ECHO KLASSIK 2017: Fazil Say

Foto: Marco Borggreve

Preisträger der Kategorie “Solistische Einspielung (Musik bis inkl. 17. / 18. Jh.)/ Klavier”

Wolfgang Amadeus Mozart: “Complete Piano Sonatas”, Fazil Say (Warner Classics)

Selten klang Mozart so lebendig wie bei Fazil Says Gesamteinspielung aller Sonaten.

Fazil Say ist wie ein allgegenwärtiger, strahlender Schatten bei dieser ECHO-Preisverleihung. Auf zahlreichen Alben taucht Musik von ihm auf – in der Regel interpretiert von anderen Künstlern. Er selber erhält allerdings auch einen Preis, und zwar als Pianist, der etwas wagt, was nur noch wenige seiner Kollegen in Angriff nehmen: die Gesamteinspielung aller Mozart-Sonaten auf sechs CD. Der türkische Pianist hält diese Einspielung für die „vielseitigste und Bedeutendste“ seiner bisherigen Aufnahmetätigkeit. Das mag verwundern, denn Fazil Say ist allein schon als Pianist ein Berserker mit einem erstaunlichen Katalog. Hinzu kommt sein Engagement als politischer Aktivist, dem es darum geht, mehr Demokratie und musikalische Vielfalt in seiner Heimat, der Türkei, auf die Beine zu stellen. Außerdem ist er als Komponist tätigt, der wie kaum ein Anderer Orient und Okzident miteinander verbindet.

Trotz all dieser anstrengenden Tätigkeiten klingt sein Mozart nun hellwach! Er ist so etwas wie die Rückkehr zu den eigenen Wurzeln, zu jener Musik, die zur Erweckung des Musikers Fazil Say geführt hat. Ziemlich schnell wird deutlich, dass Mozart für Say einen kompletten musikalischen Kosmos vorstellt. Dass er ihn nicht als hübschen Klassik-Komponisten anpackt, sondern als musikalischen Existenzialisten. Say macht sich Mozart zu eigen und setzt dabei besonders auf die Körperlichkeit des Meisters aus Wien: Der Pianist behandelt sein Klavier zuweilen wie ein Schlagwerkzeug, er kratzt und schnarrt, schnaubt und stöhnt, aber er lehnt sich immer wieder auch zurück, löst das Gefühl für Zeit auf und überführt Mozarts Musik ins Überirdische.

Vielleicht ist diese radikale Vielfalt das Besondere an Says Mamut-Werk: Es stellt nicht den einen Mozart vor, sondern die unterschiedlichen Perspektiven des Komponisten, seine betörende Gutmütigkeit, seinen Schalk, seine Verliebtheiten, seinen Glauben, aber eben immer wieder auch seine Radikalität als Vorbote Beethovens.

Fazil Say braucht kein historisches Instrument, um einen Mozart aus Fleisch und Blut zu formen. Ihm reicht dafür ein ganz normaler Konzertflügel – und die wohlüberlegte Improvisation und Offenheit mit seinem Gegenüber.

Share

Kommentieren Sie diesen Artikel

*

*

Ihre Email-Adresse wird nicht publiziert. Pflichtfelder sind markiert mit *