Dirigentinnen-Neuentdeckung: Karina Canellakis

©Todd Rosenberg

Seit Karina Canellakis im vergangenen Jahr für den erkrankten Nikolaus Harnoncourt bei der Styriarte einsprang, zählt sie zu den spannendsten Neuentdeckungen unter den Dirigentinnen. Nach einer Karriere als Violinistin entschied sich die Amerikanerin für das Pult und ist Teil einer Minderheit, denn es sind überwiegend Männer, die den Taktstock schwingen.

crescendo: In der Musikwelt wird viel über den Frauenmangel am Pult diskutiert, Sie aber enthalten sich bei diesem Thema … warum?
Karina Canellakis: Alles, was ich zu diesem Thema sagen kann, ist, dass ich nicht über mich als Frau, sondern nur als Musikerin nachdenke. Das ist doch das Tolle an Musik: Ihr ist es egal, welche Hautfarbe jemand hat oder ob er ein Mann ist oder eine Frau. Musik ist eine universale Sprache, für die alle Menschen gleich sind. Wer immer nach diesem Frauenthema fragt, verfehlt das Thema, denn es sollte um die Musik und nur um die Musik gehen. Fest steht: Es gibt brillante Dirigenten, doch viele von ihnen sind nahezu unbekannt. Es ist in der Musikwelt leider manchmal so wie in der Politik, wo die Persönlichkeit eines Kandidaten irritierenderweise mitunter wichtiger ist als das, was er politisch zu sagen hat.

Derzeit arbeiten Sie in Stockholm, anschließend wieder in den USA. Deutschland aber steht vorerst nicht in Ihrem Kalender.
Interessiert man sich hier weniger für Ihre Arbeit als anderswo? Ich hatte ein Leben in Berlin als Geigerin. Als Dirigentin würde ich noch ein bisschen warten, bis ich nach Berlin komme. Ich werde aber demnächst nach Köln gehen. Von anderen Orchestern in Deutschland hatte ich Einladungen, konnte das aber aus Termingründen nicht annehmen. Ich liebe Deutschland, aber im Augenblick spielt sich mein Leben vor allem in Nordamerika, Großbritannien, Österreich, Schweiz und Skandinavien ab.

Sie haben es als Violinistin weit gebracht und in der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle gespielt. Sind Sie Spätberufene?
Das ist eine lange Geschichte. Ich habe mich schon immer fürs Dirigieren interessiert und als Kind Partituren gelernt. Ich habe aber nie wirklich viel über eine Karriere als Dirigentin nachgedacht, das wäre mir lächerlich vorgekommen, denn ich war eine Geigerin. Als ich zwölf Jahre alt war, nahm ich an einem Dirigentenkurs teil…

Sie haben schon als Zwölfjährige das Dirigieren erlernt?
Ich war in den späten 80ern und frühen 90ern in New York ein Kind. Damals war es mir völlig egal, ob ich ein Junge oder Mädchen bin. Mein Vater, selbst Dirigent, sagte, wer ein Instrument spielt, sollte auch Dirigieren lernen. Das war sein Standpunkt. Mein Bruder, ein wunderbarer Cellist, hat das auch getan. Keine große Sache, es war einfach Teil unseres Lebensweges.

Was hat Ihren Spurwechsel dann ausgelöst?
Einige Menschen haben mir immer und immer wieder gesagt, ich hätte die musikalische Autorität und die Persönlichkeit, diesen Weg einzuschlagen. Jedes Jahr habe ich einen Sommerkurs fürs Dirigieren belegt, aber dennoch war ich nach wie vor eine Geigerin und liebte das Spiel. Alan Gilbert, unter dem ich dann spielte, sagte mir, er werde an der New Yorker Juillard School Unterricht geben und redete mir intensiv zu, seine Schülerin zu werden. Als ich zögerte, versprach er mir: Du wirst nach diesen zwei Jahren eine bessere Musikerin sein, du hast nichts zu verlieren. Tatsächlich war ich nach diesem Masterstudium ins Dirigieren verliebt, ich hatte eine neue Welt entdeckt und liebte es, Partituren zu studieren.

Wie sehr muss man sich mental verändern, um aus der Geborgenheit des Orchesters heraus an das Pult zu treten?
Darauf kann ich kaum antworten. Natürlich sind Spielen und Dirigieren zwei unterschiedliche Welten, mag beides auch Musik sein. Die Natur des Spielens ist der Artistik manchmal sehr nah, man muss dem Instrument körperlich gewachsen sein. Beim Dirigieren muss man Musik zwar auch mit Bewegungen ausdrücken können, aber im Grunde kommt es nur auf den Kopf an. Das Wichtigste aber ist, die Musik so durchdrungen zu haben, dass man die Musiker im Orchester mitreißen und inspirieren kann. Es kostet allein Stunden um Stunden intensiven Nachdenkens, jeden Teil des Stücks wahrhaftig zu begreifen. Spielen ist körperlicher, Dirigieren geistiger.

Wie war Ihr erstes Konzert, das Sie als Dirigentin geleitet haben?
Ich war damals nicht allzu selbstsicher, soweit erinnere ich mich. Aber ansonsten habe ich kaum konkrete Erinnerungen, dass ich das als großen Moment wahrgenommen hätte. Ich denke aber auch nie über mich nach, sondern über die Musik. An die Musik etwa erinnere ich mich noch.

Was muss eine Dirigentin haben, was eine Violinistin nicht braucht?
Ich bin mir nicht ganz sicher, denn ich kann mich ja selbst nicht sehen. Vielleicht ist es Autorität. Wissen Sie, ich denke über so etwas eigentlich nicht nach. Ich habe, seitdem ich ein Kind bin, immer die Führungsrolle in Gruppen übernommen, so wurde ich geboren. Manche sind schüchtern, andere extrovertiert, andere bringen Menschen gern zusammen.

Schauen Sie sich nach Konzerten Aufnahmen an und beobachten sich bei der Arbeit?
Nein. Glauben Sie mir: Ich denke nicht an mich selbst – nie! Ich mache Musik. Ich hatte auch keinen Lebensplan, Dirigentin zu werden und Aufnahmen zu machen. So eine Person bin ich nicht. Ich dirigiere, weil die Zusammenarbeit zu guten Ergebnissen führt. Natürlich arbeite ich hart, sehr hart. Ich bin umso selbstbewusster, umso mehr ich weiß, was ich tue, je besser ich also die Musik kenne. Wie ich das mit der Führung aber schaffe, weiß ich nicht exakt, denn ich setze keine bewussten Werkzeuge ein, die Musiker zu inspirieren. Aber ich weiß: Ich will weiter an der Musik wachsen und weiter von ihr lernen.

Kann man eigentlich ein Werk dirigieren, das man schlecht findet?
Schwer. Selbst wenn man ein Stück nicht auf Anhieb mag, sollte man einen Weg finden, es zu mögen – oder es einfach nicht dirigieren. Ich kenne einige Dirigenten, die Komponisten, die sie nicht mögen, konsequent nicht dirigieren.

Die Steigerung von „erfolgreich“ ist „groß“: Man spricht gern von „großen Dirigenten“. Was macht den Unterschied?
Für mich gibt es nur eine Sache, die einen großen Dirigenten ausmacht: wie die Musiker, die Mitglieder seines Orchesters, mit ihm fühlen. Darum geht es: Sie müssen fühlen, wenn etwas Außergewöhnliches mit der Musik geschieht, wenn sie an neuen Erfahrungen teilhaben. Sie müssen sich als Teil von etwas fühlen, das größer ist als sie selbst. Es ist ein bisschen wie Magie, mehr oder weniger transzendental. Ich hatte dieses Gefühl in Berlin und Chicago viele Male, daran erkenne ich einen großen Dirigenten.

Von Michael Sellger

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