Direct-to-Disc: Die Wohnzimmer-Philharmonie

(Frisch geritzt: Beim Direct-to-Disc-Verfahren wird unmittelbar in den Tonträger geschnitten; Foto: Berliner_Philharmonie)

In einer exklusiven Edition veröffentlichen die Berliner Philharmoniker ihre ersten „Direct-to-Disc“-Aufnahmen.

Viele Vinyl-Fans betrachten „Direktschnitt“-LPs als das Optimum audiophilen Klanggenusses. Die um die Mitte der 1970er-Jahre in den USA eingeführte rein analoge Aufnahmetechnik, bei der die Tonsignale von den Aufnahmemikros direkt in eine Lackfolien-Schneideapparatur geleitet werden, garantiert zudem eine authentische Wiedergabe der Aufführung in Echtzeit ohne jegliche Möglichkeit des nachträglichen Schnitts oder der Klangkorrektur: Die Aufnahme reproduziert also ein pures Live-Erlebnis und zwingt auch die Musiker zu höchster Konzentration, da jeder Fehler und jedes Störgeräusch auf der Masterfolie festgehalten werden. Da viele Topmusiker schon damals skeptisch waren und sich unter Druck gesetzt fühlten, ganze Stücke perfekt abliefern zu müssen, entstanden zunächst nur wenige Aufnahmen, die heute in Sammlerkreisen Kultstatus genießen. Und bereits 1980 bereitete die digitale Revolution und die neu eingeführte CD dem Direct-To-Disc-Experiment ein schnelles Ende.

Seit einigen Jahren aber erlebt die Vinyl-LP eine wundersame Renaissance, und sie brachte den Leiter der renommierten Emil-Berliner-Tonstudios, Rainer Maillard, auf die Idee, die puristische Aufnahmetechnik neu zu beleben. Nach einigen gelungenen DTD-Produktionen mit kleineren Besetzungen im hauseigenen Berliner Studio konnte er für seine ersten Orchesterproduktionen gleich die technikbegeisterten Berliner Philharmoniker und ihren britischen Chef Simon Rattle gewinnen, und so verfrachtete man die legendäre, 400 Kilo schwere Neumann VMS80-Schneideanlage (Baujahr 1980) direkt in die Berliner Philharmonie, wo sie einen im September 2014 angesetzten Brahms-Zyklus mit nur einem Stereo-Mikrofon insgesamt dreimal live aufzeichnete. Von diesen drei Versionen wurden die jeweils besten Aufnahmen ausgewählt und auf insgesamt sechs 180-g-LPs gepresst, mit Spielzeiten von maximal 16 Minuten pro Seite. Seit November 2016 gibt es die mit einem großformatigen Begleitbuch versehene, mit Leinen überzogene und streng limitierte Luxusedition zum stolzen Preis von knapp 500 Euro im Handel, was eingefleischte Vinyl-Freaks aber nicht abschrecken dürfte.

Der entscheidende Vorteil des Direktschnitts gegenüber Tonbandproduktionen ist die völlige Rauschfreiheit der Aufnahme und eine kaum zu fassende magische Haptik und Präsenz, die wie kein anderes Medium „Authentizität“ verströmt. Der Unterschied zu aktuellen Digitalaufnahmen fällt noch deutlicher aus, da der puristische Analog-Transfer viel natürlicher und wärmer klingt als der zu einer gewissen Sterilität und Glätte neigende, computergesteuerte Digitalsound. Diese ganz besondere Live-Spannung, der natürliche, schnittfreie Zeitverlauf und eine dem wirklichen Konzerterlebnis sehr nahe kommende dynamische Leuchtkraft kennzeichnen auch die vorliegenden Aufnahmen der vier Brahms-Sinfonien, die zum Kernrepertoire dieses Weltklasse-Orchesters gehören: Und trotzdem spürt man, dass die Berliner und Sir Simon sich besonders ins Zeug legten und eine vor Energie berstende, leidenschaftlich-wuchtige und nobel fließende Interpretation ablieferten, die der zu Ende gehenden Ära Rattle ein würdiges Denkmal setzt: Der heute 62-jährige Brite kultiviert hier einen dezidiert „romantischen“, schwerblütig-dunklen Brahms- Stil, der wie eine Abkehr wirkt von aller „historisch orientierten“ Leichtigkeit und Frische, die in den letzten Jahren auch unser Bild von der Spätromantik deutlich verändert hat. Es klingt wie eine Rückbesinnung auf die große, mehr als 100 Jahre alte Brahms-Tradition der Berliner Philharmoniker, und so untermauert der ästhetische Anspruch den materiellen Aufwand: Man wollte gemeinsam etwas Gewichtiges schaffen, ein Dokument ohne Verfallsdatum.

Trotzdem soll nicht verschwiegen werden, dass Tonmeister Rainer Maillard hier nur ein gekreuztes Mikrofon-Paar von Sennheiser (MKH 800 twin) eingesetzt hat, etwa vier Meter über dem Kopf des Dirigenten, und auf jedes Stützmikrofon verzichtete. Diese „One-Point“-Ästhetik vermittelt den Eindruck eines eher raumbetonten, dichten Mischklangs und erreicht bei Weitem nicht die brutale Präsenz und die polyfone Trennschärfe der früheren Direktschnitte von Crystal Clear Records, die ich zum Vergleich heranziehen konnte. Deren unmittelbare Körpernähe, Haptik und Klarheit ist in der weitläufigen Berliner Philharmonie wohl auch schwer herzustellen. Wer also diese reale Konzertsaal-Atmo bei sich zu Hause genießen möchte, wird seine Freude haben an dieser musikalisch zwingenden und verblüffend „authentisch“ klingenden Luxusedition.

Johannes Brahms:
„Symphonien Nr. 1–4“,
Berliner Philharmoniker,
Simon Rattle

(Berliner Philharmoniker Recordings)
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