Dirigent ohne Taktgefühl

Gustavo Dudamel wechselt die Seiten. Einst hat er den Sarg von Hugo Chavez zu Grabe getragen, und nun bekämpft er die Regierung von Venezuela. Zu spät!

Von Axel Brüggemann

Nein, es ist nicht die Zeit, um anzuklagen. Wohl aber die Zeit, darauf aufmerksam zu machen, dass das Jetzt nur ein Moment in der Geschichte ist. Dass es ein Vorspiel gab – und dass es ein derzeit noch offenes Ende geben wird. Fakt ist, dass der Dirigent Gustavo Dudamel in der Vergangenheit nicht nur den Sarg beim Staatsbegräbnis von Venezuelas Führer Hugo Chavez getragen hat, sondern auch dann noch über das regierende System seiner Heimat geschwiegen hat, als andere, mutige, couragierte Musikerinnen und Musiker ihn angefleht haben, endlich zu reden. Aber Dudamel schwieg auch dann noch als die Chavez-Erben unter dem neuen Präsidenten Maduro in Venezuela Demonstranten niedergeknüppelt und zu Tode geprügelt haben – Dudamel dirigierte, während Studenten protestierten, im Auftrag der Regierung in Venezuela das Simon Bolivar Jugendorchester. Auch danach zog der Dirigent es vor, zu schweigen. Er sei Künstler, war das Einzige, was er damals verlautbaren ließ, schriftlich, kurz und knapp, und die Kunst stehe jenseits der Politik.

„Ich bin doch nur ein Künstler“ – so endet auch Klaus Manns „Mephisto“, ein Schlüsselroman um den damaligen Schauspieler Gustav Gründgens, der zunächst gemeinsame Sache mit den Nazis gemacht und viel zu spät erkannt hat, wessen Teufels Werkzeug er geworden war. „Ich bin doch nur ein Künstler“ – das ist eine Möglichkeit, sich der Politik zu entziehen, und seiner Verantwortung.

El Sistema IST Venezuela

In Wahrheit hat Dudamel die Politik seiner Heimat aber nie gemieden, sondern sie aktiv genutzt. Er hat Privilegien genossen, die das System Chavez und seines Nachfolgers Maduro ihm gegeben haben. Und: Er hat geschwiegen zu den Menschenrechts- und Demokratieverletzungen in seiner Heimat. Er hat so laut geschwiegen, dass es jeder gehört hat! Angeblich, um das Projekt „El Sistema“ zu schützen. Die Wahrheit aber ist, dass „El Sistema“ Teil des politischen Systems in Venezuela ist, dass hier die Jugend erreicht, manipuliert, gefördert – und wenn sie nicht spurte, bestraft wurde. Ein System, dem Europa in Salzburg, in Baden-Baden, in Berlin, München und überall zugejubelt hat. Ein System, dessen Hauptanliegen die Propaganda eines unmenschlichen Staates war. Und Gustavo Dudamel ließ sich zu seiner Symbolfigur machen, die gern in Trainingsanzug mit Venezuela-Flagge auftrat.

Dabei war es durchaus möglich, die Lage früher zu erkennen und Position zu beziehen. Die Pianistin Gabriela Montero kämpft seit Jahren für ein demokratisches Venezuela, für ein Ende der Chavez-Diktatur und ihrer Erben. Und sie wurde dafür nicht nur öffentlich hart angegangen, sondern musste auch persönliche und künstlerische Konsequenzen tragen: Eine von ihr geplante Tournee durch Südamerika wurde nach Einflussnahme von „El Sistema“ abgesagt, sie bangte quasi täglich um ihre Familie, die noch in Südamerika lebt. Gebriela Montero hat zu einer Zeit Mut bewiesen, als es noch mutig war, aufzustehen – für Demokratie, für Menschenrechte, für Freiheit. Sie hat Ihren Wohnsitz in den USA benutzt, um ihren Landsleuten zu Hause Mut zuzusprechen. Und die danken es ihr bis heute.

Nun, da das System Maduro wankt, merken auch seine einstigen Galionsfiguren, dass die Zeit zum Absprung gekommen ist. Nicht nur, weil die alte Ordnung in Venezuela  auf der Kippe steht sondern auch, weil es immer schwerer wird, im sogenannten „Westen“ Verständnis für einen Pro-Maduro-Kurs zu finden – und damit sichere Jobs, auf die Dudamel angewiesen ist. Dass er ausgerechnet jetzt beginnt, sich gegen seine Regierung auszusprechen (und diese mit einem Tournee-Verbot des Simon Bolivar Orchesters in den USA reagiert), dass er gerade jetzt versucht, sich als Teil des friedlich demonstrierenden Volkes zu etablieren, ist am Ende gut – aber viel zu spät.

Dudamel ist nicht allein

Dudamel ist nicht allein, auch der Europa-Chef von „El Sistema“ und Leiter des European Union Youth Orchestras, Marshall Marcus, tönt plötzlich in einem Gastartikel im „Guardian“, dass man die Tournee des Simon Bolivar Jugendorchesters durch die USA nicht stoppen dürfe und fordert internationale Solidarität für „El Sistema“.

Absurder geht es nicht mehr. Abgesehen davon, dass „El Sistema“ Teil des Chavez-Systems ist, seine Propaganda- und Erziehungsmaschine, hat Marshall Marcus selber jahrelang EU-Subventionen abgegriffen und – quasi unter der Hand – auch in Europa ein menschenunwürdiges Jugendmusik-System etabliert. Die Finanzströme von Seiten des „El Sistema“ an Marcus sind bis heute unklar, ebenso wie seine Rolle zwischen Außenminister von „El Sistema“, Chef des European Union Youth Orchestras.

Historische Einordnung steht aus

Historische Einordnungen in der Gegenwart erfordern sicherlich Nachsicht und ein Verständnis dafür, wie schwer es ist, sich von einem starken System abzukehren, von dem man Jahrzehnte lang profitiert hat. Was derzeit passiert, ist, dass mit Dudamel und Marcus zwei Protagonisten von „El Sistema“ dem eigenen Staat den Kampf ansagen, das zwei Mitläufer sich plötzlich als Revolutionäre inszenieren, in einer Zeit, da sie ihren Staat und die internationale Solidarität mit Maduro bröckeln sehen. All das ist geschmacklos: Viele Jahre lang sind die beiden im politischen Pianissimo auf der Welle von „El Sistema“ gesurft, um nun das studentische Fortissimo anzustimmen. Taktgefühl zeigen beide damit nicht.

In Venezuela glaubt man Dudamel kaum noch, man wird seine Rolle in Venezuela nicht vergessen. In Europa ist man da milder und freut sich, dass er sich, wenn auch spät, überhaupt zu Wort gemeldet hat. Aber das Heute ist nur ein Schnappschuss der Geschichte. Die Vergangenheit wird Teil unserer abschließenden Einschätzung dieser Situation in der Zukunft sein – und die können weder Marcus noch Dudamel verändern.

 

Share

Kommentare

  1. Absolut ohne Kenntnis der Sachlage ist der Kommentar geschrieben. Wüsste A. Brüggemann etwas von der Geschichte Lateinamerika wissen, würde er alles anders bewerten. Dudamel und co. sind seit eh und jeh Opportunisten ohne Kenntnis und Verständnis der venezolanischen Gesellschaft. Zurzeit sind sie Reaktionäre -nicht Revolutionäre-. Ecuador, Venezuela, Bolivien, Kuba, Nicaragua erheben sich -mit Komplikationen und Widersprüchen- gegen die Diktatur des Westens. und werden natürlich gehasst und diffamiert.
    A. Brüggemann verdient von der CDU Anerkennung und Lohn. Er könnte auch bei Deutsche Welle gegen Russland schreiben, gegen Iran, gegen alle, die der konservativen EU nicht passen.

Kommentieren Sie diesen Artikel

*

*

Ihre Email-Adresse wird nicht publiziert. Pflichtfelder sind markiert mit *