweiz – und natürlich zahlreiche Kommilitonen.

In den Gängen der Musikhochschule findet vor dem Auftritt und in der Pause das etwas amüsante „Ich habe ihn als erster entdeckt“-Spiel statt. Die Wahrheit ist allerdings, dass der Schweizer Sänger seiner Lehrerin Krisztina Laki nach Bremen gefolgt ist, und dass er die Stadt nun wieder verlässt – ebenfalls für eine Lehrerin, für Edith Wiens in New York. Die Möglichkeiten, die ihm das Bremer Theater gab, waren auch eher bescheiden. Humm sang allerdings bei einigen philharmonischen Konzerten, trat in Osnabrück auf, im Bremer Umland und immer wieder in seiner Heimat, in der Schweiz.

Es soll in diesem Text allerdings weniger um die Geschichte des Baritons Äneas Humm gehen. Vielmehr geht es darum, wie Sänger- oder Musikerkarrieren heute verlaufen. Was sich verändert hat. Und um die Frage, ob all das immer alles optimal ist.

Wie entdecken wir Stimmen?

Das Bachelor-Programm, das Humm sich ausgesucht hat, ist – um es neutral auszudrücken – anspruchsvoll: Lieder von Mendelssohn, Schumann, Berg und Ullmann. Bereits in den Pausen wird nur in Superlativen geredet. Neben dem „Entdecker“-Spiel verraten einige Anwesende nun auch ihre Pläne, die sie mit „diesem jungen Genie“, mit dieser „Stimme, die in einer eigenen Liga spielt“, mit „diesem Wunderknaben“ haben. Es sind große Pläne: Einer will den Sänger an die Mailänder Scala vermitteln, ein anderer ihn in großen Opern auftreten lassen und wieder ein anderer scheint das PR-Konzept für Äneas Humm bereits ausgetüftelt zu haben.

Der Sänger selber verrät im Vorwort zu seinem Bachelor-Konzert, dass er das Singen nicht wegen des Rampenlichts genieße, sondern dass es ihm allein um die Musik, die Komponisten, die großen Meister ginge – und um die Möglichkeit der Kommunikation. Und die beherrscht Hmmm auch in seinen kleinen Lied-Erklärungen. Humm weiß, was man sagt, und er scheint auch seinen Marktwert zu kennen. Tatsächlich lässt sich einer wie er sicherlich irgendwann prächtig vermitteln und an große Häuser bringen – auf die Bühne und ins Rampenlicht. Seine Stimme ist beachtlich: Volltönend, erzählerisch, ausdauernd, auch der anspruchsvollen Technik des Repertoires meistens gewachsen. Aber er ist noch lange nicht fertig, nicht ausgereift. Die Entspannung in der Tiefe die Leichtigkeit der Höhe, vor allen Dingen aber die Sicherheit bei der Gestaltung, die letzte Freiheit von den Noten, das Schweben über den Dingen – all das ist im Ansatz zwar zu hören, aber eben auch, dass es auf den weiteren Schliff, auf die natürliche Reife, auf die nötige Selbstverständlichkeit wartet.

Der Bariton von Äneas Humm ist bei seinem Bachelor-Konzert tatsächlich eine Entdeckung. Aber es gab an diesem Abend auch eine ganz andere Erkenntnis: Es gibt viele Menschen – einige Lehrer, selbsternannte Förderer, aber auch im Tagesgeschäft stehende Manager –, die beim jungen Schweizer nicht nur eine außerordentliche Stimme wahrnehmen, die es behutsam zu fördern gilt, sondern die bereits ein Geschäftsmodell aus Ruhm, Ehre, Glanz und Kohle im Kopf haben.

Das Zeitalter der Extreme

Ich habe allerhand Stimmen gehört, die nicht schlechter als die von Äneas Humm waren. Junge Sängerinnen und Sänger, die in München, in Hamburg oder in Linz studieren. Stimmen, die allerdings noch nicht als „Geheimtipp“ gehandelt werden. Junge Musiker, die auch am Ende ihres Studiums noch nicht wissen, wie es eigentlich weitergeht. Die zwar die ein oder andere CD bei kleinen Labels aufgenommen haben, die Bewerbungen schreiben – direkt an Stadttheater oder an Agenturen. Und: die nicht einmal eine Antwort bekommen.

Das Phänomen zwischen Hype und Nicht-Wahrnehmung ist keines, das nur am Anfang von Karrieren steht. Es ist auch bei etwas älteren Sängern zu beobachten. Der Markt konzentriert sich auf eine Hand voll (lassen wir es zwei Hände voll sein) Superstars. Um sie dreht sich der Klassik-Zirkus. Sänger in Oldenburg, in Wiesbaden, in Halle oder in Dresden mit mindestens ebenso guten Stimmen, werden inzwischen weitgehend vergessen: Von anderen Intendanten, von der Plattenindustrie und von uns Kritikern.

Warum ist das so? Sind unsere Intendanten, unsere Dramaturgen, unsere Plattenfirmen einfach zu faul geworden? Die Wahrheit ist: Wahrscheinlich schon! Bis auf die ganz großen Häuser und Firmen hat kaum noch ein Haus „Späher“, Menschen, deren Aufgabe es ist, tagtäglich in kleineren Häusern zu sitzen, die Ohren aufzusperren und nach vielversprechenden Stimmen Ausschau zu halten. Wenn an einem Stadttheater die die Stimme in einem bestimmten Stimmfach fehlt, lassen sich der Intendant oder der GMD gern von ihrer eigenen Agentur drei oder vier Sänger schicken, von denen sie dann einen einstellen. Und, ja, selbst die Journalisten, die einst für überregionale Zeitungen in vielen, auch kleineren Häusern saßen, kommen heute kaum noch raus: Kaum ein Blatt berichtet noch über Premieren in Osnabrück, Bremerhaven, Nürnberg oder Essen, wenn nicht zufällig gerade eine Skandal-Regie auf dem Programm steht.

Warum hören wir nicht mehr hin?

Das Stadttheater, das vor 15 Jahren noch der logische Schritt nach dem Studium war, ein Ort, an dem man weiter ausgebildet, mit der Praxis vertraut wurde, dass „der Lappen“sich jeden Abend heben muss, an dem sich ein GMD um einen Sänger und sein Repertoire gekümmert hat– all das ist Vergangenheit. Vergangen auch, dass die großen Rollen aus dem Haus besetzt wurden, dass eine Traviata, ein Lohengrin oder eine Turandot Traumziele nach dem Studium waren. Heute werden diese Rollen oft nur noch von Gästen gesungen.  Zusammengefasst könnte man sagen: Weder die Intendanten noch die GMDs und auch nicht die Journalisten haben derzeit den Mut, die Zeit und die Muße, Stimmen zu entdecken und zu fördern, bis sie wirklich langfristig auf dem freien Mark bestehen können. Eine der letzten Ausnahmen dieser Regel war sicherlich Jonas Kaufmann, der in Saarbrücken sang, bevor seine internationale Karriere begann.

Sicher ist, dass das alte System der Gesangsausbildung, die an der Hochschule beginnt und am Stadttheater fortgesetzt wird, schon lange nicht mehr existiert. Der logische Weg für gute Sänger von den Hochschulen an die Stadttheater, vielleicht weiter zu einem größeren Stadttheater und dann in die freie Karriere, ist ein Auslaufmodell (Ausnahmen sind einige durchaus gute Opernstudios). All das hat verehrende Konsequenzen: Junge Sänger müssen heute nicht nur gut singen, sie müssen tatsächlich schon sehr früh (vielleicht zu früh!) Verantwortung für ihre Karrieren übernehmen. Entweder, indem sie nicht müde werden, immer wieder neue Bewerbungen zu schreiben oder sich durch kleine Aufführungs-Projekte, eigenes Marketing oder unbeirrbares Weitermachen ein bisschen Aufmerksamkeit zu erkämpfen. Oder aber sie müssen, wenn sie plötzlich zu einem „Geheimtipp“ werden, höllisch aufpassen, dass sie den Verlockungen – oft auch von erfahrenen Stimm-Managern – nicht erliegen.

Mehr Lust auf Abenteuer, bitte!

Äneas Humm scheint derzeit alles richtig zu machen. Er wird nach dem Sommer erst einmal nach New York verschwinden. Dort wird er sicherlich nicht mehr „in einer eigenen Liga“ singen, so wie in Bremen. Dort wird die Welt noch größer für ihn werden, dort wird er ganz oben in der Spitze dabei sein, dort wird er seine alten Freunde aus Bremen, die es all zu gut mit ihm meinen, dann nicht mehr unbedingt brauchen. Seine Lehrerin an der Juilliard School wird schon auf ihn aufpassen – und wir werden, wenn alles gut geht, in drei, vier oder fünf Jahren wieder von ihm hören.

Das aber ändert nichts an dem System, mit dem wir es inzwischen zu tun haben: Vielen Opernschaffenden fehlt es schlichtweg an Zeit, Raum und an Mitteln, neugierig zu bleiben, auf Entdeckungsreise zu gehen und gemeinsam mit Sängern mittelfristig an einem gemeinsamen Weg zu arbeiten. Die Last wird den Lehrern und vor allen Dingen den Sängern selber übertragen. Das Absurde ist, dass diese neue Welt des Nachwuchses leicht in unterschiedlichen Extremen endet: Entweder ein „Geheimtipp“ wird von so vielen Beratern, Häusern, Agenturen und Gönnern umgarnt, dass er schnell überfordert wird, oder viele große Stimmen werden schlichtweg gar nicht erst wahrgenommen. Ein Mittelweg wäre sicherlich wünschenswert. Weil er auch die Vielfalt erweitert, die Neugier, das Spektrum und den Entdeckerwillen des Publikums. Es ist an der Zeit, dass wir das wieder erkennen, um durch Neugier und Engagement gegenzusteuern.

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Kommentare

  1. Armand de Bussy
    10. Mai 2017 at 09:19

    Ich finde den Artikel von Herrn Brüggemann trifft auf den Punk die jetzige Lage der Entwicklung der jüngeren Singer in unserer Zeit.

  2. 10. Mai 2017 at 10:37

    Der Entdeckerwille das Publikums kann heute als Regulativ für fehlende Förderung im professionellen Bereich funktionieren! Im live-Konzert, Youtube, Video-Streams entdeckt man eigenständig begeisternde Nachwuchskünstler, kann mehr von ihnen finden und erfahren, über soziale medien mit ihnen in Kontakt treten und dann – was ich gerne tue – mit fundierten Wikipedia-Artikeln auf sie aufmerksam machen.
    So gewinnt das Publikum immer mehr an Bedeutung!

  3. 10. Mai 2017 at 14:10

    Ja, stimmt!
    Publikum empfindet gut. Und es ist kostenlos.
    Man könnte Beifall in Dezibel messen und publizieren.
    Es ist ja einfacher, als Agent, ein paar Stars hochzujubeln als auf Entdeckertour zu gehen.
    Vielleicht sollten Opernfans weltweit ein Netzwerk gründen. Z.B. “Drama per Musica”
    Auf dieser Plattform können dann YouTube Entdeckungen ausgetauscht werden.
    Auf YouTube kann sich ja jeder Sänger mal produzieren und präsentieren.
    Einmal im Jahr sollte dann ein Fernsehsender die besten daraus auswählen und antreten lassen. Europa sucht den den Opernstar.
    Nutzen wir die Medien besser mit denen wir jeden Tag unsere Zeit verbringen.
    Das macht sogar Spaß. Kann man ja mal drüber nachdenken und verfeinern.

  4. Ingeborg Fischer-Thein
    16. Mai 2017 at 06:03

    Leider sind das die traurigen Wahrheiten. Wann endlich wachen die Verantwortlichen auf und erkennen die Notwendigkeit zum Handeln???

  5. 16. Mai 2017 at 14:09

    Ein nachdenklich stimmender Artikel – viele Wünsche bleiben offen. An welcher Stelle aber kann der Sänger, die Sängerin selbst Einfluss nehmen? Im Persönlichkeitstraining können junge Künstler ihre innere ganz klare Ausrichtung spüren und stärken, Selbstvertrauen entwickeln und mutig werden mit eigenen Aktivitäten dafür zu sorgen, voran zu gehen. Wer tief in sich selbst gegründet ist, geht seinen Weg und kommt da an, wo er/sie hinmöchte!
    Ich kann das von Herzen empfehlen, was ich selbst erlebt habe.
    Christel Veciana

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