Die lange Macht des Pult-Giganten

Unser Kolumnist liebt das Gesamtkunstwerk in der Musik, mit den heutigen Dirigenten aber hat er so seine Probleme.

Eigentlich kann man es bleiben lassen, über den Beruf des Dirigenten zu schreiben oder zu lesen. Eigentlich braucht man nur eines zu machen: nämlich auf YouTube „Kleiber, Rehearsal, Fledermaus oder Freischütz“ einzugeben*. Dort zeigen kurze Schwarz-Weiss-Filme von 1970 den Dirigenten Carlos Kleiber bei der Probenarbeit mit dem Südfunk-Sinfonieorchester Stuttgart.  Diese Mitschnitte haben Seltenheitswert, denn Kleiber hatte (ähnlich wie Sergiu Celibidache) völliges Desinteresse an Medien und so gehören diese Proben zweifellos zum Schönsten und Erhellendsten, was es zum Thema Dirigent, zu seiner Arbeit und seiner Wirkung zu erfahren gibt.

Bei keiner anderen Berufsgruppe innerhalb der klassischen Musik spielt die Aura, das Charisma, ja spielt ein gewisser Mystizismus eine derart tragende Rolle wie bei jenem Mann (inzwischen gibt es auch Frauen wie Simone Young) auf dem Podium. Jener Eine ist es, der einzig kraft Körpersprache und Blickkontakt Musik zum Klingen bringt. Wobei es das Sonderbare am Dirigieren ist, dass der Dirigent auch der Einzige im Orchester ist, der kein Geräusch macht (!). Der Mann „dort oben“ hält, um es despektierlich zu sagen „den Laden zusammen“, und der besteht nun mal mitunter aus gut 80 Musikern.

Natürlich ist das ein Job für Alpha-Wölfe: Ein Dirigent „bestimmt“ schließlich Tempo, Dynamik, Lautstärke, Klangbalance; er gibt Einsätze, fordert Akzentuierungen und macht also alles, „was“ Noten erst zu Musik werden lässt. Dazu gibt es noch ein Wort, das man eher im Sadomaso-Bereich verorten sollte, das von der „Schlagtechnik“. Und so sind wir denn auch schon im dunklen Reich von Macht und Ohnmacht – das immer zu besonders heiklen Interpretationen und Spekulationen Anlass gibt – Blödsinn inklusive. Der kann mitunter sogar aus der Feder eines Nobelpreisträgers fließen: „Es gibt keinen anschaulicheren Ausdruck für Macht als die Tätigkeit des Dirigenten.“ Das schreibt Elias Canetti in „Masse und Macht“; und wenn man Dirigenten mit diesem Zitat konfrontiert (und sie kennen es alle) so wenden und winden sie sich mit Schaudern: Nein, mit Macht habe der Beruf doch nichts zu tun!

Das war vielleicht früher mal so. Zum Beispiel, als der von Richard Wagner protegierte Hans Richter Konzerte in Birmingham übernehmen sollte, und es zu einer lokalpatriotischen Kampagne kam, warum man denn diesen Posten  keinem Einheimischen übertrüge. Sarkastisch mischte sich damals der Dichter George Bernhard Shaw ein und plädierte für Richter: „Orchester braucht man nur anzuschnauzen, und ein Deutscher ist folglich dabei im Vorteil, da das Repertoire an Flüchen im Englischen sehr begrenzt ist.“ Über Dirigenten und Orchesterarbeit wurde von Autoren eben doch besonders viel Dummes verzapft. Noch ein letztes Beispiel dafür: In Frankfurt dozierte der Philosoph Adorno über den Typ des vom Publikum vergötterten Stabführers, man könne ihm auch zutrauen, „dass er wie der Diktator nach Belieben Schaum vor dem Mund produziert. Erstaunlich, dass die Nationalsozialisten nicht die Dirigenten, wie die Hellseher, als Konkurrenten ihres eigenen Charismas (Berufungsanspruchs) verfolgten.“ Soviel zum Blödsinn der G.B. Shaw, Elias Canetti und Theodor W. Adorno zum Thema Dirigent oder „Orchestererzieher“ einfiel. Denn wie wir alle von der Kindererziehung wissen: Wahre Autorität kann auf Anschnauzen ebenso wie auf Ohrfeigen und Prügelstrafe verzichten. Aber kann die Musik auch auf den Dirigenten mit seinem magischen, schamanischen Intrument, diesem Stäbchen aus Fiberglas, Holz oder Elfenbein verzichten?

"Es gibt keinen anschaulicheren Ausdruck für Macht als die Tätigkeit des Dirigenten."

— Pascal Morché

Nicht wirklich, seit der Orchesterapparat im 19. Jahrhundert groß und größer wurde. In der Barockzeit leitete der Dirigent als Instrumentalist vom Cembalo aus ohne Taktstock die Aufführung und ging dabei mit seinem eigenen Spiel im Ensemble auf. Spielte er nicht selbst ein Instrument, so gab es den „batteur de mesure“, den „Taktschläger“, der mit einem langen Stecken den Rhythmus stampfte. Übrigens gibt’s damals den ersten Toten bei der Ausübung des Dirigierberufs: Jean-Baptiste Lully hieß der Mann, war Komponist und Kapellmeister am Hofe Ludwigs XIV. Am 8. Januar 1687 stampfte er wie üblich zu einer seiner Motetten den Takt mit seinem langen, reich verzierten, schweren Stab auf den Boden und rammte sich den Stock dabei in den Fuß. Die Wunde entzündete sich, Lully weigerte sich den Zeh amputieren zu lassen und starb infolge an Blutvergiftung.

Bis heute lebt der Dirigent durchaus gefährlich, benutzt er einen Taktstock, dieses stille „Instrument“, das kultisch in der Nähe von Äskulapstab, imperialem Zepter und Lanze des Toreros anzusiedeln ist und das 1817 bei Carl Maria von Weber in Dresden erstmals zum Einsatz kam. Die Verletzungsquote der Pultstars ist enorm: Bernard Haitink stach sich mehrmals in die Hand; Colin Davis rammte sich den Taktstock in den Daumen; Hartmut Haenchen spießte sich in der Krönungsszene von „Boris Godunow“ die linke Hand auf; Eliahu Inbal stach sich ins Auge. Auch Michael Gielen bekennt: „Ich habe mir ein paar Mal den Taktstock in die linke Hand hineingebohrt … so etwas passiert nicht in der „Zauberflöte“, sondern dann, wenn es schwer ist.“ Als gelernter Arzt operierte ­

der Dirigent Jeffrey Tate einmal seinem Kollegen Sir Georg Solti ein Stück Holz aus der Hand, nachdem dieser sich während eines „Parsifal“-Dirigats gestochen hatte – später dann hat das höllisch schwer zu dirigierende Sextett in einer „Figaro“-Vorstellung in Washington Solti beinahe sogar ein Auge gekostet: Er stach knapp daneben.

Soviel zum Stab – es gibt auch Dirigenten wie Pierre Boulez, die auf ihn verzichten – doch zurück zu seinen Trägern, zu den „Maestri“; zu den „Pultgiganten“, wie Dirigenten in kitschig theatralischer Ein- und Überschätzung auch schon mal genannt werden; gleichwohl der Pult-Gigant  inzwischen so passé ist wie die Operndiva. Die Zeiten ändern sich, Gesellschaftsformen auch, Berufsbilder inklusive. Und mitunter ist das sogar gut so! Dirigenten wie Arturo Toscanini, Wilhelm Furtwängler oder Hans Knappertsbusch – stark aus dem Autoritätsdenken des 19. Jahrhunderts geprägte, patriarchalisch orientierte Persönlichkeiten – das waren noch Pultgiganten. Die folgende Generation (Karajan, Celibidache, Böhm, Solti, Bernstein) hatte das Erlebnis des Zweiten Weltkriegs hinter sich und war bereits wesentlich demokratischer und milder am Pult und im Leben eingestellt. Ihr folgte jene Dirigentengeneration, die derzeit allmählich abtritt, aber im internationalen Klassikzirkus immer noch den Typus des „Stardirigenten“ erfüllt (Levine, Abbado, Barenboim, Mehta, Muti, Ozawa, Masur) und die doch zweifellos reflektierend unter dem Einfluß der 1968er-Jahre ihr autoritäres Handwerk betrieben. Heute sind sie alte Herren – und oftmals wird gerade dem „alten“ Maestro in der Gebrechlichkeit seines Körpers (Karl Böhm, Otto Klemperer, Karl Schuricht, Kurt Masur) besondere Verehrung zuteil: „Es ist zu vermuten, dass auch die offensichtliche Hinfälligkeit und die Gefahr des physischen Scheiterns als spezifische Elemente einer dirigentischen Ausstrahlung wahrgenommen werden“, schreibt Hans-Klaus Jungheinrich in seinem lesenswerten Buch „Der Musikdarsteller“. Erstmals traten übrigens in der Abbado-Levine-Generation Spezialisten unter den Dirigenten hervor, wie Harnoncourt zum Beispiel (Alte Musik); Michael Gielen oder Pierre Boulez (für die Moderne).

Und heute? Es gibt zwei Dirigenten, denen derzeit das zweifelhafte Etikett „Star“ ganz und gar sicher ist: Simon Rattle und Christian Thielemann. Letzterer überstrahlt, vielleicht gerade wegen seiner kapellmeisterlichen Aura des 19.Jahrhunderts, den anderen zu Recht. Vor allem aber gibt es heute eine Menge unglaublich guter Dirigenten wie Constantin Trinks, Dan Ettinger, Asher Fish, Teodor Currentzis, Andris Nelsons, Kirill Petrenko und viele andere, die als die großen Dirigenten von morgen gehandelt werden. Viele von ihnen haben den klassischen Ausbildungsweg als Korrepetitor hinter sich, haben als Assistenten bedeutender Dirigenten enorme Praxis- und Repertoire-Erfahrung erworben und beherrschen grandios ihr Handwerk. Und zum Handwerk passt das Wort „Kapellmeister“.

Da die Zeiten bekanntlich schnell und schnelllebig sind, feilen die Platten­firmen heute tüchtig am Charisma von so manchem Dirigenten. So gibt es gerade in dieser Berufsgruppe auch Beispiele für reine Medienkarrieren. Aber wie sagte schon der große Arturo Toscanini: „Jeder Esel kann den Takt schlagen, aber Musik machen – das ist schwierig.“ Stimmt! In einem der eingangs gepriesenen Probenmitschnitte von Carlos Kleiber auf YouTube (es gibt sie auch auf der wundervollen DVD „Traces to Nowhere“) bittet Kleiber, dieser wahrscheinlich größte Dirigent des 20. Jahrhunderts, das Orchester: „Nicht Noten. Fleisch!“. Und genau darum geht’s beim Dirigieren.

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Kommentare

  1. Rolf Bunk
    9. Oktober 2017 at 23:35

    Wie Dan Ettinger in ihre Menge der unglaublich guten Dirigenten kommt lässt mich an ihrem Urteilsvermögen zweifeln.

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