Die “Elphi” ist kein Trump-Tower

Die öffentliche Diskussion um die Elbphilharmonie wird mit allen Mitteln geführt – oft auch unter der Gürtellinie. Warum ist das so? Weil Musik zum Glück noch immer emotionalisiert. Aber auch, weil die Hamburger in ihrer PR-Strategie unhaltbare Versprechen gemacht haben.

Von Axel Brüggemann

Kaum ein anderes Klassik „Event“ (und, ja das schreibe ich hier bewusst) in Deutschland hat so viel Aufmerksamkeit generiert wie die Eröffnung der Elbphilharmonie. Tagelang waren Zeitungen, Live-Blogs und Kommentarspalten gefüllt. Das Erstaunliche war die energische Wucht vieler Kritiken und Meinungen: Nicht nur das Bau-Finanz-Desaster der Vergangenheit spielte eine Rolle, sondern auch die Eröffnungszeremonie, die Künstler und – natürlich – die Akustik. Eigentlich war so ziemlich alles zu lesen, von der „Elphi“ (diese Abkürzung sagt schon viel darüber aus, dass wir sie unbedingt liebgewinnen wollen!) als einmaligem Konzerthaus und bestem Raum für Kultur überhaupt bis zum bitterbösen Abgesang: Akustik-Vernichtung und, vor allen Dingen: Kritik am NDR-Heimorchester, das von der „Süddeutschen“ über die „Welt“ bis zur „FAZ“ mehr oder weniger abgewatscht wurde.

Kleine Presseshow

Den Auftakt machte, noch in der Nacht der Eröffnung, Manuel Brug von der „Welt“, der – mit spürbarem Bedauern und fühlbarer Rage – titelte „Weltklasse geht leider anders“. Dafür, dass er die Akustik kritisierte, wurde er von den Elbphilharmonie-Fahnenschwenkern sofort in bitterbösen Kommentaren abgewatscht. Übrigens ein Phänomen der letzten Tage: Wer Kritik anmeldete, wurde als „Spielverderber“, „Meckerer“ oder „Motzer“ abgestempelt – so als sei Kritik in der Kultur nicht vorgesehen (eine Frage wäre, warum die PR-Abteilung den Kritikern der großen Zeitungen dermaßen schlechte Plätze zugewiesen hat). Auch auf meiner Facebook-Seite, wo ich die Frage stellte, ob eine freudige Eröffnung ohne Politiker-Reden nicht sinnvoller gewesen wäre als die eher getragene, gedeckte und unglaublich ernste (dafür fehlte die Qualität des Orchesters) Veranstaltung, die Klassik nach allen Klassik-Klischees zelebrierte, wurde sofort heruntergebürstet, etwa von Bass-Bariton Thomas Quasthoff, der mich fragte, ob wir nicht einfach mal feiern können – und dass ihn derartige Debatten nerven (Ausrufezeichen, Ausrufezeichen, Ausrufezeichen!!!).

Die Seite niusic.de hat die aktuellen, oft untergürteligen Reaktionen im Text „Ode an den Hass“ ganz gut zusammengefasst und sich darüber gewundert, warum vor allen Dingen in den sozialen Netzwerken so viele Mistkübel ausgegossen wurden (nicht nur über der Elbphilharmonie, sondern auch über die Politiker, die Musik an sich und das Prinzip der Subvention). Und, klar, es gab auch humorvolle Spitzen, etwa auf dem Bad Blog of Musick von Moritz Eggert, wo einer seiner Kollegen beschrieb, wie es „wirklich war“ und dabei nicht nur Manuel Brug als „Raupe Nimmersatt“, sondern auch Barbara Schöneberger und den gesamten Elbphilharmonie-Hype herrlich ad absurdum führte. Brug selber legte einige Tage später in seinen „Klassikern“ noch einmal ernsthaft nach, indem er  dem Veranstalter und der „Zeit“ vorwarf, unlauteren Journalismus betrieben zu haben. Natürlich erntete er auch für diese durchaus diskussionswürdige Frage erneut nur Spott und Hohn.

Grunsätzlich ist es ja gut, dass wieder eine derart breit gefächerte, leidenschaftliche und nicht allein auf die Klassik-Blase reduzierte Debatte stattgefunden hat. Denn die Themen, die diskutiert wurden, sind zum großen Teil tatsächlich diskussionswürdig: Akustik, Qualität des Orchesters, Idee des Programms, Baukosten.

Schlechte PR

Dass die Diskussion ausgeartet ist, wie es niusic.de beschreibt, ist nicht wirklich verwunderlich: Seit Jahren hat die Elbphilharmonie gemeinsam mit der Stadt Hamburg und dem NDR eine gigantische Medienkampagne gefahren, deren Stoßrichtung klar war: „Die Elbphilharmonie ist größer, besser, schöner und wichtiger als alles, was je in der Klassik getan wurde!“ Wer daran zweifelte, wurde sofort als Spielverderber rausgeworfen. Aber indem man Kritiker (seine es Journalisten oder Privatleute), die recherchieren oder nachfragen  diskreditiert, tut man der Kultur generell nichts Gutes. Etwas mehr Souveränität hätte der ganzen Sache schon viel Wind aus den hanseatisch steifen Segeln genommen.

Fragen, die im Vorfeld (durchaus mit Sympathie gegenüber dem Projekt) gestellt wurden, sind von Seiten der Elbphilharmonie nicht nur nicht beantwortet worden, sondern wurden gern auch vom Intendanten selber, von Christoph Lieben-Seutter, in Chefredaktionen wahlweise als „Quatsch“ oder „Unsinn“ dargestellt. Etwa die Frage nach zukünftigen Programmen und den Kosten des laufenden Betriebes, die auch crescendo aufgeworfen hat. Fragen wie diese: Wird das NDR-Orchester als Hausorchester auch langfristig genügend Publikum locken (heute ist klar, dass andere Ensembles den Klang der Elbphilharmonie wohl besser ausschöpfen können). Und wenn nicht: wie soll das Haus dann funktionieren, wenn Ensembles wie die Berliner- oder Wiener Philharmoniker – egal bei welchen Eintrittspreisen – nicht kostendeckend sein können? Und ist es wirklich vertretbar, dass der NDR als Sender einen Großteil der laufenden Elbphilharmonie-Kosten tragen muss (ein Dreifaches gegnüber der Laeiszhalle. Wie soll man das den Gebührenzahlern erklären?) und sich gleichzeitig in der Pflicht sieht, das eigene Haus kritiklos medial zu begleiten?

Vielleicht ist es so, dass sich die überlebensgroße PR-Blase, die Hamburg in den Vormonaten der Eröffnung aufgepumpt hat, nun einfach rächt. Wo Erwartungen so hoch geschraubt werden, wie in der Elbphilharmonie, können sie am Ende nur enttäuscht werden. Und eine Kultureinrichtung, die strategisch versucht seriöse, kritische Fragen abzuwiegeln und sich über den „bedingungslosen Begeisterungs-Mob“ freut, lädt ganz natürlich Wut auf sich. Ein Teil dieser Wut scheint nun in einigen Artikeln, besonders aber im Netz ausgebrochen zu sein. Sie ist wohl auch nicht allein den „Spaßbremsen“, den „Besserwissern“, den „Beleidigten“ oder „Eifersüchtigen“ und ihrer tatsächlich oft im Ton vergriffenen Sprache anzulasten, sondern auch der bisherigen Marketing-Strategie der Elbphilharmonie selber, die geglaubt hat, Emotionen unterdrücken zu können. Aber ein Konzerthaus ist kein goldener „Trump Tower“,  dessen Kritiker einfach lächerlich gemacht werden können. Es gehört auch zur Verantwortung von Veranstaltern, die Streitkultur als Kultur zu bewahren und zu schützen.

Debatte kultivieren

Und dennoch war es schön, zu sehen, wie groß die Emotionalität bei Architektur und Musik noch sein kann. Und es ist nicht zu spät, sie in gute Richtungen zu lenken: Ein Haus für Musik (und Kultur generell) ist immer auch ein Haus des Diskurses, der offenen Kritik, der Debatte – über Geschmack, Werte, Leidenschaft. Ein Haus, in dem das Scheitern ebenso zur Regel gehört wie der Triumph. Es gibt kein Konzerthaus in der ganzen Welt, in dem jeden Abend perfekte Veranstaltungen stattfinden – nicht in Wien, nicht in New York und, nein, auch nicht in Hamburg. Das einzugestehen, mehr noch: das auch einem eventuell neuen Publikum klar zu machen, zu sagen „Wir machen Musik, die ist jeden Abend anders“, das wäre an dieser Stelle wichtig gewesen.

Die Elbphilharmonie, der NDR und alle, die auch heute noch eiben Superlativ nach dem anderen raushauen, müssten verstehen, dass das wirklich Spannende an der Musik ist, dass sie nicht planbar ist, dass sie immer aktuell, jeden Abend zu neuen Debatten anregt. Dass man nicht nur über sie streiten darf, sondern über sie streiten muss. In diesem Sinne ist die Musik wie ein Fußballspiel – nach einem 0:0 werden die Analytiker vielleicht über eine langweilige Partie jammern, aber am nächsten Tag sind wieder alle im Stadion.

Die Elbphilharmonie würde gut daran tun, nicht beleidigt zu sein, wenn einem Gast Mal was nicht gefällt, sondern die Debatte in das Konzept eines neuen Konzerthauses zu integrieren: Gemeinsam über das, was man hört, zu sprechen, darüber, wie Musik sein kann, wie man sie aufführen will, welchen Wert für eine Gesellschaft sie haben kann. Dazu gehören natürlich Einführungen, dazu kann es gehören, schwere Programm zu vermitteln. Dazu muss auch gehören, offensichtliche Fehler – sowohl auf Seiten des Hauses als auch auf Seiten der Sender und Zeitungen, die unmittelbar an die Elbphilharmonie gebunden sind – offen zu diskutieren. Denn Lobhudelei in eigener Sache ist das falscheste, was man als Kulturveranstalter tun kann. Das schönste in der Kunst ist das Scheitern, denn es mach das Gelingen noch besonderer.

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Kommentare

  1. Michael Wünsche
    16. Januar 2017 at 21:21

    Lieber Herr Brüggemann,

    vielen Dank für den besinnlich moderaten Beitrag, dem ich zustimme. Ich hatte auch schon den Beitrag von Manuel Brug gelesen und fand ihn eigentlich ganz gut. Er hat halt seine Meinung geäußert, die durchaus nachvollziehbar war.

    Was mir bislang zu wenig diskutiert wurde an dem Thema ist die Akustik. Ich bin selbst Musikwissenschaftler arbeite aber heute als Tonmeister und war diesbezüglich besonders gespannt. Am Abend der Eröffnung bemühte ich meine HiFi-Anlage und gute Kopfhörer, in der Hoffnung, der NDR fängt etwas von der Akustik ein. Aufmerksam habe ich mir die Kommentare des Publikums in der Pause angehört, wo aber nur “sehr gute Akustik”, “schön”, “toll”, etc. zu hören war. Dann gab es noch einen Hinweis vom Dirigenten, der den Saal im leeren Zustand mit einer Kirche oder Kathedrale verglich. Ich weiß es nicht mehr. Und dann gab es noch Hinweise eines Kritikers und Akustikprofessors aus Hamburg, der beweisen wollte, dass der Raum zu groß für 2 Sekunden Nachhall ist.

    Gestern abend war ich dann noch im Forum tonthemen.de unterwegs, in der Hoffnung, dass sich dort Tonleute äußern.

    Jetzt möchte ich mal was dazu sagen! Besonders gut habe ich über meine Kopfhörer das Publikum gehört. Darüber war ich sehr überrascht. Aber auch ein bisschen traurig. Ich gehöre zur Gattung Publikum, welches eigentlich niemand anderes als die Musiker hören möchte.

    Aber in der Brillanz wie beim Eröffnungskonzert habe ich ein Publikum noch nicht gehört. Dummerweise eben dann, wenn die Musik spielt. Allerdings würde das eben zum Klangkonzept passen, dass man überall alles sehr gut hört. Und dann eben auch das Publikum. Herr Brug hat wohl die Hörner sehr gut gehört.

    Die weiße Haut scheint eben wenig zu absorbieren, und dafür alles wieder zurück an den Raum zu geben. So theoretisiere ich zumindest.

    Das Orchester klang über die Kopfhörer sehr flach und eng. Es konnte nicht atmen und hatte keine Tiefenstaffelung. Alles klang irgendwie platt. Ich hatte mir das alles etwas runder, luftiger plastischer und räumlicher vorgestellt. Aber nicht so. Für mich ist die hohe Kunst der Aufnahme oder Akustik, einen Klangkörper körperhaft und in Gänze kompakt mit all seinen Ausmaßen in einem nicht hörbaren Raum transparent darzustellen. Das verlange ich auch von einem Dirigenten und einer Tonübertragung. Ich hab’s hier jedenfalls nicht gehört.

    Auch die Qualität der Musiker und Solisten ist zu diskutieren.

    Alles in Allem war es nicht herausragend. Jedenfalls nicht so, wie es versprochen wurde. Ich finde auch, dass man die Beurteilung immer anderen überlassen sollte. Nicht den Kanonikern. Sondern dem Publikum. Auch den Kritikern. Da fällt auch die Diskussion des “Wahrzeichens” mit rein. Ob es eins wird, wird sich zeigen… Gibt es auch “Falschzeichen”?

  2. 17. Januar 2017 at 11:37

    Mir scheint es, dass die “Emotionalität” in den Diskussionen ein Zeitphänomen ist und nicht mit der Elbphilharmonie zusammenhängt. Zu glauben, es gäbe “die” perfekte Akustik halte ich für naiv. Jeder Raum hat seine Spezifika, die Interpretationen und Hörerlebnisse gestalten. Nun hat Hamburg zwei sehr unterschiedliche Säle; das ist ein Riesengewinn für die Stadt. Und dass ein Saal wie die Elbphilharmonie zu einer ganz neuen Qualitätsdiskussion in Hamburg führt ist nur zu begrüßen. Als Dirigent des Felix Mendelssohn Jugendsinfonieorchesters, dass als erstes Jugendorchester weltweit die Reihe der Familienkonzerte am 30.1. eröffnen wird, erlebe ich das bereits im Vorfeld. Noch nie war die Bereitschaft sich so detailliert und intensiv auf einen Auftritt vorzubereiten so groß. Präzision, Klarheit, Durchhörbarkeit ist nicht das alleinige und letzte Ziel von Klang. Aber der Wunsch nach noch tieferer Durchdringung, Intensität und auch emotionaler Präsenz im Musizieren ist doch phantastisch. Man wird auch in der Laeiszhalle Konzerte von neuer Qualität hören, gerade auch von den Hamburger Ensembles. Das Wunderbare ist, dass diese Architektur, dieser Saal, dieser Standort und auch das lange Warten, Kunst und die Frage nach ihrer Ausübung in die Mitte der gesellschaftlichen Diskussion geführt hat. Es bewegt die Menschen, hier und anderswo, und verändert das Leben und Denken der Stadt. Und das ist spannend.

  3. Lutz Thiele
    8. Februar 2017 at 13:55

    Man kann sich dem Artikel nur anschließen. Was hier vermarktet wird ist bei weitem nicht die Musikstadt Hamburg, sondern ein Haus, daß mit Touristen gefüllt werden soll. Die Musikstadt Hamburg ist nicht die Elpbhilharmonie, Musikstadt Hamburg sind die Komponisten der Stadt von CPE BACH, TELEMANN, MAHLER, MENDELSSOHN BIS ZU GUBAIDULINA… Hierfür sollte auch das Komponistenquartier gebührend Beachtung finden. Schade, daß insbesondere die “gekauften” Medien (Print und Rundfunk) die anderen Spielsätten als “Minderwertig” darstellen. Es geht doch nicht um die Gebäude, es geht um die MUSIKSTADT HAMBURG, um Musik, Künstler, die mit dem Herzen spielen. Jede Musik an jedem Ort ist wichtig und schön, sofern sie vom Herzen kommt/gespielt wird und das Herz des Zuhörers trifft. Wir sollten mehr Wert auf die Musikstadt Hamburg legen, als auf die Elbphilharmonie, die ein Teil dazu beitragen kann, aber nicht die anderen Spielstätten, Künstler, Veranstalter verdrängen sollte, was die Leitung leider sehr gerne tut. Es gibt soviele Spielstätten, die die gleiche Berechtigung haben , wie die Elbphilharmonie, manchmal noch viel mehr, da man viel intensiver mit den Künstlern verbunden ist. Aber vergessen sollte man nicht die vielen Künstler unserer Stadt, die mit Herz spielen/konzertieren, wir haben eine Hochschule mit hochbegabten Musikern, Sängern, Dirigenten, Komponisten, die international schon Ruhm erlangt haben und die noch Ruhm erlangen werden…wir haben Chöre und Orchester, die mit viel Engagement Konzerte geben und deren Musik vom Herzen kommt und vielmehr die Musikstadt Hamburg prägt als die Elbphilharmonie.

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