Multitasking-Wunder: Dorothee Oberlinger

(Dorothee Oberlinger, Foto: Henning Ross)

Es gibt Menschen, die haben Energie für zehn. Dorothee Oberlinger ist nicht nur eine der weltweit führenden Blockflötistinnen, sie leitet auch Festivals, kommuniziert, unterrichtet, dirigiert und kümmert sich um ihre Familie.

Dem weiblichen Geschlecht wird ja gerne ein Geschick in Sachen Multitasking attestiert. Dorothee Oberlinger stellt diese Fähigkeit jeden Tag unter Beweis, jongliert vergnügt mit diversen musikalischen Bällen, sowohl an ihrem privaten Wohnort Köln als auch in Konzertsälen überall auf der Welt oder in Salzburg, wo sie am Mozarteum unterrichtet. Von der Probe geht’s ins Tonstudio, aufs Unterrichten folgt ein Festivalplanungsgespräch. Schnell noch das Design fürs neue Album mit dem Ehemann besprechen und Söhnchen David küssen, dann weiter zum Konzert … Immer mit dabei ist die Blockflöte, von der Dorothee Oberlinger mit ungebremster Begeisterung erzählt: „Ich hatte immer den Drang zu üben und etwas auszuprobieren. Ich hab mir selber Zungentechniken beigebracht und selber die Stücke ausgesucht. Man musste mich nie daran erinnern, dass ich üben muss. Da gab es gar keine Frage.“

„Selber Stücke raussuchen“, das macht Dorothee Oberlinger immer noch gerne, darum spielt sie nicht nur als Solistin Konzerte, sondern hat 2008 die künstlerische Leitung der Arolser Barock-Festspiele übernommen, momentan winkt mit dem Amt der künstlerischen Leitung der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci sogar noch eine weitere große planerische Aufgabe. „Ich programmiere wahnsinnig gerne, denke mir genreübergreifende Konzepte aus oder entwickele Visionen, die ruhig auch mal ein bisschen verstören dürfen. Die Musik soll schließlich kein reines Wellnessprogramm sein, sondern kann auch mal nachdenklich machen.“ So werden in ihrem eigenen Festival Videoinstallationen ins musikalische Programm integriert und geführte Probenbesuche angeboten.

Seit 2004 vermittelt Dorothee Oberlinger als Professorin am Mozarteum in Salzburg ihren Studenten ihre Begeisterung für die Flöte und ihre Vorstellungen von inspirierten musikalischen Ideen. Mittlerweile ist sie dort auch Leiterin des Instituts für Alte Musik und erste stellvertretende Leiterin des Instituts für Neue Musik. Diesen musikalischen Spagat empfindet die Flötistin als sehr erfrischend, denn auch auf der Bühne im Konzert lässt sich die Expertin für Alte Musik gerne auf Experimente mit neuen Klängen ein. In der Vergangenheit ist sie bereits mit dem Schweizer Pop-Duo Yello aufgetreten und mit dem Ensemble Sarband auf Tour gegangen, um ohne Berührungsangst Orient und Okzident, Alte Musik und zeitgenössische Musik, Tradition und Moderne, Komposition und Improvisation miteinander in Kontakt zu bringen.

Der unverkrampfte Kontakt zum Publikum ist Dorothee Oberlinger überhaupt sehr wichtig. „Früher haben die Leute auch mittendrin geklatscht. Wenn denen in einer Oper eine Arie besonders gut gefallen hat, dann wurde die noch mal und noch mal und noch mal gespielt. Ich sehe das meistens als Kompliment.“ Im Countertenor Andreas Scholl hat Dorothee Oberlinger dabei einen perfekten Mitstreiter gefunden. Als die beiden jüngst auf Tournee waren, um ihr neues gemeinsames Album mit Werken von Johann Sebastian Bach vorzustellen, wurde deshalb nicht nur gesungen und gespielt, sondern auch viel geredet: „Andreas Scholl kann wahnsinnig toll mit dem Publikum sprechen. Vor allem redet er dann mit seiner normalen tiefen Männerstimme und ist plötzlich wieder ein normaler Mensch und nicht so ein abgehobenes Wesen, wie wenn er singt und seine Stimme so überirdisch und kunstvoll ist. Und es muss rhetorisch einfach sehr gut und so bildhaft wie möglich sein, wenn man das im Konzert macht, damit die Leute wirklich zuhören und der Funke überspringt.“

Dorothee Oberlinger, Foto: Henning Ross

Dorothee Oberlinger, Foto: Henning Ross

In diesem Jahr kann Dorothee Oberlinger ihr kommunikatives Talent als leidenschaftliche Netzwerkerin bei einer weiteren neuen Aufgabe besonders intensiv ausleben. Die internationale Telemann-Gesellschaft Magdeburg hat die Flötistin an der Seite von Reinhard Goebel zur Botschafterin des Telemannstädte-Netzwerks ernannt, um im Kontext von Georg Philipp Telemanns 250. Todestag möglichst viele seiner Kompositionen aufzuführen – und vor allem auch, um viel über ihn zu sprechen. „Ein bisschen bin ich nun Telemanns Pressesprecherin“, schmunzelt Dorothee Oberlinger. „In der Rezeptionsgeschichte ist ihm nicht immer Gutes widerfahren. Zu Lebzeiten war er der berühmteste deutsche Barockkomponist, und nach seinem Tod hat das sehr schnell abgenommen. Heute ist er zwar rehabilitiert und wird wieder relativ oft gespielt, aber trotz alledem schadet es ihm nicht, wenn man ihm noch mal ’ne Extraladung PR gibt.“

Dorothee Oberlinger hat selbst viele Werke aus Telemanns Feder eingespielt und sich intensiv mit ihm als vielseitig begabte Künstlerpersönlichkeit auseinandergesetzt. Wenn sie über den Komponisten spricht, klingt es manchmal so, als würde sie über einen Freund reden: „Ich glaube, wir hätten uns gut verstanden. Ich habe seine Autobiografien gelesen, in denen er über sich selbst schreibt, über seinen Werdegang als Autodidakt. Das gibt viel Aufschluss über die Person. Er beschreibt, wo er gespielt hat und welche Instrumente er gelernt hat, von der Tenorposaune über die verschiedenen Flöten. Blockflöte, Querflöte und auch Oboe, und er hat zum Teil in seinen Opern selbst gesungen. Telemann war ungeheuer vielfältig, aufgeschlossen und wissbegierig – aber eben Autodidakt. Als Komponist und auch als Instrumentalmusiker und Sänger.“ Dorothee Oberlinger würdigt Telemann, indem sie viele seiner Kompositionen spielt, zum Beispiel in seiner Geburtsstadt Magdeburg, bei ihrem Festival im hessischen Bad Arolsen oder in Hamburg. Dort tritt Oberlinger mit ihrem eigenen Ensemble 1700 auf, mit dem sie sich bei den Tagen Alter Musik in Herne im letzten Jahr in ein neues musikalisches Abenteuer gestürzt hat, als sie zum ersten Mal die Blockflöte beiseitelegte, um bei der Oper Lucio Cornelio Silla von Georg Friedrich Händel als Dirigentin am Pult zu stehen. Ganz ohne das geliebte Instrument ging es aber doch nicht: Zwischendurch wiegte sie mit warmen, weichen Flötentönen höchstpersönlich den grausamen Diktator auf der Bühne in den Schlaf.

Auf die Frage, was von allen ihren vielseitigen Verpflichtungen, Aufgaben und Berufungen sie unter keinen Umständen aufgeben würde, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Selber spielen. Daran hängt mein Herz immer noch und für immer am meisten!“

Termine:
13., 14.03. Graz (A), Minoritensaal;
18., 19.03. Rügen, Festspielfrühling;
26.03. Köln, Philharmonie;
05.04. Salzburg (A), Mozarteum;
15.04. Gotha, Margarethenkirche;
22.04. Zerbst, Rathaus;
23.04. Muldestausee OT Burgkemnitz, Barockkirche;
05.05. München, Herkulessaal;
20.05. Göttingen, Stadthalle

Dorothee Oberlinger,
Ensemble 1700:

„Rococo, Musique à Sanssouci“

(dhm)
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