Ein echter Diamant

Foto: Privatarchiv Dinorah Varsi

Das Leipziger Label Genuin ehrt Dinorah Varsi mit einer umfassenden Edition ihres klingenden Vermächtnisses und offenbart damit, welch großartige Virtuosin die 2013 verstorbene Pianistin war.

Qualität setzt sich nicht immer durch. Schon zu ihren Lebzeiten war die 2013 in Berlin verstorbene Dinorah Varsi nur einem überschaubaren Kreis von Klavierexperten ein Begriff, obwohl sie zu den herausragenden Interpreten ihres Instruments im 20. Jahrhundert zählte: Dabei war die 1939 in Montevideo geborene Pianistin eine Magierin des ausgehörten, nuancierten Klangs und entfachte auf dem Steinway eine orchestrale Polyfonie und einen Farbenreichtum, der ganz von innen kam und völlig frei war von jeglicher Sentimentalität und virtuoser Attitüde. Vielleicht waren diese besonderen Charakteristika – also instinktive Wahrhaftigkeit und eine zutiefst sinnliche Intensität ihres Spiels, das selbst im stärksten Fortissimo kantabel und obertonreich klang, dazu eine streng werksbezogene, unglamouröse Professionalität – nicht die passenden Waffen, um sich in jenen wilden Sixties, als sie die europäische Bühne betrat, gegen die sich damals formierende Virtuosengeneration durchzusetzen. Ihr Chopin-Spiel war überirdisch und näher dran an seinem inneren Kosmos als die meisten anderen gefeierten Tastensportler und Pyromanen, doch erreichte sie damit nur die wirklich Musikalischen, während selbst Großkritiker sich über ihre Technik oder über ihre Agogik, andere über ihre unsentimentale Klarheit mokierten.

Dinorah Varsi war von Kindesbeinen an mit dem Klavier verwachsen. Mit vier Jahren tritt sie öffentlich auf, mit neun folgt das erste Orchesterkonzert. Als Fünfzehnjährige spielt sie „Rach II“ im Rundfunk von Montevideo, bleibt aber bis zum Ende ihres Studiums in Uruguay. 1961 gibt sie ihr USA-Debüt und setzt in Paris ihre Ausbildung fort. Durch Géza Anda, ihren letzten Lehrer, erhält sie dann ihre entscheidenden künstlerischen Impulse. Nach mehreren Wettbewerbserfolgen, zuletzt dem Concours Clara-Haskil 1967 in Genf, nimmt Philips sie unter Vertrag und macht sie weltbekannt. Doch bereits Mitte der Siebziger zieht sie sich vom Konzertleben zurück und arbeitet in der Schweiz, ihrem neuen Domizil, an ihrem „großen Thema“: dem Klang. Als Varsi in den Achtzigerjahren aufs Podium zurückkehrt, ist sie zur Weltklasse-Interpretin gereift, doch der Weltruhm scheint dahin. Sie produziert fortan bei kleineren Labels oder im Rundfunk eine Reihe hochwertiger, aber wenig beachteter Studioaufnahmen mit Werken Chopins, Schumanns, Beethovens und Brahms’ und entpuppt sich in Konzerten auch als herausragende Bach- und Mozart-Interpretin. Von 1990 bis 1996 lehrt sie an der Karlsruher Musikhochschule und bezieht eine Zweitwohnung in Berlin. Eine Japan-Tournee im Jahr 2004 und letzte CD-Aufnahmen im Jahr 2008 beenden eine Karriere, die zum größten Teil im Schatten des großen Ruhms stattfand, in der zweiten Lebenshälfte aber von enormer künstlerischer Kraft und Kontinuität geprägt war: Dinorah Varsi blieb zeitlebens eine geheimnisvolle und scheue Einzelgängerin und eine unbestechliche Wahrheitssucherin, die jeder Note, die sie spielte, Sinn, Charakter und Leben verlieh. Kein Wunder, dass die Callas zu ihren Vorbildern zählte.

Man kann den Leuten von Genuin nur danken, dass sie jetzt die Kunst Dinorah Varsis dem Dunkel des Vergessens entrissen und in einem bewundernswerten Kraftakt praktisch das gesamte von ihr erhaltene Material in einer aufwendigen Komplettedition zusammengetragen haben: 35 CDs mit größtenteils unveröffentlichten Aufnahmen aus sechs Jahrzehnten sowie fünf Video-DVDs mit Konzertmitschnitten, Filmporträts, einem Meisterkurs und Interviews enthält die „Legacy“-Edition, dazu ein 112 Seiten starkes Begleitbuch mit Originalbeiträgen verschiedener Autoren und Selbstzeugnissen der Künstlerin, die ein umfassendes Bild ihrer Persönlichkeit zeichnen. Ich selbst muss gestehen, dass auch ich sie nur bruchstückhaft in Erinnerung hatte, und jetzt kaum fassen konnte, welche Schätze mir da entgangen waren: Die 34 Audio-CDs sind klug unterteilt in 13 Live- und 21 Studio-Alben und dann weiter geordnet nach Solo- und Konzertprogrammen. Bei den Live-Recitals dominieren naturgemäß Mischprogramme, wobei sie stilistische Kontraste liebte und etwa in einem Konzert in Schwetzingen Mozart mit Brahms, Bartók und Chopin kombinierte: Dabei spielte sie Mozarts h-Moll-Adagio gleich zu Beginn mit einer Hingabe und einer erschütternden Schlichtheit, dass man es für den Höhepunkt des Abends halten musste. Das klang nach einer Synthese aus Andas Magie und Guldas Klarheit: Sie suchte und fand bei jedem Komponisten „ihren“ charakteristischen Ton.

Zu den Höhepunkten ihrer jetzt wiederentdeckten Studioaktivitäten zählen die in den späten Achtzigerjahren entstandenen Rundfunkproduktionen der wichtigen Zyklen Frédéric Chopins, wobei sie mit den Mazurken, den Nocturnes, den Impromptus und auch den drei Sonaten zeitlose Referenzmarken setzte, die auch nach dreißig Jahren nichts eingebüßt haben von ihrer Klangschönheit, ihrer fließenden Prägnanz, ihrer orchestralen Poly­fonie. Aber auch ihr Beethoven, ihr Schumann, ihr Brahms eröffnen ganz neue Einblicke in das reiche, immer organisch pulsierende Innenleben der Werke. Am meisten fasziniert sie durch die Subtilität, die Differenzierungskunst, den sinnlichen Zauber ihres Anschlags, der eine intime Beziehung zu ihrem Instrument verrät: Kaum ein anderer kannte so dessen Seele.

Dinorah Varsi: Various: Legacy (35 CD + 5 DVD)
Genuin (Note 1 Musikvertrieb)
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