ECHO Klassik 2014 – Das Lebenswerk: Nikolaus Harnoncourt

Nikolaus Harnoncourt (84) wird für sein Lebenswerk geehrt. Foto: Marco Borggreve

Kurz vor seinem 85. Geburtstag bekommt Nikolaus Harnoncourt ein verfrühtes Geburtstagsgeschenk: den ECHO Klassik für sein Lebenswerk. Sich selbst schenkt er auch schon etwas – und das doch überraschend: ein Album mit Lang Lang!

Überraschung! Nikolaus Harnoncourt hat ein Mozart-Album mit Lang Lang aufgenommen. Eine ungewöhnliche Kombination? Nicht doch: Harnoncourt fühlt sich erinnert an seinen alten Freund Friedrich Gulda.

Herr Harnoncourt, ich habe einmal ein Fernsehinterview mit Ihnen gesehen. Sie sagten damals, es sei ganz unvorstellbar, klassische Musik „nebenbei“ zu hören, also zum Beispiel beim Autofahren. Das ist nachvollziehbar. Aber schrecken Sie damit nicht viele „normale Menschen“ ab? Brauchen wir für die Musik nicht auch diejenigen, die die Krönungsmesse gern beim Bügeln hören?
Also, wenn die Krönungsmesse von mir geleitet ist, dann hoffe ich, dass bei denen, die sie hören das Bügeleisen durch die Wäsche brennt! Ich kann nicht in einen Lift hineingehen, wenn da Musik ist. Oder wenn ich beim Mittagessen bin, und in dem Restaurant wird Musik gespielt, dann kann ich nur entweder essen oder Musik hören. Beides erfordert meine ganze Aufmerksamkeit. Doch komisch ist: Wenn da nun ein Pianist sitzt und spielt, dann kann ich ohne Weiteres essen. Denn wenn er das gut macht, dann kreiert er eine Kulisse zum Essen. Das geht. Und übrigens: Wenn die Leute im Auto Mozart wirklich hören würden, dann müsste man ja Angst haben, über die Straße zu gehen. Ich könnte das nicht. Ich hätte an jeder Ecke Angst, einen Unfall zu haben.

Warum benötigen Menschen heute diese ständige Musikkulisse?
In den letzten 50 Jahren veränderte sich graduell die Lebensweise in der westlichen Welt. Alles hat sich in Richtung Zweckmäßigkeit entwickelt: Schnelles Ergebnis, schnelles Geld. Ich habe vier Kinder und habe den Eindruck, dass auch das, was in den Schulen unterrichtet wird, alles darauf ausgelegt ist, so schnell wie möglich brauchbar zu sein. Ich persönlich finde: Das ist das Ende der Kultur! Unsere Ausbildung früher war viel musischer und breiter angelegt. Wir haben zum Beginn eines jeden Schultags ein Lied gesungen. Es wurde über alles intensiv gesprochen. Am Ende dieser Schulausbildung hatte ich wirklich etwas erfahren von der Welt. Ich konnte etwas mit dem Leben anfangen.

Wie genau meinen Sie das?
Natürlich musste man sich nach der Schulzeit irgendwie ernähren. Dazu hat bei mir der Hausverstand gereicht. Heute sinken wir ab zu erzogenen Schimpansen, die ihre Sprache nur noch benutzen, um zu sagen: „Hol mir eine Semmel!“ oder „Bring mir’s Rad!“ – also nur noch für das Praktische. Die, die sich mit Mühe und Aufwand noch um ihr Menschsein kümmern, werden immer weniger.

Es gibt also keine universale Bildung mehr …
Ja, das wird überhaupt nicht mehr propagiert, obwohl doch die Allgemeinbildung zu einer jeden Tätigkeit befähigt. Es ist ein großer Irrtum, dass man immer mit dem Spezialwissen anfangen muss. Ich kann ein bisschen Schmieden, ein wenig Schlosserei, in der Tischlerei bin ich sehr gut, und ich kenne mich gut aus in der Musik. Zu vielen dieser Handwerke bin ich ja gar nicht ausgebildet worden. Aber ich würde mich genieren, wenn ich nicht einige kaputte Sachen reparieren könnte.

Lassen Sie uns zurück zur Musik kommen. Als Sie begannen, waren Sie nicht der einzige, der „frischen Wind“ in die Musik pusten wollte. Aber nicht jeder hat es damals mit den gleichen Mitteln wie Sie probiert. Da gab es ja in den 1950ern etwa auch Figuren wie Neville Marriner …
Ja, der Marriner. Oder aber auch Karl Münchinger. Ich habe beide im Konzert gesehen. Den Zugang vom Marriner, den fand ich schon sehr interessant – wenn er auch grundsätzlich verschieden von meinem Zugang war. Ich hab ihn vom Stil her immer mit Paul Hindemith verglichen. Hindemith hat ja auch oft Barockmusik dirigiert, doch den Marriner fand ich noch viel interessanter. Meinem Eindruck nach ging es ihm darum, die Musik bis etwa Mozart und Haydn sehr lebendig und virtuos zu bringen. Er war der führende Dirigent, wenn es darum ging, diesen schleimigen Klang der Wagner- und Brucknerzeit, den man damals allgemein bis in die Musik der Klassik zurückzog, abzuschütteln. Mir aber ist es um etwas ganz anderes gegangen. Ich habe mich immer gefragt: Was sind die Inhalte der Musik? Es ist mir damals gar nicht in erster Linie darum gegangen, auf alten Instrumenten zu spielen. Ich bin bald auf die Frage der Rhetorik gekommen und auch auf das, was Komponisten über ihre eigenen Werke geschrieben haben. Daraus bezog ich Antworten und Lösungsmöglichkeiten.

Damals wurde selbst barocke Orchestermusik mit dem Konzertflügel begleitet, nicht mit dem Cembalo. Heute lassen Vertreter der sogenannten historischen Aufführungspraxis selbst Tschaikowsky ohne Vibrato spielen. Ist das nicht genauso merkwürdig?
Zunächst: Sie können nicht etwas verurteilen, was seine Begründung aus der Zeit heraus hat. Wenn Furtwängler Bach auf dem Klavier begleitet hat, dann hatte das seinen Grund. Nämlich darin, dass er diese Musik für das Publikum seiner Zeit aufgeführt hat. Und natürlich ist die Situation heute auf ihre Art und Weise ebenfalls absurd. Wir verwechseln heute eine Seminararbeit mit dem Titel „Wie war es damals?“ mit der Frage „Was will uns die Musik sagen?“ Wie schön wäre es, wenn man Tschaikowsky oder Bach selbst hätte dirigieren hören können. Doch das geht ja nicht. Und so bleiben  musikwissenschaftliche Fragestellungen übrig, die einfach nicht eindeutig beantwortbar sind.

Dabei scheint das Thema „Vibrato“ ein ganz besonderes Reizthema zu sein.
Ich habe Vitae früherer Dirigenten studiert, weiß ganz genau, wann Leute wie Richard Strauss von Darmsaiten auf Stahlsaiten haben umsatteln lassen und so weiter. Daraus wissen wir: Die alten Dirigenten, die haben mindestens hundert Arten von Vibrato gehabt. Ich habe auch mit Roger Norrington oft diskutiert. Er ist ja der Meinung, dass man noch bis in die 1930er-Jahre fast ganz ohne Vibrato gespielt habe. Der Kern der Sache ist aber: Das Vibrato hatte damals einfach mehr Sinn. Die Musiker von früher haben das Vibrato nur an bestimmten Stellen eingesetzt, wo es für sie wirklich etwas brachte. Wenn Sie heute zu einer Universität gehen, werden Sie sehen, dass ein Geiger, der etwas Kluges mit seinem Vibrato anfangen kann, inzwischen eine Ausnahme ist. Das ist mir sogar aufgefallen bei den Aufnahmen mit den Wiener Philharmonikern zu dem Mozart-Album, das ich kürzlich mit Lang Lang gemacht habe. Da musste ich dem Orchester wirklich ganz genau sagen, wo sie vibrieren dürfen und wo nicht.

Gutes Thema: Ganz viele Klassikhörer sind derzeit nämlich überrascht, dass Sie ein Album mit Lang Lang aufgenommen haben. Dabei wissen die meisten vielleicht gar nicht, dass Sie Lang Lang schon seit Jahren kennen. Der hat doch mal ein Klavier bei Ihnen zuhause kaputtgemacht, oder?
Wer hat Ihnen denn das erzählt? (lacht) Also das war so: Da kam zu mir ein Prager Klavierbauer mit Kopien von Klavieren aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Lang Lang hat sehr kurz und eigentlich sehr schön und interessant auf meinem persönlichen, alten Klavier gespielt. Aber ich habe schon gemerkt, dass seine Muskeln auf einen anderen Tastenwiderstand eingestellt sind. Da hat ihn der Klavierbauer eingeladen, auf einem Klavier der Chopin-Zeit zu spielen. Und da hat Lang Lang gemerkt: Das geht! Und da waren viele Pedale, mit denen man manches machen konnte. In dem Maß, wie er sich dann da richtig hineingeworfen hat in das Klavier, hat das Instrument so kleine Schmerzensschreie von sich gegeben. Lang Lang hat dann das Klavier nicht richtig kaputt gemacht, nur die Aufhängungen der Pedale waren alle durchgetreten. Aber das war ja schon vor Jahren. Ich bin ganz sicher, dass er heute auf so einem Klavier spielen würde wie ein Gott.

Kann man sich Ihren Kontakt mit Lang Lang als einen regelmäßigen Austausch vorstellen?
Nein, das war immer auf Projektbasis. Zum Beispiel haben mich einmal die Wiener Philharmoniker gefragt, ob ich in der Besetzung mit ihnen und Lang Lang die Eröffnung der Carnegie Hall dirigieren möchte. Ich sagte ja, aber nur, wenn ich das mit Lang Lang vorher durchsprechen könnte und wenn es vorher ein paar Konzerte in Europa gäbe. Ich glaube, Lang Lang rechnete so mit fünf Minuten Absprache im Vorfeld. Wir bekamen einen kleinen Saal im Musikverein gestellt, und es wurden drei Stunden. Es war ganz toll, wie Lang Lang auf meine Ideen reagiert hat, welche Fragen er gestellt hat usw. Er hat mich unglaublich stark an meinen alten Freund Friedrich Gulda erinnert. Wenn ich mit Gulda damals etwas erarbeitet habe, hat er oft gemeint: „Mein Lehrer hot immer g’sogt, des derf ma’ net!“ In seiner Art, wie er reagiert hat, war Lang Lang ganz genauso. Er hat intellektuell sofort verstanden, was ich meinte, und konnte das mit seinem großen Können auch sofort umsetzen. Das war eine Initialzündung. Lang Lang hat dann bei der Sony gesagt, er möchte gern zwei Mozart-Konzerte aufnehmen, aber nur mit mir.

Und da waren Sie gleich einverstanden?
Ich habe gesagt, dass ich eigentlich beschlossen hatte, so etwas nur noch mit alten Klavieren zu machen. Aber wenn es Lang Lang spielt, dann springe ich noch einmal sozusagen einen Schritt zurück zu Gulda. Jetzt stellen Sie sich vor: Da kam der Lang Lang ein Jahr vor der Aufnahme hier zu mir nach St. Georgen, und wir haben in der örtlichen Musikschule einen ganzen Tag an den Klavierkonzerten gearbeitet. Es war eine reine Freude, eine wirklich kreative Zusammenarbeit. Nur – so etwas macht man normalerweise zwei Tage vor der ersten Orchesterprobe, nicht ein Jahr vorher. Und dann kam Lang Lang nach dieser langen Zeit zu der ersten Sitzung mit dem Orchester. Und alles war, als hätten wir es gestern einstudiert. Es war eine tolle Atmosphäre, die auch das Orchester beflügelt hat. In den Abhörpausen ist ein großer Teil der Musiker mit uns in den Abhörraum gekommen. Und das ist nun wirklich eher unüblich.

Zum Schluss stellen Sie sich bitte vor, Sie wären wieder jung und möchten noch einmal die etablierten Dirigenten wie damals infrage stellen. Wie kann man das heute machen?
Oh, das kann man ja nur in Buchform beantworten. Diese „was wäre wenn“-Fragen, die kann ich ganz schlecht beantworten, weil ich mich ja immer nur als den von heute kenne. Und wenn ich an mich von früher denke, dann sehe ich, was ich früher alles noch nicht kannte oder welche anderen Sichtweisen ich hatte. Wenn ich etwas sehe, was ich bei vielen heutigen Dirigenten schlimm finde, dann ist es, dass sie einfach das glauben, was die Musikwissenschaft schreibt. Ich habe immer gezweifelt. Ich finde: Ohne Zweifel kann man überhaupt nicht weiterkommen.

Lang Lang: The Mozart Album (Deluxe Edition)
Sony Classical (Sony Music)
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