ECHO Klassik 2014 Spezial: Die Geheimtipps

Extra für crescendo trommelte das dogma chamber orchestra alle seine Musiker zusammen und beantwortete die Frage

Sie sind fantastische Musiker, aber in der Fernseh-Gala des ZDF kommen sie nicht vor. Da setzt man auf die großen Namen. Wir haben abseits der Prominenz mal genauer hingehört. Hier sind unsere ECHO Klassik-Geheimtipps 2014!

dogma chamber orchestra
Auf Entdeckerpfaden

Die ausgezeichnete CD ist die dritte Einspielung des jungen Orchesters. Mikhail Gurewitsch, der Leiter des dogma chamber orchestra freut sich über die ECHO-gekrönte Auszeichnung – weil sie dem unkonventionellen Weg, den das Orchester geht, recht gibt. Gemeinsam mit seinen Orchesterkollegen will Gurewitsch das klassische Musikleben verändern: Sein Orchester besteht aus durchweg jungen Musikern, sie spielen konsequent im Stehen und moderieren ihre Konzerte, bieten hinterher Raum für Fragen, Diskussionen und Gespräche mit dem Publikum. Der ECHO Klassik 2014 ist immerhin schon der zweite ECHO Klassik für das Kammerorchester. Doch während es den ersten Preis 2012 für die Surroundeinspielung es Jahres gab, stehen diesmal eher die künstlerischen Aspekte im Mittelpunkt – und für das Orchester war die Schostakowitsch-Aufnahme eine echte Entdeckungsreise:

“Ich wurde sehr früh mit der Musik von Dimitri Schostakowitsch konfrontiert. Und wie das Leben so spielt, waren die Klavierpräludien die ersten Stücke des Komponisten, die ich als Kind spielen sollte (erstmal im Original am Klavier). Kurze Zeit später wurde die Bearbeitung dieser Miniaturen für Violine und Klavier zu meinem Standartrepertoire als Geiger . Und als ich erfuhr, dass eine Version für Streichorchester von Grigory Korchmar existiert, war ich sehr gespannt. Wir hatten eigentlich ein anderes Programm für die CD vorgesehen, aber als wir die Noten bekommen und die Stücke durchgespielt haben, war sofort klar, dass wir es unbedingt aufnehmen wollen.Dazu ist es auch eine Erstaufnahme! Das Besondere an unseren Präludien ist, dass es weniger eine Art Bearbeitung ist, bei der man die Stimmen einfach verteilt damit man’s in einer passenden Besetzung spielen kann. Ganz im Gegenteil: es klingt wie etwas Neues, die Stücke erscheinen in einem völlig neuen Gewand. Das ist fast schon ein Entdeckergefühl, das man dabei hat! Als hätte man ein neues Werk von Schostakowitsch gefunden…  Bei der Aufnahmesession, die entsprechend intensiv und kräfteraubend war, ist mir besonders der Moment in Erinnerung geblieben, als die Aufnahme zu Ende gehen sollte. Eigentlich erschöpft, wollten wir gar nicht weg von der Bühne des Sendesaals Bremen, wo die Aufnahme stattfand. Der Moment war sehr emotional – das Gefühl vielleicht etwas besonderes geschaffen zu haben war so ergreifend! Wir sind sehr froh, dass diese Aufnahme die Anerkennung gefunden hat und dass damit noch mehr Aufmerksamkeit auf diese fantastische Musik gelenkt wird.”

Das dogma chamber orchestra erhält den ECHO Klassik für die Sinfonische Einspielung des Jahres
(20./21. Jh.)

Schostakowitsch: 24 Preludes Op.34/Streichquartett 8 Op.110, Mikhail Gurewitsch, dogma chamber orchestra
Musikproduktion Dabringhaus und Grimm (Naxos Deutschland)

 

fabergé-quintett
Auf der Jagd nach ­Schmuckstücken
Als wir das Ensemble gebeten haben, uns doch einen kleinen Fotogruß für unsere Leser zu schicken, haben sie sich kurzerhand den ECHO ihrer Kollegen von der NDR Big Band ausgeliehen. Ihre eigene Trophäe bekommen die Fünf für eine Einspielung mit Werken Adolphe Blancs.

Foto: Katharina Kühl

Als sich die Musiker vom anfänglichen „Hamburger Streichquintett“ in das nach dem gleichnamigen Juwelier benannte fabergé-quintett umtauften, hatten sie es sich zum Ziel gesetzt „musikalische Schmuckstücke“ wieder aus der Vergangenheit hervorzuholen. Wie aber findet man noch unbekannte Musik für diese Besetzung? Der Kontrabassist des Ensembles, Peter Schmidt, hat eine wunderbare Quelle: Als er gerade erst mit dem Kontrabassspielen begonnen hatte, schenkte seine Mutter ihm ein Buch, einen „richtig dicken Schinken“, geschrieben vom Wiener Kontrabassisten Alfred Planyavsky. Der Anhang des Wälzers ist besonders spannend: dort stehen in einem geordneten Verzeichnis alle Werke, in denen ein Kontrabass besetzt ist, „vom einzelnen Kontrabass bis zum Nonett“.  Spricht ihn etwas an, beginnt sofort die Recherche: Dann gilt es in Bibliotheken nach Noten zu forsten und die Musik auszuprobieren. So war᾽s auch bei den Werken von Adolphe Blanc. Die Klangsprache des französischen Komponisten traf beim gesamten Ensemble schnell auf Begeisterung: „Das ist reine Spielfreude! Es macht einfach Spaß diese Werke zu zelebrieren!“ Umso größer ist jetzt die Freude über die Auszeichnung mit dem ECHO Klassik: „Den ECHO zu bekommen ist schon ein Ritterschlag auf beide Schultern. Das ist jetzt natürlich das i-Tüpfelchen auf dem schlagobersten Sahnehäubchen.“

Das fabergé-quintett erhält den ECHO Klassik für die Kammermusikeinspielung des Jahres
(Musik 19. Jh.)/Streicher

Faberge Quintet: Adolphe Blanc: String Quintets No. 3, 4 & 7 by Faberge Quintet (2014) Audio CD
Es-Dur

 

Miriam Feuersinger
Himmlische Klänge
Für uns die größte Entdeckung in der diesjährigen Preisträger-Liste: Miriam Feuersingers Album mit Kantaten des Barock-Komponisten Christoph Graupner. Die Sopranistin hat eine dermaßen klare und berückende Stimme und eine feinsinnige Art zu musizieren, dass einem das Herz ganz voll davon wird. Noch dazu sind die Stücke, die sie auf „Himmlische Stunden, selige Zeiten“ aufgenommen hat, schon lange entdeckungs-überfällig. Ob man mit dem Namen „Feuersinger“ für eine Gesangs-Karriere prädestiniert ist? Die Sopranistin erklärt: „Der Name kommt ja eigentlich vom Begriff ‚Feuer sengen‘, also Feuer entzünden. Aber auch das finde ich einen schönen Gedanken: Wenn ich bei den Leuten die Begeisterung für diese Musik entfachen kann, dann habe ich es geschafft!“

Miriam Feuersinger erhält den ECHO Klassik für die Solistische Einspielung des Jahres
(Gesang/Arien und Rezitale)

Miriam Feuersinger: Graupner: Himmlische Stunden, selige Zeiten
Christophorus


Ensemble Blumina

Tierisches Vergnügen
Extra für crescendo hat das Ensemble Blumina sein Logo im ECHO-Gewand aufgemalt. Die Erklärung dazu: „Die Idee kam uns beim Bummel durch den Tierpark Dublin. Das Sternzeichen des Fagottisten Mathias Baier ist Löwe (und er hat rote Haare), wer das Zebra ist, sehen Sie leicht am Klaviertasten-Muster (Elisaveta Blumina), und ein Oboist (Kalev Kuljus) ist immer irgendwie ein (Paradies-)Vogel …“ Den ECHO gibt᾽s für ein Album mit Trios von Previn, Françaix und Poulenc. Glückwunsch!

Interview mit Mathias Baier, Fagottist des Ensemble Blumina
Was ist so besonders reizvoll an der Besetzung des Ensemble Blumina? Vor allem im Vergleich zum „klassischen“ Klaviertrio…
Das klassische Klaviertrio hat einen entscheidenden Vorteil: Die grosse klangliche Homogenität der beiden Streichinstrumente. Die Frage, die sich zwangsläufig durch unsere eben doch andere Trio-Besetzung stellt: Inwiefern ist deren Vorteil vielleicht auch ein Nachteil? Die Antwort: Die für den Hörer deutlicher differierenden Farben der Oboe und des Fagottes machen polyphones Geschehen leichter nachvollziehbar. Und die jeweils spezifischen Charakteristika der beiden Blasinstrumente – ohne jetzt irgendwelchen Klischees zu verfallen – ergeben insgesamt eine breitere farbliche Palette. (Die hochverehrten Kollegen Streicher mögen mir diese Bemerkung bitte verzeihen!)
Wonach richten Sie sich in Ihrer Programm-/Werkauswahl? Und wer hat das letzte Wort?
Das Wort “Auswahl” ist zwar prinzipiell richtig, noch besser wäre aber: “Suche”! Die (Original-) Literatur für unser Ensemble ist nicht besonders umfangreich, jedenfalls nicht an Werken dieser Qualität wie sie auf unserer CD vereint sind. Nicht nur deshalb ergänzen wir unsere Programme immer gerne durch Duo- oder sogar Solostücke. Dann wird es plötzlich möglich, ganz spezielle Themengebiete zu “beleuchten”. Das kann dann z.B. sein: “Werke französischer Komponisten” oder “jüdische/verfemte Musik”. Wahrscheinlich wissen Sie ja: Zu letzterem Thema gibt es ein grosses Engagement unserer Pianistin Elisaveta Blumina, die gerade gemeinsam mit vielen grossartigen Kollegen das Kammermusikwerk von Mieczyslaw Weinberg bei cpo einspielt. Und bei unserer Suche nach Literatur dürfen Sie bitte auch nicht vergessen, dass wir den ECHO in der Kategorie Musik des 20./21.Jahrhunderts bekommen haben. Vielleicht spiegelt sich das in der Werkauswahl unserer CD noch nicht so wieder, aber wir bekommen tatsächlich beinah täglich Post von Komponisten. Und einige Uraufführungen haben wir auch schon gespielt, wie gerade Anfang September beim Russischen Kammermusikfest Hamburg. “Das letzte Wort” bei der Programm-Gestaltung? In unserer kleinen Dreipersonen-Demokratie gibt es immer irgendeine Mehrheit, und da dürfen jetzt mal die Streichquartett-Kollegen neidisch sein!
Was bedeutet Ihnen der ECHO Klassik-Preis?
Zuerst darf ich sagen, dass wir wirklich sehr überrascht waren! Wir arbeiten in einem Genre, dass durch – mit Verlaub – viel Mittelmässigkeit, durch “Muggen”-Mentalität usw. sich in den letzten Jahrzehnten systematisch selbst seinen Ruf verdorben hat. Aber gleichzeitig schätzen wir ausserordentlich die wirklich ernsthafte Arbeit vieler Kollegen, die (so wie wir) mit viel Mühe und Fleiss versuchen, vielleicht etwas besser – nein gründlicher, authentischer, ehrlicher, gewissenhafter – zu sein als der “Mainstream”. Es gibt eine alte Regel: 10% besser = 100% mehr Arbeit. Das erfordert dann viel Enthusiasmus, zumal wenn man vermuten muss, dass den Unterschied dann wahrscheinlich nur 1% des Publikums zu würdigen weiss. Oder bin ich zu streng? Ja, wahrscheinlich: Der ECHO für unser Ensemble straft mich Lügen – und darüber bin ich sehr froh! Und ich sehe deshalb in ihm nicht nur eine Bestätigung für unsere Arbeit, sondern auch eine Ermutigung für alle anderen Ensembles, die so denken und arbeiten wie wir, derer gibt es Gott sei Dank viele!
Gibt es schon Pläne für das nächste Projekt?
Ja natürlich, vielleicht eine neue CD. Auf jeden Fall aber die Ausweitung unserer Konzert-Tätigkeit auch international. Gespräche mit Agenturen in Spanien und in Israel laufen schon sehr erfolgversprechend, auch gibt es Pläne für Südafrika, Japan und die USA. Und einen Plan der über all dem steht: Die ständige Suche nach guten – und wie ich oben schon sagte: Neuen Stücken für unsere Besetzung.
Wenn wir als Ensemble einen ECHO vergeben dürften, dann an…für…?
Mein ganz persönlicher Wunsch: Niemand hat sich in den vergangenen Jahrzehnten mehr in den Dienst der Bläserkammermusik gestellt als mein hochverehrter Freund und Mentor Klaus Rainer Schöll. Ein ECHO für sein Lebenswerk würde dies würdigen, seine Arbeit beim Schott-Verlag und die seiner vielen enthusiastisch mitkämpfenden Bläser-Kollegen!

Das Ensemble Blumina erhält den ECHO Klassik für die Kammermusikeinspielung des Jahres
(Musik 20./21. Jh.)/gem. Ensemble

Ensemble Blumina: Francaix / Previn / Poulenc: Trios für Oboe, Fagott und Klavier
Musikproduktion Dabringhaus und Grimm (Naxos Deutschland Musik & Video Vertriebs-)

Stephan Schardt
Auf zwei Bögen

Foto: Y. Hasumi / Chr. Flemm

Den ECHO Klassik bekommt er für seine Ersteinspielung der 1715 entstandenen „Frankfurter Sonaten“ von Georg Philipp Telemann, der Violinist Stephan Schardt ist jedoch auch auf der modernen Violine ein gefragter Solist, Lehrer und Kammermusiker. So war er nicht nur Konzertmeister des Ensembles Musica Antiqua, er unterrichtete bereits moderne Violine an der Kölner Musikhochschule und Barockvioline an der Folkwang Hochschule in Essen. Das Umstellen zwischen den beiden Instrumenten funktioniert dabei nur projektweise – es benötigt auch für ihn noch immer Zeit sich an die Eigenheiten der jeweiligen Violine und ihre Spielweise zu gewöhnen: „man schafft es natürlich nicht immer jeden Tag beide fit zu halten, aber die Projekte werden so gelegt, dass genügend Übezeit vorhanden ist.“ Vor allem die Bogenhaltung macht einen großen Unterschied. Stephan Schardt besitzt fünf verschiedene Bögen – in barocker und moderner Bauweise, die er regelmäßig spielt. Dabei kann er im Geigenkasten natürlich immer nur zwei unterbringen, das erfordert eine gute Planung. Auch im Lagenspiel und Vibratoeinsatz der linken Hand und der Artikulation zeigen sich Unterschiede. Auf beiden Geigen spielt Stephan Schardt Darmsaiten, die seiner modernen Violine sind jedoch noch einmal mit Stahl umsponnen. Alleine dieser haptische Aspekt erfordert schon eine Umgewöhnung. Doch das Spiel auf den beiden verschiedenen Instrumenten „befruchtet“ sich gegenseitig „sowohl technisch als auch musikalisch“. Der größte Unterschied bleibt natürlich die Musik. Zuletzt hat Schardt Stamitz’ Violinsonaten eingespielt. Was es ihm bedeutet einen ECHO zu bekommen? Die erste spontane spaßige Antwort: „In meinem Alter? Das wurde aber auch mal Zeit“, aber eigentlich freut es ihn am meisten, dass eine Jury „mit ihren vielen verschiedenen Geschmäckern“, die Erstaufnahme von Werken „die unter Geigern bekannt sein sollten, oder nun hoffentlich bekannter werden“, zu schätzen weiß und dass der Preis im Idealfall dazu beiträgt, diese wunderbare Musik einem noch größeren Publikum zu präsentieren.

Stephan Schardt bekommt den ECHO Klassik für die Solistische Einspielung des Jahres
(17./18. Jh.)/Violine

Stephan Schardt: Violin Sonaten Frankfurt 1715
Musikproduktion Dabringhaus und Grimm (Naxos Deutschland Musik & Video Vertriebs-)

Trio Imàge
Warum man Kagel hören muss

Foto: Larry Horricks

Das Trio Imàge erklärt, warum ihre ECHO-prämierte Debüt-CD mit Werken von Mauricio Kagel so spannend ist:
“Die Klaviertrios von Mauricio Kagel: extrem spannende und emotionale Musik, die abgrundtief und manchmal übermütig provokant die menschliche Seelenlandschaft durchdringt. Das erste Trio begleitet uns schon seit vielen Jahren. Durchaus klassisch 3-sätzig komponiert entführt es kurzweilig sowohl uns Interpreten als auch die Zuhörer in die dunkelsten Ecken menschlicher Emotionalität – tatsächlich basiert das Werk auf Erzählungen über den Teufel. Auch das zweite Trio, das Kagel als er nach der Fertigstellung des ersten Satzes am 11.9.2001 von den Vorkommnissen in New York erfuhr, abbrach und das somit einsätzig blieb, fasziniert und fesselt uns jedes mal aufs neue. Von dunkler Vorahnung erfüllt, hat es absolut apokalyptischen Charakter. Die emotionale Dichte und die Identifikation mit Kagels Musiksprache ließ für uns keine Zweifel aufkommen, diese Werke für unsere Debüt-CD auszuwählen. Werke, die uns sehr am Herzen liegen und die ein tiefemotionales Hörerlebnis garantieren.”

Das Trio Imàge bekommt einen ECHO Klassik für die Welt-Ersteinspielung des Jahres

Trio Image: Klaviertrios I-III
Cavi-Music (Harmonia Mundi)

 

Außerdem ausgezeichnet:

Das Ensemble NeoBarock bekommt einen ECHO Klassik für die Kammermusikeinspielung des Jahres (Musik bis inkl. 17./18. Jh.)/gem. Ensemble

Robert Schneider: Musik der Einsamkeit
Ambitus (Klassik Center Kassel)

Die Hannoversche Hofkapelle bekommt einen ECHO Klassik für die Sinfonische Einspielung des Jahres (bis inkl. 18. Jh.)

Hannoversche Hofkapelle: Händel: Wassermusik/Concerto Grosso Op.6,11
Musikproduktion Dabringhaus und Grimm (Naxos Deutschland Musik & Video Vertriebs-)
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