Duo Igudesman & Joo: Spaghetti aus dem Klavier

(Duo Igudesman and Joo; Foto: Igudesman and Joo)

Durch Musik und Humor haben Menschen sogar den Holocaust überlebt. Das Duo Igudesman & Joo erschafft mithilfe dieser beiden Komponenten neue Klang- und Konzertuniversen.

crescendo: Sie sind die eine Hälfte des wohl bekanntesten Humorduos in der klassischen Musik. Wie kam es dazu?
Hyung-ki Joo: Mit zwölf Jahren begegneten sich Aleksey Igudesman und ich in der Yehudi Menuhin School. Schon kurz darauf sprachen wir darüber, dass irgendwas an den normalen Konzerten „falsch“ war. Diese steife, hochgestochene Stimmung fühlte sich einfach nicht richtig an. Alles war ernst, zeremoniell, begräbnisartig – das schien die Musik regelrecht zu ersticken. Auch wenn die Aufführung selbst frisch war, wirkte sie in dem Rahmen wie eingeschweißt. Das passte nicht zur Leidenschaft, die klassische Musik braucht. Die Welt von Mozart, Beethoven und Liszt war viel offener, vielfältiger. Es gibt tonnenweise Dokumente, die beweisen, wie viel Freiheit es damals in den Konzerten gab: Bei der Premiere von Beethovens Violinkonzert zeigte der Solist sogar zwischen den Sätzen Kunststücke, spielte seine Geige verkehrt herum, alberte mit dem Bogen herum, so wie Aleksey heute. Oder der berühmte Brief von Mozart an seinen Vater, in dem er stolz davon berichtet, wie die Leute schon nach 16 Takten seines neuen Klavierkonzerts zu klatschen begonnen hatten und sie von vorne beginnen mussten. Wenn man heute bei einer Uraufführung nach 16 Takten klatschen würde, wäre das ein Skandal und der Komponist wäre außer sich! Sogar der ehrwürdige Franz Liszt, quasi der Erfinder des Klavierabends, ging während der Aufführung ins Publikum, sprach mit den Leuten, trank einen Schluck Wein, ging zurück und spielte weiter. Sehr cool!

Warum hat sich das geändert?
Hyung-ki Joo: Sicher sind Wagner und Mahler mit ihrer Überernsthaftigkeit zwei der Gründe, auch wenn ich die Musik der beiden sehr liebe. Und diese ganze Haltung der Romantik, das stilisierte Leiden, der Schmerz – auch in der Literatur und Malerei. Da gab es plötzlich weniger Raum für Witz und Humor, auch für das Absurde, das Groteske. Im Barock und in der Klassik war das anders. Ich will ja nicht, dass man beim langsamen Satz einer Mahlersinfonie oder eines Beethoven-Streichquartetts isst, trinkt und plaudert, aber es gibt eine Form von natürlicher Stille, die eintritt, ohne dass man den Leuten sagen muss, dass sie still sein sollen. Kinder sind dafür ein gutes Testpublikum. Die wollen nicht still sitzen, und wenn man ihnen sagt, sie sollen es tun, haben sie keinen Spaß oder rebellieren. Aber wenn man eine Verbindung zu ihnen aufbaut, sie abholt und in die Musik reinholt, dann machen sie das automatisch. Das ist das Grundproblem: Wir haben das Publikum immer weiter weggeschoben, als seien sie nur Sklaven der heiligen Musik, statt es reinzuholen, wie das Liszt und viele andere taten.

Und Aleksey Igudesman und Sie wollten das schon als Jugendliche ändern?
Hyung-ki Joo: Wir haben uns nicht hingesetzt und ein Dekret verfasst, wir wussten einfach nur, dass unsere Konzerte anders sein sollten. Wir wollten Konzerte veranstalten, die wir selbst gerne besuchen würden. Auch die Programme sind heute fast überall unkreativ. Viele Komponisten werden komplett ignoriert. Schneide heute aus einer beliebigen Konzertvorschau weltweit den Standort aus, und du könntest nicht sagen, zu welchem Haus sie gehört. Es würde reichen, eine einzige Konzertvorschau für alle zu drucken.

Sie wollten also das Repertoire erweitern?
Hyung-ki Joo: Ja, und wir wollten, dass Konzerte noch mehr Spaß machen. Natürlich sollen die Musiker selbst ernsthaft und engagiert sein. Aber wenn Musiker schon mit so einer Ich-bin-euch-überlegen-Haltung auf die Bühne kommen, ist das ärgerlich und beängstigend. Wir stellen uns immer vor, was Außerirdische denken würden, die in einem klassischen Konzert landen: Diese seltsamen Pinguine, die nicht miteinander kommunizieren, nicht einmal „hallo“ sagen, das zeremoniell gedämpfte Licht … Absurd!

Was war Ihre Humorkonzert-Premiere?
Hyung-ki Joo: Definitiv ein Weihnachtskonzert noch in der Yehudi Menuhin School, ich glaube 1988. Zusammen mit zwei anderen machten wir einen kurzen Sketch. Wir parodierten ein paar bekannte Lieder, zogen Spaghetti aus dem Klavier … Es war ein Riesenerfolg! Und ich persönlich fühlte mich wie der coolste Typ der Welt! Ich war bis dahin in der Schule nicht so beliebt gewesen, aber nun spielte ich mit ein paar der angesagtesten Typen in einem Quartett und brachte die Leute zum Lachen. Natürlich war das der Kontext einer Weihnachtsfeier, und wir waren jung, also kapierte wahrscheinlich niemand, dass das genau das war, was wir machen wollten.

Hatten Sie beide es verstanden?
Hyung-ki Joo: Ja, wir haben das sehr bewusst gemacht und wurden schnell immer professioneller. Beeinflusst wurden wir auch vom Musiktheater. Wir haben einfach alles zusammengewürfelt: Ernste und komische Musik, Theater und auch Neue Musik, wir komponieren ja auch beide. Wir waren 17 oder 18, wollten unsere eigene, moderne Klangsprache finden, auch im performativen Bereich. Einmal drückten wir zum Beispiel jedem Konzertbesucher am Eingang einen Zahnstocher in die Hand, ohne Kommentar. Ganz am Ende des Konzerts warfen wir Luftballons ins Publikum – wiederum ohne Anleitung, aber es braucht ja nur einen schlauen Menschen, der es versteht und anfängt, die Luftballons zu zerstechen, und die anderen machen mit. Es war wie ein Feuerwerk und auch visuell ästhetisch und natürlich humoristisch.

Sie arbeiten mit Aleksey Igudesman jetzt also seit 26 Jahren zusammen. Waren Sie immer über alles einig?
Hyung-ki Joo: Absolut nicht. Wir haben dieselben Wurzeln, befinden uns aber oft auf entgegengesetzten Seiten der Medaille. Aber Unstimmigkeiten machen uns stärker. Das ist der Luxus an einem Duo. Als Ein-Mann-Show hat man wirklich nur sich selbst. Aber wenn zwei starke, unterschiedliche Persönlichkeiten miteinander konfrontiert werden, führt das oft zu einer dritten Perspektive, die spannender ist als die ursprünglichen zwei. Wir haben eine Ping-Pong-Beziehung: Der eine spielt eine Idee, der andere spielt sie in anderer Farbe zurück.

Ähneln Ihre Bühnenpersönlichkeiten den privaten?
Hyung-ki Joo: Im Gegensatz zu einigen Comedians tun wir auf der Bühne grundsätzlich dasselbe wie privat, nur leicht übertrieben. Wir sind sehr authentisch. Ich glaube, dass Humor die Grundvoraussetzung ist, um ein gesundes und langes Leben zu führen. Die Welt ist nicht perfekt, und genau deshalb ist sie so fantastisch. Niemand will Krieg, niemand will Naturkatastrophen, aber schreckliche Ereignisse stärken den Zusammenhalt. Wir brauchen Tag und Nacht. Es kann nicht immer nur Sonne sein! Aber wenn wir bei Katastrophen keinen Humor mitbringen, wird es schlicht grauenvoll. Wenn man Holocaust-Überlebende fragt, was sie am Leben gehalten hat, nennen sie meistens zwei Dinge: Musik und Humor.

Aktuelle CD:

Igudesman & Joo:
„You Just Have to Laugh.
Vol. 1.
,The Unmaking of‘
Feat. John Malkovich“

(Db Music)
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