Dirk Dzimirsky: Hyperreal

(Frozen; Dirk Dzimirsky)

Wenn Dirk Dzimirsky malt, sieht sich der Betrachter am Ende einer Art intensiviertem Foto gegenüber. Unser Kolumnist Daniel Hope im Gespräch über eine faszinierende Kunst.

Daniel Hope: Dirk, du bist einer der weltweit renommiertesten Künstler des Hyperrealismus. Als ich zum ersten Mal ein Bild von dir sah, war ich überzeugt, ein Foto anzuschauen. Wie viel Freiraum gibt es fürs Improvisieren?
Dirk Dzimirsky: Fotos sind für mich Mittel zum Zweck. Fotos sind nicht mit unserer Wahrnehmung identisch, und ich bin nur an gewissen Informationen, die mir ein Foto bietet, interessiert. Ich ändere also sehr viel, um zu dem Resultat zu kommen, was mir vorschwebt. Ich sehe meine Arbeiten eher als zweidimensionale Skulpturen an, nicht als fotorealistische Abbildungen. Dass sie reproduziert dann quasi wieder zum Foto werden, liegt in der Natur der Sache.

DH: Glaubst du, dass der Hyperrealismus im Gegensatz zu anderen Kunstrichtungen unterschätzt wird?
DD: In der Kunstgeschichte wurde die Malerei über die Jahrhunderte hin immer realistischer. Aber bevor sie zu einem krönenden, quasi hyperrealistischen Höhepunkt kommen konnte, kam die Fotografie auf. Es bestand kein Bedarf mehr an realistischer Malerei. Kunst sollte nun freier Ausdruck sein und nicht mehr Kunsthandwerk. Obwohl heutzutage viele Künstler ihre Gemälde auf Fotos basieren lassen, wird eine allzu realistische Darstellung zum reinen Handwerk degradiert und abgelehnt.

DH: Ich bin stolz, dass du bereit warst, bei meinem „For Seasons“-Album mitzumachen. Da haben insgesamt elf Maler Bilder zur Musik kreiert oder ausgesucht. Wie empfindest du die Beziehung zwischen Musik und darstellender Kunst?
DD: Kunst ist wie Musik. Das Betrachten eines (guten) Kunstwerks nimmt dich mit auf eine emotionale Reise wie ein Musikstück. Während ich an einem Bild arbeite und Musik höre, habe ich häufig das Bedürfnis, die Emotionen, die ein Lied gerade auslöst, irgendwie im Bild zu verarbeiten. Ob das gelingt, weiß ich nicht. Man ist durch die Musik mit einer gewissen Energie aufgeladen, die sich im Bild widerspiegelt.

DH: Du kennst Max Richters „Recomposed“. Max geht neue Wege in der Musik. Tust du dasselbe in der Kunst?
DD: Ja, durchaus. Wobei ich mit Sicherheit kein radikaler Erneuerer bin. Als ich damit anfing, Gesichter hyperrealistisch zu zeichnen, war das nicht wirklich in Kunstgalerien und Ausstellungen zu sehen. Viele standen dem ablehnend gegenüber. Heute gehören solche Arbeiten zum Portfolio der meisten Kunstgalerien.

DH: Du gibst Kurse in aller Welt. Für mich kommt aber jede Hilfe zu spät, ich kann einfach nicht zeichnen! Ist es einfach, das zu lernen?
DD: Technisch gesehen ist alles erlernbar. Um etwas daraus zu machen, sei es in der Kunst oder in der Musik, was andere Menschen berührt und nicht nur eine handwerkliche Leistung darstellt, gehört das, was wir Talent nennen. Das instinktive Einbauen von Abweichungen und „Fehlern“, die Gefühle darstellen. Das entspricht der Persönlichkeit des Künstlers/Musikers, die nicht erlernbar ist.

DH: Für Vivaldis Vier Jahreszeiten haben wir vier Bilder von dir. Wenn ich sie zum jeweiligen Musikstück anschaue, höre ich ganz neue Impulse. Wie ist es umgekehrt?
DD: Je nachdem, welche Musik ich gerade beim Betrachten höre, nehme ich ein Bild unterschiedlich war. Es können Aspekte eines Bildes intensiver gesehen werden, die man vorher oder bei einer anderen Musik gar nicht beachtet hatte.

DH: Mit dem britischen Maler Norman Perryman habe ich ein „Kinetic-painting“-Projekt kreiert, bei dem er live auf der Bühne zu einer Musikaufführung malt. Hättest du Lust, etwas Ähnliches zu machen?
DD: Auf jeden Fall! Ich muss mir nur noch ein Konzept ausdenken, bei dem das Publikum nicht vier Wochen lang zusehen muss, wie ich ein Bild fertigstelle.

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Kommentare

  1. Amaral
    10. April 2017 at 02:28

    Eu sigo este mestre desde que um desenho. Estou aprendendo muito com ele.
    Fabuloso
    Abracos

    Amaral

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